Jens Ehrhardt im Interview: "Historisch einmalig"

Jens Ehrhardt im Interview: "Historisch einmalig"

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Jens Ehrhardt, DJE Kapital: Der renommierte Fondsmanager nimmt an der Diskussionrunde zur richtigen Anlagestrategie für 2016 teil.

Deutschlands größter unabhängiger Vermögensverwalter Jens Ehrhardt über den Börsencrash und die Parallelen zur Großen Depression in den Dreißigerjahren.

WirtschaftsWoche: Herr Ehrhardt, die Finanzkrise schwelt seit mehr als einem Jahr; in den Monaten vor dem Crash am 10. Oktober haben Sie stets gewarnt, der große Ausverkauf stehe trotz bereits erheblicher Kursverluste noch aus. War er das jetzt?

Ehrhardt: Ich fürchte nein, es kann noch mal eine Stufe runtergehen. Der Crash am 10. Oktober hatte zwar einige Merkmale eines Panik-Ausverkaufs, weil auch kerngesunde Werte, etwa Öl und Pharma, mit aus den Depots flogen. Aber was mir nicht gefällt, ist die Dynamik, mit der dieselben Leute, die noch am Freitag die Welt untergehen sahen, sich bereits am Montag wieder auf die Aktien stürzten und den Dax um mehr als zehn Prozent nach oben trieben.

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Als Grund für die Rally am Montag gelten die weltweiten staatlichen Rettungspakete, die endlich auch zu wirken scheinen.

Ja, aber die Weltwirtschaft ist ja nicht übers Wochenende gesundet. Die Rettungsprogramme können wohl das Schlimmste verhindern, einen totalen Zusammenbruch des globalen Finanzsystems. Doch die Probleme bleiben: Der immense Schuldenberg, den vor allem die USA, aber auch viele Länder in Europa angehäuft haben, ist historisch einmalig; er ist schlimmer als 1929.

Gibt es eine Alternative zur aktuellen Politik der Regierungen und Notenbanken, die Banken zu stützen und mit Liquidität zu überschwemmen?

Nein. Die Rettungspakete sind richtig, weil sie kurzfristig den Kollaps des Geldverkehrs und damit der Weltwirtschaft verhindern. Aber die Suppe müssen wir trotzdem auslöffeln. Und das wird Jahre dauern. Die Geschichte lehrt, dass exzessive Kreditblasen immer zuerst in eine Finanzkrise münden, dann aber relativ zügig auf die sogenannte Realwirtschaft übergreifen. Nur einmal ging es relativ glimpflich aus, in Schweden 1992. Aber da war der Rest der Welt noch mitten im Globalisierungsaufschwung. Heute hingegen sitzen wir alle im selben Boot. Es sieht leider nicht gut aus für die Weltwirtschaft.

Das heißt, eine kleine Konjunkturdelle mit schneller Erholung der Börse schließen Sie aus?

Ja. Woher soll die kommen? Die Gewinne der Unternehmen waren auf historisch anormalem Niveau und müssten nun auch ohne die Kreditblase fallen. Neues Gewinnwachstum kann nur entstehen, wenn die Kreditmenge wächst und die Assetpreise steigen. Am wichtigsten dabei sind die Immobilien: Steigende Immobilienpreise geben den Menschen das Gefühl, wohlhabender zu werden. Also konsumieren sie auch mehr – auch ohne Kreditexzesse wie in den USA. Im Moment aber ist das Gegenteil der Fall: die Kreditverknappung ist in vollem Gang.

Deswegen versuchen die Regierungen der Welt mit allen Mitteln, die Kreditklemme zu lösen.

Ja, aber selbst wenn das für die Banken gelingt – wonach es zum Glück aussieht – heißt das nicht, dass auch wieder mehr Kredite nachgefragt werden. Die Psychologie darf nicht unterschätzt werden. Selbst, wenn sie wieder welche bekämen – die Leute wollen keine Kredite und konsumieren kaum. Sie denken: Schulden haben uns in diese missliche Lage gebracht, nun bloß keine neuen machen! Auch die Firmen streichen fremdfinanzierte Projekte und investieren nur das Nötigste.

Das erinnert an Japan in den Neunzigern oder gar an die Dreißigerjahre. Derzeit haben solche historischen Vergleiche Konjunktur. Sind sie sinnvoll – oder nur Panikmache? 

Solche Vergleiche hinken immer, denn die Geschichte wird sich kaum eins zu eins wiederholen. Aber als Panikmache sollte man sie nicht abtun. Es gibt schon Parallelen. Mehr noch zu 1929 als zu Japan.

Welche?

Die Japaner waren, anders als die USA und viele Europäer heute, selbst auf dem Höhepunkt ihrer Blase 1989 nicht überschuldet. Sie hatten eine Sparquote von 13 Prozent – in den USA liegt sie heute nicht mal bei drei Prozent. Der japanische Konsument konnte also selbst in den übelsten Jahren gegenhalten und hat so noch Schlimmeres verhindert. Das darf man sich vom heillos überschuldeten US-Konsumenten nicht erhoffen. Von der Industrie ist schon gar nichts zu erwarten, die liefe auch ohne die Finanzkrise in einen ganz normalen zyklischen Abschwung. Dagegen ist die viel zitierte Ansicht, die US-Notenbank habe 1930 Fehler gemacht, die heute vermieden würden, ziemlich falsch. Auch 1930 bis 1932 senkte die US-Notenbank die Zinsen schnell von sechs auf 1,5 Prozent; genutzt hat es nichts, weil die Banken das Geld horteten oder nur für 15 Prozent Zins weiterverliehen.

Was droht uns?

Gegen eine zweite Große Depression spricht immerhin die Stärke der Schwellenländer. Vor allem China dürfte die Weltwirtschaft weiter stützen. Auch den Fehler, Strafzölle auf ausländische Waren einzuführen und so den Welthandel kollabieren zu lassen, werden die Staaten wohl kaum wiederholen. Aber am Aktienmarkt sind die fetten Jahre nun vorbei. Wir müssen uns wieder an einstellige Aktienrenditen gewöhnen; in manchen Jahren wird es gar nichts zu verdienen geben.

Also raus aus Aktien?

Nein, denn auch Anleihen bieten keine Alternative. Um eine Deflation zu verhindern, werden die Notenbanken die Zinsen weiter senken. Sichere festverzinsliche Papiere werden kaum noch eine reale Rendite bringen. Am Aktienmarkt wird es aber immer wieder Zwischenerholungen geben, die bis zu 50 Prozent Kursgewinn bringen können. Die gilt es zu nutzen.

Wie?

Die besten Chancen sehe ich in asiatischen Aktien. Die Asiaten haben gesunde Konsumenten und sich nicht überschuldet. Dagegen hat sich meine frühere Meinung, Europa werde es nicht so schlimm treffen wie die USA, leider nicht bewahrheitet.

Ehrhardt, 66, ist promovierter Volkswirt und mit rund neun Milliarden Euro an Kundengeldern Deutschlands größter bankenunabhängiger Vermögensverwalter. Ehrhardt gilt als Experte für den Einfluss der Notenbanken auf die Aktienmärkte und den Crash von 1929.

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