
Hand in Hand stehen sie da und lächeln vom Plakat: Der Handwerksmeister in Zimmermannskluft und die Geschäftsfrau im grauen Kostüm, der schnoddrige Student und die Berufseinsteigerin, Oma und Opa mit süßer Enkelin. „Gut für Sie“ – steht über der fröhlichen Gruppe. Und was gut ist für sie, keine Frage, ist natürlich auch „gut für alle“.
Für solche Botschaften, per Zeitungsanzeigen, Online-Banner sowie Rundfunk und Fernsehwerbung verbreitet, geben Deutschlands private Krankenversicherungen zurzeit Millionenbeträge aus. Die aufwendige Kampagne ist die zweite ihrer Art in den vergangenen Jahren. Sie soll jedermann zeigen: Vom Selbstständigen bis zum Senior, vom kleinen künftigen bis zum großen echten Akademiker – für alle ist jetzt die Zeit, aus der gesetzlichen Krankenversicherung zu fliehen und sich in die fürsorgenden Hände der Privaten zu begeben. Schließlich, so betört die Branche ihre potenziellen Kunden, „erhalten Sie eine sehr gute medizinische Versorgung und Sie stärken damit das gesamte Gesundheitssystem“.
Das flächendeckend plakatierte Lächeln täuscht über den wahren Zustand der privaten Krankenversicherung, kurz: PKV, hinweg. Verweht ist der einstmals elitäre Charme eines florierenden Gewerbes, jetzt scheint das letzte Gefecht einer Branche am Rande des wirtschaftlichen Abgrunds zu toben. Einst Hort aller Betuchten und Beamten, die sich für nicht allzu viel Geld die etwas gleichere Behandlung im Krankheitsfall erkauften, könnte die private Krankenversicherung zu einer der großen Sorgenbranchen des Landes werden, und zwar unabhängig von der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise.
Unternehmen suchen ihr Heil gern in Verkaufstricks
So wenige Neukunden wie in den zurückliegenden 20 Monaten kamen seit Jahrzehnten nicht mehr zu privaten Anbietern. Wenn sich der Trend fortsetzt, dann werden immer mehr Versicherungsgesellschaften ihr Geschäft mangels statistischer Masse aufgeben müssen. Versicherer wie die Allianz oder Signal Iduna bekommen schon zu wenig Neukunden, um die Abgänge aus dem Bestand wettzumachen. Statt für Privilegien, kleines Geld und Vorfahrt im Wartezimmer steht die PKV inzwischen für Prämiensteigerungen, Kostenexplosion und Verbraucherfeindlichkeit. Doch die wenigsten Anbieter machen aus der Not eine Tugend. Statt mit neuen Angeboten und besserem Service zu überzeugen, suchen die Unternehmen ihr Heil gern in Verkaufstricks und Prämienkosmetik, die am Ende der Versicherte bezahlt.
Die verheerende Situation verdankt die Branche ausgerechnet ihrem wichtigsten, zugleich aber auch schwierigsten Angebot: der privaten Absicherung aller Gesundheitsrisiken, die klassischerweise die gesetzliche Krankenkasse übernimmt. Diese sogenannte Vollversicherung umfasst im Kern die ambulante, die stationäre und die zahnärztliche Behandlung – einschließlich Zahnersatz. Etwa 70 Prozent der Beitragseinnahmen der hiesigen PKV stammen von diesen Policen. Gleichwohl sichern sich auf diese Weise aber nur 8,6 Millionen Kunden ab, gerade mal ein Zehntel der Bevölkerung. Rund 14 Millionen Verträge, also fast doppelt so viel, umfassen lediglich eine private Zusatzversicherung wie etwa ein Zweibettzimmer im Krankenhaus. Solche Policen steuern jedoch nur einen Bruchteil der PKV-Prämien bei.
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es ein vergleichbares Nebeneinander von privater und gesetzlicher Vollversicherung. Gleichwohl sind es gerade diese Rundum-sorglos-Pakete, die der Branche existenziell zu schaffen machen und im heutigen Umfang auf Dauer nur noch schwer zu halten sein werden. „Es wird einen kompletten Wechsel des Geschäftsmodells geben“, prophezeit Ingo Wagner, Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company, der Branche. Die Branche muss sich darauf einstellen, dass die private Krankenvollversicherung in Richtung Restgröße schrumpft und Anbieter vom Markt verschwinden.
So gaben die Bayerischen Beamten Versicherungen zum September das Geschäft mit etwa 2700 Vollversicherten und 6200 Zusatzversicherten ab. Auch die KarstadtQuelle Versicherungen haben die Lust an ihren rund 1400 Krankenvollversicherten verloren und wollen sie zum Jahreswechsel an die Schwester DKV weiterreichen. Branchenkenner glauben, dass Fusionen und Übernahmen in Zukunft die Branche prägen. Schon im vergangenen Jahr hatte die Versicherungsgruppe Hannover (VGH) die Mehrheit an der Alten Oldenburger mit rund 40.000 Vollversicherten übernommen.
Längst dämmert Branchenvertretern, dass dies Vorboten für einen Untergang der privaten Vollversicherung sein könnten. Gleichwohl ist das Thema höchst umstritten. So kam es im Juni dieses Jahres zum Eklat, als ein internes Arbeitspapier des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) über die Zukunft der PKV an die Öffentlichkeit gelangte. Darin skizzierte eine Arbeitsgruppe das Szenario einer Einheitsversicherung für alle Deutschen, durch die die Trennung von PKV und gesetzlicher Krankenversicherung in ihrer jetzigen Form aufgehoben würde. Weil dies den einflussreichen Vertretern der Versicherungsverbandes der privaten Krankenversicherung jedoch zuwider lief, ließen sie die heiklen Seiten kurzerhand aus dem GDV-Papier entfernen.














