Garantiezins vor Senkung: Lebensversicherung droht der nächste Schlag

Garantiezins vor Senkung: Lebensversicherung droht der nächste Schlag

Quelle:Handelsblatt Online

Die Lebensversicherer planen den nächsten Zinsschnitt. Nach der Überschussbeteiligung wollen sie auch den Garantiezins weiter senken. Der Klassiker der Altersvorsorge würde darunter leiden. Doch der Plan ist umstritten.

Der Garantiezins auf Lebensversicherungen könnte Anfang 2015 nach drei Jahren erneut sinken. Wegen der niedrigen Marktzinsen beraten Versicherungsexperten über eine Senkung der maximalen Verzinsung, die die Lebensversicherer ihren Neukunden für die gesamte Laufzeit versprechen dürfen.

Der Verband der Versicherungsmathematiker, die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), gibt dazu jährlich eine Empfehlung ab, die in der Regel von der Finanzaufsicht BaFin und dem Bundesfinanzministerium umgesetzt wird. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters ist eine Senkung des Garantiezins auf 1,25 von 1,75 Prozent im Gespräch. Die deutschen Lebensversicherer leiden seit langem unter den extrem niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Es wird deshalb immer schwieriger für sie, ihre Zinsversprechen an die Kunden zu erfüllen. Der Garantiezins ist hier eine besondere Belastung, weil diese Zusage auf jeden Fall erfüllt werden. Das führt dazu, dass die Versicherer entsprechend Kapital binden müssen.

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Wichtige Kennziffern für Lebensversicherer

  • Nettoverzinsung

    Bei der Nettoverzinsung werden sämtliche Erträge und Aufwendungen aus Kapitalanlagen berücksichtigt. In die Berechnung einbezogen sind somit auch Erträge und Verluste aus dem Abgang von Kapitalanlagen sowie die Abschreibungen auf Wertpapiere. Diese Kennzahl kann daher relativ starken Schwankungen unterworfen sein. Die Berechnung der Nettoverzinsung erfolgt nach den Empfehlungen des LV-Verbandes.

  • Abschlusskosten in Prozent der Beitragssumme des Neugeschäfts

    Abschlusskosten entstehen im Zusammenhang mit dem Neugeschäft. In der Regel sind die Kosten kalkulatorischer Bestandteil des Versicherungsprodukts, die der Versicherungsnehmer (zumindest teilweise) im Rahmen seiner Prämie trägt.

  • Verwaltungskosten in Prozent der gebuchten Bruttobeiträge

    Diese Kostenquote beinhaltet die Kostenpositionen des Jahresabschlusses, die nicht unmittelbar dem Neugeschäft zuzuordnen sind. Hieraus lässt sich erkennen, wie hoch die Kostenbelastung in Relation zu den eingenommenen Beiträgen ist.

  • RfB-Quote

    Der freien RfB (Rückstellung für Beitragsrückerstattung) kommt die Bedeutung einer Pufferfunktion zur Glättung der jährlichen Gewinnbeteiligung zu. Die freie RfB in Prozent der Deckungsrückstellung ist ein Indikator für die Höhe dieses „Puffers“ in Relation zur gesamten Deckungsrückstellung der Versicherten im Geschäftsjahr.

  • Überschussquote

    Die Zuführung zur Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB in Prozent der gebuchten Bruttobeiträge und Nettoerträge aus Kapitalanlagen) gibt Aufschluss darüber, wie groß der Anteil der Erträge ist, der der Versichertengemeinschaft in Form von Überschüssen zugute kommt.

  • Wachstumsquote

    Das Wachstum eines Versicherungsunternehmens wird hier an drei Größenpositionen gemessen: Entwicklung der Beiträge (50%), Entwicklung der Kapitalanlagen (25%) und Entwicklung der Versicherungssummen (25%).

  • Storno kapitalbildende Tarife

    Das Storno erfasst die Verträge der kapitalbildenden Tarife (Kapital- und Rententarife), die vorzeitig - also vor Vertragsablauf - gekündigt oder beitragsfrei gestellt werden. Es lässt einen Rückschluss auf die Qualität der Beratung, der Tarife und der Vertriebswege zu.

  • Modifizierte Eigenmittelquote

    Die modifizierte Eigenmittelquote ist ein Maßstab dafür, in welchem Umfang ein Lebensversicherer Risiken durch die Eigenmittel Eigenkapital und Schlussüberschussanteil-Fonds (SÜAF) abdecken kann. Hierfür wird eine Quote gebildet, welche die Summe dieser beiden Eigenmittel der Deckungsrückstellung gegenüberstellt.

  • Bewertungsreserve

    Die Reservequote zeigt, wie groß der Anteil der so genannten Stillen Reserven in Prozent der gesamten Kapitalanlagen zum Bilanzstichtag war. Die Stillen Reserven ergeben sich im Wesentlichen aus abgeschriebenen bzw. zum Niederstwert angesetzten Buchwerten (z. B. Grundstücke, Aktien und Investmentfondsanteile) gegenüber ihren zum Stichtag ermittelten und angesetzten Marktwerten. Die Bewertungsreserve wurde erstmals im Bilanzjahrgang 1997 in den Geschäftsberichten ausgewiesen. Seit dem Bilanzjahrgang 2007 sind auch die Stillen Reserven in den zu Nennwert bilanzierten Kapitalanlagen angabepflichtig und sind entsprechend integriert. Quelle: Morgen & Morgen

Eine Senkung des Garantiezinses beträfe allerdings nur das Neugeschäft der Versicherer. Die in alten Verträgen garantierten Zinsen gelten nach wie vor. Derzeit reicht die Spanne hier von 1,75 Prozent bis zu vier Prozent. Insbesondere Altverträge mit solch hohen Zinszusagen stellen die Lebensversicherer vor große Probleme. „Es scheint eine Mehrheit zu geben, dies ist aber noch nicht 100 Prozent sicher“, sagte ein Insider. „Alles spricht dafür.“ Im Umfeld des DAV-Vorstands hieß es, das Meinungsbild sei noch nicht klar. Ein Arbeitskreis, der jährlich im Herbst durchrechnet, welchen Garantiezins sich die Versicherer unter verschiedenen Szenarien noch leisten können, kam offenbar zu keinem eindeutigen Ergebnis. DAV-Geschäftsführer Michael Steinmetz sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Der Vorstand des DAV wird sich in diesen Tagen Gedanken zur Garantiezins-Empfehlung machen, wie immer um diese Jahreszeit.“ Eine Änderung wäre frühestens zum 1. Januar 2015 umsetzbar, weil die Versicherer vorher all ihre Tarife neu berechnen müssten.


Der Branchenprimus hängt am aktuellen Garantiezins

Dem Gremium, das über den Garantiezins berät, gehören Vorstände der wichtigsten deutschen Versicherer an, darunter Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber. DAV-Präsident ist seit April Rainer Fürhaupter, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern. Große Versicherer wie die Allianz Leben haben sich dafür ausgesprochen, den Garantiezins von 1,75 Prozent beizubehalten. Der Branchenprimus ist ohnehin in einer komfortablen Situation. Dass zeigt auch die Überschussbeteiligung, die er seinen Kunden für 2014 zusagte. Mit 3,6 Prozent liegt die Allianz über dem Schnitt der Branche, nur wenige Lebensversicherer schaffen noch mehr.

Kleinere Häuser, die ihre Kapitalanlagen weniger weit streuen können, drängen dagegen auf eine Senkung des Garantiezinses. Als Grund führen sie die Zinsentwicklung an. Langlaufende Bundesanleihen, für viele Lebensversicherer wichtigster Bestandteil der Kapitalanlagen, werfen nur noch 1,4 Prozent ab. Dennoch muss die Branche noch die hohen Garantien erwirtschaften, die sie ihren Kunden in guten Zeiten versprochen hat. Denn bis zum Jahr 2000 lag der Garantiezins noch bei 4,0 Prozent, seit der Jahrtausendwende ging es dann stetig bergab. Zuletzt wurde er Anfang 2012 auf 1,75 von 2,25 Prozent gesenkt. Das Problem der Lebensversicherer ist: Im Schnitt liegt der Garantiezins in den Beständen der Lebensversicherer immer noch bei 3,15 Prozent - so viel können manche an neuere Kunden nicht einmal als Überschussbeteiligung mehr zahlen. Diese laufende Zinsgutschrift wird einmal im Jahr zugesagt und dürfte für 2014 um 3,4 Prozent liegen.

Die Aktuare hatten daher schon im vergangenen Jahr Alarm geschlagen: „Hält diese Situation an, so wird es für die Unternehmen immer schwieriger, den Garantiezins zu erwirtschaften. (...) Eine weitere Verschärfung der Situation könnte sich durch die Vorschriften für die Kapitalausstattung der Versicherer unter dem neuen gemeinsamen Aufsichtssystem Solvency II in Europa ergeben.“

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