Geldanlage: Warum Schutzregeln für Zertifikate-Anleger überfällig sind

Geldanlage: Warum Schutzregeln für Zertifikate-Anleger überfällig sind

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Falsche Sicherheit. Viele Anleger kaufen für sie ungeeignete Zertifikate und wiegen sich in Sicherheit.

von Anton Riedl

Zu teuer, zu kompliziert, viel zu riskant: Anleger kaufen Zertifikate, die nicht für sie geeignet sind. Politiker erhöhen den Druck, wollen Banken zwingen, ihre Kunden besser zu informieren. Doch das allein wird nicht reichen.

Ein herber Schlag für deutsche Anleger und Sparer: Das Oberlandesgericht Hamburg weist die Klage von zwei Zertifikateanlegern gegen die Hamburger Sparkasse zurück. Beide hatten mit Papieren der pleitegegangenen amerikanischen Lehman-Bank je 10 000 Euro verloren. Den Zertifikateanlegern sei bewusst gewesen, dass sie ihr Geld auch komplett verlieren konnten, urteilten die Richter. Die Anleger ziehen jetzt vor den Bundesgerichtshof – nächster Akt des Finanzkrisen-Dramas, das die Gerichte wohl noch Jahre beschäftigen wird. „Das Thema Verluste mit Zertifikaten bleibt aber absolut nicht auf Lehman Brothers beschränkt, sondern geht weit darüber hinaus“, sagt Anlegeranwalt Klaus Nieding aus Frankfurt. „Die Finanzindustrie hat in einer beispielhaften Vertriebswelle Produkte in den Markt gedrückt.“

Die Welle schwappt über das ganze Land, vor der Finanzkrise und auch danach. Herta Garve etwa, Rentnerin aus Wilhelmshaven, bekam von der Commerzbank im Frühjahr 2007 zum Kurs von 51,25 Euro 136 Zertifikate mit dem wohlklingenden Titel „Bonus-Chance“ (Wertpapier-Kennnummer CZ3373) ins Depot gedrückt. Zwei Jahre später standen die Papiere nur noch bei 16,40 Euro. „Die neuen Zertifikate wurden von uns eben so konzipiert, dass sie in den Filialen vor Ort gut verkauft werden konnten“, sagt ein Zertifikatespezialist der Frankfurter Commerzbank-Zentrale: hübscher Name, ein Zins, der attraktiv über normalen Sparprodukten liegt, aber auch nicht unseriös hoch sein darf, dazu vier Jahre Laufzeit und eine Konstruktion, bei der eigentlich nichts schiefgehen dürfte.

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"Niemand dachte, dass sich die Kurse halbieren würden"

Auch Beate Rauh* aus dem bayrischen Hof wurde von der Welle erfasst, kam in den Genuss der Bonus-Chancen. Ein paar Wochen nach Herta Garve aus Wilhelmshaven empfahl ihr Commerzbank-Berater eine andere Variante der Bonus-Chance-Zertifikate (Wertpapier-Kennnummer CK7810). „Mein Geld lag vorher auf dem Sparbuch und sollte weiter sicher angelegt werden“, sagt die Hausfrau. In der Spitze lag sie mit ihren Zertifikaten 70 Prozent im Minus, 5000 Euro Verlust, die schon wehtun.

Bonus-Chance-Zertifikate sind Papiere mit etlichen Fußangeln. Die Chance: Wenn der Aktienindex Euro Stoxx an bestimmten Tagen im Jahr ein gewisses Kursniveau erreicht, bekommt der Anleger sieben Prozent Rendite. Vier Jahre lang hat der Anleger die Chance auf diese Rendite – aber nur, wenn der Aktienindex über ein bestimmtes Level kommt. Kam er bisher aber nicht.

„Dass ich so viel Geld mit diesen Papieren verlieren kann, davor hat mich beim Kauf niemand gewarnt“, sagt Beate Rauh. In der Produktbeschreibung des Zertifikats ist von hohen Renditen die Rede, dazu gibt es schöne Grafiken von stabilen Aufwärtstrends an den Aktienmärkten. Der Hinweis auf eventuelle Verluste taucht nur nebenbei auf: Das Anlagerisiko entspräche „maximal dem eines herkömmlichen Indexzertifikats“ auf den Euro Stoxx. Es sei „lediglich entscheidend, dass sich der Index in der Laufzeit nicht halbiert“, ist im Flyer zu lesen.

Doch genau dazu kam es dann in der Finanzkrise ab 2008. „Kein Mensch konnte sich damals vorstellen, dass der Aktienindex Euro Stoxx mehr als die Hälfte verliert und die Zertifikate deshalb so tief abstürzen“, sagt ein Commerzbanker aus der Frankfurter Zentrale entschuldigend. Das rechtfertige es aber nicht, Sparbuch-Kunden mit diesen Papieren zu beglücken, sagt Anlegeranwalt Peter Mattil aus München: „Gerade bei komplizierten Zertifikaten dieser Art werden Anleger oft über die eigentliche Wirkung der Produkte getäuscht.“

Mehr als 100 Milliarden Euro haben Anleger und Sparer hierzulande in Zertifikaten stecken, drei Millionen Deutsche haben künstliche Wertpapiere dieser Art im Depot. Seitdem in der Finanzkrise die Risiken dieser Papiere offensichtlich wurden, streiten sich Politiker, Banker, Juristen und Verbraucherschützer darüber, wie dieser Markt reguliert werden kann. Zwar schreiben sich immer mehr Emissionsbanken Transparenz auf die Fahnen. Dennoch erleben vor allem Kleinanleger mit komplizierten Produkten nach wie vor böse Überraschungen.

Was muss geschehen, um den Zertifikatemarkt zu entschärfen, unbedarfte Anleger besser zu schützen und jedem, der die Risiken kennt, die Chance zu geben, mit diesen Papieren Geld zu verdienen? Gefragt sind Gesetzgeber, Emittenten, Analysten, Bankberater und schließlich die Anleger selbst.

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