Milliardenverluste: Heftiger Streit um Lebensversicherungen

Milliardenverluste: Heftiger Streit um Lebensversicherungen

, aktualisiert 26. November 2011, 16:50 Uhr
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Verbraucherschützer fordern mehr Transparenz bei Lebensversicherungen.

von Thomas SchmittQuelle:Handelsblatt Online

Eine Studie über Milliardenverluste mit Lebensversicherungen bringt die Branche in Rage. Verbraucherschützer beharren darauf, dass Kunden besser über die Versicherungsbedingungen aufgeklärt werden sollen.

FrankfurtDie Zahl ist gewaltig und betrifft womöglich Millionen Versicherte: Bis zu 160 Milliarden Euro sollen Kunden verloren haben, die in den vergangenen zehn Jahren ihre Lebensversicherungen kündigten. Das schätzt der Bamberger Professor Andreas Oehler in einer Studie, die er mit Unterstützung der Verbraucherzentrale Hamburg und dem Verbraucherzentrale Bundesverband Anfang November in Hamburg vorstellte.

Die Zahl und die Aufmerksamkeit darüber hat die deutschen Versicherer so sehr erzürnt, dass der Präsident des Versicherer-Verbandes (GDV) den Autor und die Unterstützer am vergangenen Donnerstag heftig attackierte. Das dürfte viele der mehr als 200.000 Vermittler im Lande gefreut haben. Doch weder die Verbraucherschützer noch der Wissenschaftler lassen die Kritik auf sich sitzen. Auf Anfrage des Handelsblatts konterten sie den Generalangriff der Versicherer: Die Branche solle endlich eigene Zahlen auf den Tisch legen und transparent werden.

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GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen hatte bemängelt, in der Studie von Oehler seien „nicht repräsentative Einzelfälle“ von Kunden verwendet worden und dann auf rund 80 Millionen kapitalbildende Lebensversicherungen hochgerechnet worden. „Es handelt sich hier um eine nicht repräsentative Gesamtauswahl von Verträgen mit überdurchschnittlich hohen Volumen“, kritisierte Hoenen. Das sei eine Negativauslese, solch eine Berechnung halte er für „statistisch absolut unseriös“ und die Ergebnisse für „absolut nicht belastbar“.

Und dies sei keineswegs nur die Meinung des GDV. Als Kronzeugen nennt Hoenen den Herausgeber des Branchendienstes Map-Report, Manfred Poweleit. Dieser ist für seine Kritik an der Branche bekannt und hatte Oehlers Studie als „peinlich“ bezeichnet. Er kritisiert sowohl Annahmen als auch Datenauswahl und stellt einige „Merkwürdigkeiten“ heraus. So bestehe das Literaturverzeichnis fast ausschließlich aus Publikationen von Andreas Oehler. Auch die Versichererauswahl bei den untersuchten Vertragsabbrüchen sei wenig repräsentativ. Besonders schlimm aber sei: In Zeiten der Finanzkrise wäre es sehr wichtig gewesen, die Folgen eines vorzeitigen Abbruchs von Ansparvorgängen zur Altersvorsorge zu analysieren. Sein Fazit: „Die vorliegende Studie belegt nicht, dass die Rückkaufswertproblematik bei der Lebensversicherung größer ist als bei der Konkurrenz.“

Dem GDV-Präsidenten Hoenen geht es aber nicht allein um die Studie, ihn verärgern auch die Kommentare der Verbraucherschützer darüber. Gerd Billen, den Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes griff er deshalb sogar persönlich an. Dass dieser sich „auf der Basis eines derart unseriösen Papiers dazu verleiten lässt, den Verkauf von Lebensversicherungen als staatlich erlaubtes Hütchenspiel zu bezeichnen, das hat nicht nur mich entsetzt“, sagte Hoenen. Seinem Verständnis von Verbraucherschutz entspreche es nicht, wenn man die Menschen, die für ihr Alter vorsorgten, mit „falschen und nicht wissenschaftlichen Studien“ verunsichere. „Das ist für mich verantwortungslos, und es ist das glatte Gegenteil von seriösem Verbraucherschutz“, sagte Hoenen.


Vebraucherschützer wehren sich

Die so Attackierten wehren sich. Dass die Branche nicht begeistert reagiere, komme nicht unerwartet, erklärte Studien-Autor Oehler gegenüber dem Handelsblatt. Immerhin müsse man ja das Geschäftsmodell verteidigen, welches Kunden teuer bezahlten. Doch auch die Stiftung Warentest komme im aktuellen Versicherungsratgeber 2011 beim Thema Kapitallebensversicherungen zu dem Urteil: „Überflüssig. Darauf können Sie gut verzichten. Als reiner Todesfallschutz und auch als reine Sparanlage nicht sinnvoll.“

Überraschend sei dagegen schon, dass seitens des GDV und auch des Map-Reports überhaupt keine inhaltliche Auseinandersetzung mit seiner Studie stattfinde: Nirgendwo habe er Behauptungen zur Repräsentativität aufgestellt, im Gegenteil. Die Problematik liege ganz woanders: „Die Branche hat sich bis heute verweigert, transparent und öffentlich zugänglich für Medien oder Wissenschaftler die erforderliche Grundgesamtheit der Kunden nach sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Kriterien zu publizieren“, erklärt Oehler. Nicht nur aus Sicht der wissenschaftlichen Statistik sei es leicht nachvollziehbar, dass Aussagen zur Repräsentativität nur funktionierten, wenn man die Grundgesamtheit kenne. „Ist es nicht seltsam, dass gerade GDV und Map-Report etwas einfordern, was sie selbst verhindern, nämlich die Grundgesamtheit offenzulegen?“, fragt Oehler. „Wenn man nichts zu verbergen hat und als seriöse Anbieter gelten möchte, warum diese Intransparenz?“

Vereinfacht ausgedrückt habe er prüfen wollen, was Kunden alternativ für ihr Geld bekommen hätten, entgegnete Oehler. Seine Schätzung sei überdies eher anbieterfreundlich. Oehler: „Es geht um den wirtschaftlichen Schaden, den Kunden erleiden, nicht um einen juristisch definierten Schaden oder eine Provisionsabrechnung.“ Es werde also gar nicht in Abrede gestellt, dass Finanzdienstleistern Aufwendungen im Rahmen ihrer Tätigkeit entstünden. „Nur ist es meines Erachtens im Sinne der sozialen Marktwirtschaft, potenzielle Kunden rechtzeitig vor Vertragsschluss vollkommen transparent über ein Produkt und verfügbare Alternativen zu informieren, in verständlichem Klartext, also auch in Euro und Cent“, forderte der Wissenschaftler.

Ähnlich reagierte auf Anfrage die Verbraucherzentrale Bundesverband. In einer vergleichbaren Studie von Evers und Jung mit dem Titel „Anforderungen an Finanzvermittler – mehr Qualität, bessere Entscheidungen“ sei pro Kunde von einem ähnlich hohen Verlust ausgegangen worden. Damals waren es 3.300 Euro, während Oehler bis zu 4.000 Euro Schaden pro Kunde annahm. Aus der Studie von Evers und Jung errechne sich bei jährlich einer Million gekündigten Verträgen ein Schaden von fast 3,4 Milliarden Euro im Jahr, mithin 34 Milliarden Euro in zehn Jahren, rechnet der Versicherungsexperte Lars Gatschke vor.

Was ist nun richtig: 160 Milliarden oder 34 Milliarden Euro Schaden für die Kunden? Beide Studien zeigten deutliche Parallelen auf, erklärte Gatschke. Sie beruhten aber auch auf Annahmen, weil das konkrete Zahlenmaterial nicht zugänglich sei. Die letzte Veröffentlichung zu aggregierten Stornoquoten stamme zum Beispiel aus dem Jahre 1995. Die jährlichen Statistiken zur Stornoquote bezögen sich nicht mehr auf die Anzahl der Verträge, sondern auf die Beitragssumme. „Der GDV und seine Mitgliedsverbände verfügen über die konkreten Zahlen. Es ist an der Versicherungswirtschaft, für Transparenz zu sorgen und die branchenweiten Differenzbeträge zwischen eingezahltem Beitrag und gebildetem Kapital nachvollziehbar darzustellen“, sieht Gatschke die Branche in der Pflicht.


Kunden sollen besser aufgeklärt werden

Bei aller Diskussion über den möglichen Gesamtschaden sollten zudem die realen Verluste der Verbraucher aus den Beratungsfällen der Verbraucherzentrale Hamburg nicht außer Acht gelassen werden, so Gatschke. Danach liege der durchschnittliche Schaden für den Verbraucher aufgrund des vorzeitigen Vertragsabbruchs bei 4.000 Euro. Erschwerend komme hinzu, dass Kunden  überhaupt nicht einschätzen könnten, ob und welchen Verlust sie erleiden könnten. „Der Verbraucher muss auf sein Glück vertrauen, den Vertrag durchzuhalten. Eine informierte Entscheidung sieht anders aus“, erklärte Gatschke. Deshalb unterstützten die Verbraucherschützer die Forderung von Professor Oehler nach einer einfachen und verständlichen Darstellung: „Wie viel Euro erhält der Verbraucher mindestens und definitiv zurück, wenn er nach ein, zwei, fünf, zehn oder 15 Jahren kündigt und wie hoch waren bis zum jeweiligen Zeitpunkt seine Einzahlungen?“ Das sollte jeder Kunde wissen, bevor er die Unterschrift unter den Vertrag setze.

Zusätzlich sollten die negativen Folgen einer vorzeitigen Vertragsbeendigung dadurch reduziert werden, dass die Abschluss- und Vertriebskosten gleichmäßig über die gesamte Vertragslaufzeit verteilt werden, forderte Verbraucherschützer Gatschke weiter. Die jetzt geltende Verteilung dieser Kosten über fünf Jahre mildere die wirtschaftlichen Nachteile lediglich bei einem frühen Storno leicht ab. Spätestens im sechsten Jahr stehe der Verbraucher genauso schlecht da, als wenn nicht verteilt worden wäre.

Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg betonte auf Anfrage, die Hamburger hätten für die wissenschaftliche Untersuchung des Bamberger Professors zwar ihre Fälle zur Verfügung gestellt. Es sei aber keine „Auftragsuntersuchung“. Die Ergebnisse deckten sich allerdings mit den internen Schätzungen und Stichproben, die man selbst gemacht habe.

Wenn der Branchenverband GDV nun meine, die Untersuchung Oehlers sei nicht repräsentativ, sei zunächst anzumerken, dass dies gar nicht behauptet worden sei. Zudem fordert Castelló die Versicherer dazu auf zu sagen, was sie konkret störe. Fehle es an der richtigen Verteilung auf die Unternehmen? Sei es der Zeitpunkt der Vertragsschlüsse oder der Zeitpunkt der Kündigung? Oder die Höhe der Versicherungssumme? Dann könnte man diese Details diskutieren.

Nach ihrer Einschätzung sei die Studie Oehlers vielleicht nur aus einem Grunde nicht repräsentativ: „Es sind eher die fitteren Verbraucher, die sich bei uns gemeldet haben. Also sind die Millionen besonders schlecht beratenen Frühstornierer mit besonders hohem Schaden eher unterrepräsentiert.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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