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Krankenversicherung: Der steinige Weg zurück zur Krankenkasse

von Thomas Schmitt Quelle: Handelsblatt Online

Die Angst vor hohen Beiträgen im Alter treibt die Menschen zurück in die gesetzliche Krankenversicherung. Eine Rückkehr ist zwar nicht leicht. Unter bestimmten Bedingungen gibt es aber einen Weg.

Krankenversichertenkarten von gesetzlichen Krankenversicherungen. Quelle: dapd
Krankenversichertenkarten von gesetzlichen Krankenversicherungen. Quelle: dapd

DüsseldorfDie gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gewinnt vor allem für ältere Privatpatienten wieder an Attraktivität. Die beiden größten Krankenkassen Barmer GEK und Techniker stellen das aufgrund der jüngsten Wechselzahlen fest. Auch im AOK-System häufen sich die Anfragen von Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV).

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Vor allem die Angst vor hohen Beiträgen im Alter treibt die Menschen zurück. „Wir müssen aber viele enttäuschen, weil sie keine rechtliche Möglichkeit haben zu wechseln“, sagte der Sprecher des AOK-Bundesverbandes, Udo Barske, dem Handelsblatt. „Dies zeigt: Die Zeit der PKV als Vollversicherung geht zu Ende.“ 

Der PKV schaden extreme Beitragserhöhungen einzelner Krankenversicherer wie der Generali-Tochter Central. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nahm die privaten Anbieter deshalb in die Pflicht. „Sie schöpfen noch längst nicht alle Möglichkeiten aus, den Versicherten günstigere Tarife anzubieten“, sagte Bahr der „Neuen Westfälischen Zeitung“. Es müsse vermieden werden, Anreize zu schaffen, das Kassensystem zu unterwandern und zur gesetzlichen Kasse zu wechseln. 

Der Weg zurück in die GKV ist steinig. Der Gesetzgeber hat viele Hindernisse aufgebaut, um Rosinenpickerei zwischen den Systemen zu unterbinden. So ist es zum Beispiel nicht gewollt, dass die Menschen in jungen Jahren von den niedrigeren PKV-Prämien profitieren und im Alter dann von niedrigeren GKV-Prämien. Dennoch ist der Weg zurück nicht für alle verbaut.

Wer wechseln möchte, dem empfiehlt der Versicherungsmakler Sven Hennig, sich an einen Anwalt oder einen Rentenberater zu wenden. Er sieht es nicht als Aufgabe der Krankenkasse an, PKV-Kunden zu beraten. Die Krankenkassen tun dies dennoch und finden nichts dabei. Es gebe verschiedene Konstellationen, in denen ein Wechsel möglich sei, erläutert eine TK-Sprecherin. Solche Beratungen seien inzwischen Routine. Die Basis dafür seien die Regeln im Sozialgesetzbuch.

Die Paragraphen sind jedoch so unverständlich, dass nur Eingeweihte sie verstehen. Wechselwillige finden jedoch im Internet genügend verständliche Hinweise, unter welchen Voraussetzungen ein Wechsel möglich ist. Verschiedene Seiten informieren darüber, mitunter raten sie dann jedoch dennoch davon und empfehlen, lieber in der PKV zu bleiben.


Wer von der PKV in die GKV zurück kann

Ob es älteren Semestern gelingt, zurück in das gesetzliche System zu kommen, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab, unter anderem Berufsstatus, Einkommen und Alter. Der Gesetzgeber hat etliche Bedingungen formuliert, um generelle und schnelle Wechsel zu verhindern.

Angestellte: Das Einkommen muss für mindestens ein Jahr unter die Versicherungspflichtgrenze sinken. 2012 liegt diese Einkommensgrenze bei einem jährlichen Bruttogehalt von 50.850 Euro. Ein gut verdienender Angestellter könnte sein Einkommen zum Beispiel dadurch unter diese Grenze drücken, wenn er nicht mehr voll arbeitet, sondern nur noch einen Teilzeitvertrag hat. Bei Eintritt in die Rente könnte die Gesetzliche Krankenversicherung dann freiwillig bis ans Lebensende weitergeführt werden, heißt es auf der Internetseite Finanztip. Eine Ausnahme gebe es allerdings: Arbeitnehmer, die sich auf Antrag in der Vergangenheit von der Versicherungspflicht befreien ließen, könnten diesen Weg nicht gehen. Die Befreiung von der Versicherungspflicht werde auf Antrag ausgesprochen, wenn das Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze gesunken ist und der Arbeitnehmer aber seinen privaten Krankenversicherungsschutz aufrechterhalten möchte. 

Selbstständige: Wer bisher frei arbeitet, kann in ein Angestellten-Verhältnis wechseln. Sein Gehalt müsste dann aber unter der Versicherungspflichtgrenze liegen. Er könnte seine Selbstständigkeit auch vollkommen aufgeben und in die Familienversicherung seines Partners wechseln. 

Berufsanfänger: Auch wenn ihr Gehalt von Anfang über der Versicherungspflichtgrenze liegt, können sie sofort in die GKV. Studenten, die während des Studiums privat versichert waren, kommen so zurück in die GKV.    

Arbeitslose: Wer arbeitslos wird, den versichern die Arbeitsämter meist automatisch in der GKV. 

Über 55-Jährige: Eine wichtige Grenze in den Regeln ist das Alter. Eine Rückkehr in die GKV geht für Angestellte und Selbstständige nur, wenn sie das 55. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Wer älter ist, hat nur unter speziellen Voraussetzungen noch eine Chance zum Systemwechsel. „Diese Informationen sind im Gesetzestext gut versteckt, da bei diesen Personen die Rückkehr in die GKV verhindert bzw. möglichst schwer gemacht werden soll“, heißt es auf der Internetseite PKV-Selbstvergleich.de. „Außerdem ist die Rückkehr nicht bei jedem möglich, sondern an bestimmte Bedingungen geknüpft.“ In diesem Fall empfiehlt sich also die Beratung durch einen Spezialisten, der die Regeln des Sozialgesetzbuches sehr gut kennt. 

PKV-Experten weisen in diesem Zusammenhang gerne darauf hin, dass eine Rückkehr in die GKV gar nicht mehr nötig sei, weil auch die privaten Krankenversicherer inzwischen Tarife anbieten müssen, die der GKV ähneln. Dies ist der sogenannte Basistarif. Daneben gibt es noch einen Standardtarif. Selbst dieser biete im Alter sei oft noch günstiger als die hohen Beiträge der gesetzlichen Versicherung und biete dabei bessere medizinische Leistungen, heißt es auf der Internetseite Krankenversicherung.net. Der Basistarif und der Standardtarif stellten gute Alternativen zur Rückkehr in die gesetzliche Versicherung dar.

Grundsätzlich sei der Wechsel in die GKV somit nicht mehr nötig und sollte immer gut überlegt sein. Denn mit diesem Wechsel könnten die Altersrückstellungen, die die private Versicherung für den PKV-Kunden gebildet hat, verloren gehen. Beim PKV-Basistarif dürfe die monatliche Prämie den Höchstbeitrag der GKV nicht überschreiten. 2012 beträgt dieser 592,88 Euro. Wenn der Kunde gemäß dem Sozialgesetzbuch hilfebedürftig sei und einen hohen PKV-Beitrag zahlen müsse, könne dieser vom zuständigen Sozialversicherungsträger voll übernommen werden.


Zahlenstreit zwischen PKV und GKV


Wie die jüngsten Wechsler-Zahlen zu bewerten sind, darüber streiten PKV- und GKV-Vertreter. Der Sprecher des PKV-Verbandes, Stefan Reker, wies darauf hin: „Wir haben immer einen deutlich positiven Saldo hin zur PKV gehabt.“ Jedes Jahr würden unter dem Strich aber weitaus mehr gesetzlich Versicherte in die private Krankenversicherung wechseln als umgekehrt, sagte er. Das sei auch 2011 wieder so gewesen.

Besonders junge Leute wechseln gerne in die PKV. Reker geht aufgrund einer Hochrechnung von mehr Wechseln aus als im Vorjahr. 2010 waren es netto 74500 Personen. Zwischen 2006 und 2010 lag der Nettosaldo zugunsten der PKV zwischen 75000 und 140000 Personen.

Zumindest bei der Techniker Krankenkasse (TK) war der Nettosaldo in den vergangenen beiden Jahren mit durchschnittlich 40000 Personen auch positiv, wie eine Sprecherin erläuterte. Barmer GEK und TK nannten im übrigen Bruttozahlen, also wie viel Kunden der PKV zu ihnen zurückkamen – ohne die Abgänge zur PKV zu betrachten.

Bei der TK zeige der Trend hier klar nach oben, sagte die Sprecherin. Von 50000 im Jahr 2009 sei die Zahl der Systemwechsel auf 68000 im vergangenen Jahr gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr registrierte die zweitgrößte deutsche Krankenkasse mit 7,9 Millionen Versicherten einen Anstieg von fast zwölf Prozent.

Einen ähnlichen Trend stellte die Barmer GEK fest. 2011 wechselten in den ersten elf Monaten rund 27600 PKV-Kunden zu der größten Krankenkasse mit 8,6 Millionen Versicherten. Auch dies sei ein deutlicher Anstieg von neun Prozent.

Die Krankenkassen weisen gerne auf die steigende Zahl der Wechsel hin, weil sie zuletzt durch die PKV wieder unter Druck geraten sind. Gerade für die attraktive Gruppe gut verdienender GKV-Kunden hatte die Regierung die Wechselmöglichkeiten Anfang 2011 wieder erleichtert. Diese Personen müssen nicht mehr drei Jahre warten, sondern können bei entsprechendem Einkommen schon nach einem Jahr in die PKV wechseln, die für sie oft günstigere Beiträge bietet als die GKV. 

Der PKV schadete jedoch zuletzt, dass einige Versicherer ihre Prämien zum Teil um bis zu 50 Prozent erhöhen mussten. Das schürte auch anderswo bei den rund neun Millionen Privatversicherten im Lande die Angst vor einer Beitragsspirale, die sie vor allem im Alter treffen könnte. Der Grund: In der PKV hängen die Beiträge stark von den verursachten Krankheitskosten ab, die mit steigendem Alter jedoch eher höher werden. In der GKV werden die Beiträge jedoch nach dem Einkommen berechnet, was insbesondere für Rentner mit niedrigem Einkommen im Alter ein Vorteil ist.

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