Berufsunfähigkeitsversicherung: Wie ein Versicherungsmakler hadert

Berufsunfähigkeitsversicherung: Wie ein Versicherungsmakler hadert

, aktualisiert 12. Oktober 2016, 14:26 Uhr
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Der Autor ist Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt.

Quelle:Handelsblatt Online

Vor dem Risiko, den eigenen Beruf nicht ausüben zu können, sollen BU-Policen schützen. Relevante Statistiken dazu veröffentlichen Versicherer nicht – und lassen einen Makler an seiner Aufgabe zweifeln. Ein Gastbeitrag.

Aufmerksam habe ich den vergangenen Tagen verfolgt, wie sich eine Debatte unter meinen Berufskollegen rund um einen Beitrag des Handelsblatts zu Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) entwickelt hat – in der Fachpresse und in sozialen Netzwerken. Die Debatte ist so heftig, dass ich lieber nur anonym meine Einschätzungen veröffentlichen will.

Ich arbeite als Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt und hadere mit BU-Policen. Aus beruflichen Gründen muss ich mich mit Risikofragen und Statistiken beschäftigen. Ich habe eine gewisse Skepsis, ob die von den Versicherern angebotenen Berufsunfähigkeitsversicherungen auch wirklich das Risiko der Verbraucher treffen oder ob hier nur Panik geschürt wird.

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Nicht nur die Verbraucher sind verunsichert, auch wir Vermittler. Wir leiden eh schon unter einem schlechten Ruf und werden von den Versicherern im Unklaren gehalten. Kein Wunder, dass der Leumund schlecht ist, wenn selbst Vermittler keine Ahnung von relevanten Daten haben – und dennoch Produkte verkaufen, Verbraucher beraten und letztlich dafür sogar noch alleine haften.

Egal wohin man schaut, immer und ausschließlich wird einem kundgetan, dass etwa jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens einmal seine „Erwerbstätigkeit einschränken oder sogar ganz aufgeben“ muss. Das ist ein Totschlagargument. Versicherer, Vertreter, die Presse, ja selbst Verbraucherschutzorganisationen verweisen darauf und betonen, dass ein jeder daher eine Berufsunfähigkeitsversicherung brauche. Die Berufsunfähigkeitsversicherung wird somit zu einer der wichtigsten Versicherungen erhoben und entsprechend beworben. Ist das berechtigt? Ich habe meine Zweifel.

Fakt ist, dass die deutschen Lebensversicherer kaum Zahlenmaterial über Berufsunfähigkeitsversicherungen veröffentlichen. Außer den läppischen Angaben über die Anzahl der Verträge und die durchschnittliche Rentenhöhe.

Ich bin seit 25 Jahren in der Branche tätig. Natürlich hatte ich auch schon Leistungsfälle, also Fälle, in denen BU-Versicherungen monatlich eine Rente an meine Kunden zahlten. Doch die Fälle traten meistens bei älteren Versicherten auf und waren oft nur temporär. Sie beschränkten sich also auf einen überschaubaren Zeitraum. Die gezahlten Renten übertrafen nicht unbedingt die Summe der während der Berufstätigkeit gezahlten Beiträge der Kunden.


„Das am besten gehütete Geheimnis der Versicherungsbranche“

Tatsächlich hatte ich auch einen Fall einer Frau, die in jungen Jahren durch einen Verkehrsunfall berufsunfähig wurde. Ihre Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung zahlte ihr monatlich etwa 2000 Euro. Sie hatte die Verträge nicht bei mir abgeschlossen. Und ich muss ehrlich sein: Ich hätte ihr die Verträge wohl ganz anders angeboten. Bei mir wäre die Kundin wegen meiner Skepsis wahrscheinlich weniger gut versorgt gewesen.

Dennoch stellt sich die Frage, ob ich wegen dieses einen konkreten Falls daher allen meinen Kunden mit teuren BU- oder Unfallversicherungen „überhelfen“ muss. Schließlich hafte ich auch für meine Beratung. Es bleibt ein flaues Gefühl im Magen – und das haben wohl die meisten Vermittler. Die Vermittlerschaft teilt sich somit in zwei Lager. In die uneingeschränkten Befürworter, die sich vor allem auf den angesprochene Handelsblatt-Beitrag zu Wort meldeten, und in die Skeptiker, die einen Bogen um solche Policen machen.

Abhilfe könnte die Offenlegung relevanter Statistiken schaffen. Rückfragen zu Leistungsfällen und Rentenzahlungen, die ich in den vergangenen Jahren an einzelne Versicherer gerichtet habe, sind mir nie richtig beantwortet worden. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) veröffentlicht seit Jahren kein aussagefähiges Zahlenmaterial zur Berufsunfähigkeitsversicherung. Die tatsächlichen Fallzahlen – also wie oft wirklich Renten gezahlt werden und in welchen Altersgruppen – sind das wohl am besten gehütete Geheimnis der Versicherungsbranche. Das scheint mir vor allem aus einem Grunde logisch: Angesichts wegbrechender Märkte bei Lebensversicherungen im Niedrigzinsumfeld scheint vielen Assekuranz-Gesellschaften die BU der letzte Hoffnungsschimmer im Vertrieb.

Für alle anderen Versicherungszweige wie zum Beispiel Todesfallabsicherungen, Unfallversicherungen oder Kfz-Versicherungen kann man ausreichend Material erhalten. Wir wissen, wie viele Menschen in Deutschland bis zum 20., 30., 50., und 60. Lebensjahr sterben oder einen Unfall erleiden. Wir können Zahlen bekommen, wie viele Arbeitsunfälle sich ereignen und wie viele in den Haushalten. Aber zu der angeblich so wichtigen Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es – nichts!


„So würde ich keine Versicherung abschließen“

Ich habe keine Ahnung, wie hoch das Risiko eines 20 bis 30-Jährigen oder einer 50-Jährigen tatsächlich ist, berufsunfähig zu werden. Ich bekomme keine Informationen, wie viele Jahre durchschnittlich die BU-Renten gezahlt werden. Die Fachpresse berichtet, welche Berufe besonders gefährlich sind. Aber sind das absolute Zahlen? Was sind das überhaupt für Zahlen?

Vielleicht kennen Sie das Buch „Die Risikolüge“ von Klaus Heilmann. Wenn ich die dort benutzte Heilmann-Skala zur Risikobewertung verwende und davon ausgehe, dass von etwa 40 Millionen Berufstätigen tatsächlich jeder Vierte innerhalb seines Berufslebens irgendwann einmal arbeitsunfähig wird, komme ich auf einen Wert, wegen dem ich keine Versicherung abschließen würde.

Für einen 50-Jährigen dagegen dürfte das Risiko wohl deutlich größer sein. Diese Gefahr kann man aber wegen fehlenden Zahlenmaterials nicht wirklich kalkulieren, nur abwägen. Und so ist dann das berühmte Bauchgefühl gefragt. Das schützt einen aber nicht immer – weder vor unbedarften Versicherern noch vor Verkäufern.

Mich würde interessieren, was Statistiker dazu sagen. Natürlich habe ich mich bereits mit einigen in Verbindung gesetzt. Das Thema scheint aber auch dort nicht besonders populär zu sein. Vielleicht weil zu viele Statistiker in den Diensten der Versicherer stehen. Da will dann niemand Nestbeschmutzung vornehmen.

Der Autor ist Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt. Sein Name ist der Handelsblatt-Redaktion bekannt. Der Bitte um Anonymisierung haben wir aus den im Text genannten Gründen entsprochen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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