Gesundheitssystem: Die Krankenkassen stehen vor einer Fusionswelle

Gesundheitssystem: Die Krankenkassen stehen vor einer Fusionswelle

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Krankenkassen brauchen immer mehr Geld

von Anke Henrich

Acht Euro extra sind nur der Anfang: Die Zusatzbeiträge für die Krankenkassen können auf 37,50 Euro im Monat ansteigen. Doch selbst diese Maximalforderung wird manche klamme Kasse nicht retten können.

Schuld sind die anderen, da sind sich die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) einig. Die Versicherten gehen zu oft zum Arzt, die Ärzte verschreiben zu teure Medikamente, die Pharmabranche treibt deren Preise mit teuren Innovationen ohne signifikant höheren Nutzen hoch, und die Politiker reformieren mutlos eine Reform nach der anderen. Das Schlimme daran: Es stimmt alles. Und weil das so ist, wird in diesem Jahr das Defizit der GKV bei geschätzten 7,8 Milliarden Euro liegen.

Dass deshalb vergangene Woche sieben Krankenkassen angekündigt haben, ihren Versicherten zusätzlich zum politisch festgelegten Einheitsbeitrag von 14,9 Prozent des Gehalts ab sofort oder später acht Euro extra abzufordern, ist nur der erste Schritt dahin, dass sich weitere Kassen aus Finanznot zusammenschließen werden. Die eher bequemen Deutschen werden wegen acht Euro noch nicht in Scharen zu anderen Kassen abwandern, zumal die meisten nachziehen dürften. Rund 50 der 169 Kassen schließen den Obolus für 2010 derzeit noch aus.

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Die nächste große Fusionswelle wird starten, wenn die ersten klammen Kassen die gesetzliche Möglichkeit nutzen, nicht nur pauschal acht Euro, sondern ein Prozent des Gehalts zusätzlich einzufordern, maximal sind das 37,50 Euro pro Monat.

„Die Grenze von acht Euro wird nicht lange zu halten sein“

Denn dann steigt der Anreiz zum Kassenwechsel deutlich. Der zu erwartende Mitgliederschwund wird kleine Kassen so schrumpfen lassen, dass sie unwirtschaftlich zu verwalten sind, zu wenig Marktmacht gegenüber Ärzten, Kliniken und Pharmakonzernen haben und ihren Kunden weniger Zusatzservice bieten können als die großen Konkurrenten. Bereits jetzt suchen die größten der Branche wie die Barmer nach Verstärkung durch Fusionen.

Nur ein Viertel der Anbieter dürfte den Branchen-Kehraus überleben, schätzen Experten. Tausende der bislang rund 133.000 Mitarbeiter wird das den Job kosten. Den Kunden geschlossener Kassen entstehen aber keine Nachteile, die können nahtlos bei anderen – dann hoffentlich finanzstärkeren – Anbietern unterschlüpfen.

Von den mehr als 1000 Krankenkassen des Jahres 1994 sind gerade noch 169 übrig. Am vergangenen Freitag mussten alle Kassen dem Bundesversicherungsamt als Aufsichtsbehörde ihre Haushaltspläne zur Genehmigung vorlegen. 22 Kassen haben im Endspurt allein im Dezember noch fusioniert.

Ein Ende ist nicht in Sicht. „Ob es zu weiteren Fusionen kommt, hängt entscheidend von den politischen Rahmenbedingungen ab“, sagt die Vizepräsidentin des Amtes, Sylvia Bohlen-Schöning. Und die Politiker wollen weniger Kassen. Sie glauben, das senke langfristig die Kosten.

Absehbar ist: Acht Euro monatlich pro Kunde – abzüglich zwei bis drei Euro Verwaltungskosten – lösen das Geldproblem der Kassen nicht, zumal der Aufwand hoch ist. Der Zusatzbeitrag wird nicht vom Arbeitgeber mit überwiesen, sondern der Versicherte muss der Kasse eine Einzugsermächtigung erteilen. DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher sorgt sich bereits: „Ich hoffe inständig, den Versicherten begreiflich machen zu können, dass der Zusatzbeitrag Bestandteil des Versicherungsschutzes ist, mit dem man nicht spielt.“

„Die Grenze von acht Euro wird nicht lange zu halten sein“, prophezeit Dieter Paffrath, Chef der AOK in Schleswig-Holstein. Selbst die Maximalforderung von 37,50 Euro sichert noch immer nicht die Existenz aller Kassen. Selbst solche, deren Kunden überdurchschnittlich gut verdienen, kämen im statistischen Mittel ihrer Mitglieder im Schnitt auf maximal 27 Euro mehr Beitrag pro Monat, ergaben Berechnungen der Aufsicht.

Dabei stiegen allein in den ersten drei Quartalen 2009 die medizinischen Kosten von Ärztehonorar bis Zahnersatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 5,5 Milliarden Euro. Laut einer Studie der Barmer GEK behandeln deutsche Ärzte ihre Patienten doppelt so oft wie im internationalen Vergleich. Länger und gesünder leben sie deshalb nicht: Nach Angaben der Vereinten Nationen liegen die deutschen Männer bei der statistischen Lebenserwartung international nur auf Platz 24, die Frauen auf Platz 20.

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