Exklusivstudie: Kosten und Nutzen von Anlegerschutz-Gesetzen

Exklusivstudie: Kosten und Nutzen von Anlegerschutz-Gesetzen

von Cornelius Welp

Milliardeninvestitionen und hohe laufende Kosten im Privatkundengeschäft: Eine Exklusivstudie zeigt erstmals, was Anlegerschutz-Gesetze bringen – und was sie kosten.

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Teurer Schutz

Während Anlegerschützer und Politiker die Banken scharf kritisieren, klagt die Finanzbranche über immer neue Vorschriften im Umgang mit privaten Kunden. Die belasteten die Finanzinstitute mit übermäßigen Dokumentationspflichten und verschafften den Kunden ungerechtfertigte Vorteile, so der Tenor. Der Aufwand sei so hoch, dass einige Banken darüber nachdenken müssten, das von der Rendite her ohnehin nicht sonderlich attraktive Privatkundengeschäft ganz aufzugeben.

Wie hoch die Kosten der diversen Anlegerschutz-Gesetze tatsächlich sind und was diese auf der anderen Seite den Kunden bringen, hat die auf Finanzdienstleister spezialisierte Frankfurter Unternehmensberatung Investors Marketing jetzt exklusiv für die WirtschaftsWoche ermittelt. Die Analyse ergab: Die wichtigsten seit 2007 verabschiedeten Anlegerschutz-Gesetze belasten Banken, Versicherungen und Finanzvermittler jährlich mit 9,4 Milliarden Euro. Um die Regeln umzusetzen, musste die Branche einmalig 18,6 Milliarden Euro investieren.

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Der jährliche Nutzen für Anleger liege bei insgesamt knapp acht Milliarden Euro. „Die bisherigen Maßnahmen haben zwar einen erheblichen Kundennutzen gebracht“, sagt Oliver Mihm, Vorstand von Investors Marketing. „Allerdings werden Banken und Versicherungen die ihnen entstehenden Mehrkosten entweder durch höhere Preise an ihre Kunden weitergeben oder Kosten sparen, etwa, indem sie noch mehr Stellen abbauen.“

Da der Aufwand bei vielen Regelungen unabhängig von der Zahl der Kunden sei, würden kleinere Institute überproportional stark belastet. Weitere Fusionen und Übernahmen im deutschen Privatkundengeschäft seien deshalb wahrscheinlich.

Protokolle: Nettoeffekt positiv

Wie sich einzelne Änderungen konkret auswirken, zeigt etwa die neue Protokollpflicht. Diese macht die Beratung einerseits bürokratischer: Bankmanager gehen davon aus, dass sich die rund 49 Millionen Beratungsgespräche pro Jahr um jeweils 15 Minuten verlängern.

Andererseits dürften Kunden aber auch eine bessere Qualität der Beratung erwarten und auch erhalten, sodass die jährliche Bilanz dieser Neuerung positiv ist: Nach Berechnungen von Investors Marketing wird die neue Regel sieben Prozent des jährlich durch Falschberatung entstehenden Vermögensschadens verhindern. Allerdings sind die Einmal-Kosten, etwa für Schulung von geschätzt 167 000 Bankmitarbeitern und die Umstellung in der Technik, so hoch, dass der Nutzen der -Gesetzesänderungen die Kosten erst nach elf Jahren übersteigt. „Einige Änderungen sind so weitreichend, dass die Banken ihr Geschäftsmodell im Privatkundengeschäft überdenken müssen“, sagt Mihm. Das neue Rücktrittsrecht bei fehlerhafter telefonischer Beratung könne etwa zu -sinkenden Umsätzen im Wertpapiergeschäft führen.

Ähnlich gravierende Auswirkungen wie für Banken haben die in den vergangenen Jahren in Kraft getretenen Änderungen für Versicherungen. Besonders betroffen sind hier die freien Vermittler: Sie müssen sich registrieren, ihre Sachkunde nachweisen und eine Haftpflichtversicherung gegen Vermögensschäden abschließen.

Zwar gibt es bei Versicherungen weniger Abschlüsse als bei Bankprodukten. Dafür verändern hier die besonders umfangreichen Informationspflichten das Geschäft. Nach den jüngsten Änderungen liegt der Umfang der vorvertraglichen Dokumente zwischen 25 und 250 Seiten. „Ob der Kunde diese wirklich zur Kenntnis nimmt und sogar versteht, darf in Zweifel gezogen werden“, sagt Ulf Lipphardt, Versicherungsexperte bei Investors Marketing.

Das gilt für viele Regeln. „Der Nutzen für den Kunden ist oft geringer als vom Gesetzgeber erwartet“, sagt Mihm.

Allerdings könnten Finanzdienstleister die Vorgaben auch aktiv nutzen, um Vertrauen zu schaffen und näher an den Kunden heranzukommen. Perfekten Schutz vor Beratungsfehlern werden auch die besten Gesetze nicht liefern: Der beste Schutz für das eigene Vermögen bleibt ein kritischer und informierter Anleger.

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