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Staatlich geförderte Altersvorsorge: Die Riester-Lüge

von Niklas Hoyer und Martin Gerth

Riestern lohnt sich für jeden, trommeln Banken, Versicherer und Politiker. Doch in Wahrheit kann die Riester-Rente für Sparer sogar zum Verlustgeschäft werden. Für wen sie sich lohnt – und für wen nicht.

Riestern lohnt sich nicht immer
Riestern lohnt sich nicht immer

Die junge Beraterin in der Düsseldorfer Filiale der Comdirect Private Finance wird geradezu euphorisch, als sie im Kundengespräch auf die Vorteile der Riester-Rente zu sprechen kommt. Hingen ihre Augen vorher noch am Beratungsprotokoll, strahlt sie den ratsuchenden männlichen Endzwanziger nun an. Vor allem Frauen gingen bei ihr nicht aus der Tür, ohne eine Riester-Rente abgeschlossen zu haben, erzählt sie begeistert. „Aber auch für Männer ist das eigentlich ein Muss“, schiebt sie mit Verkaufsgeschick eilig hinterher.

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Mit ihrer Euphorie steht die Direktbankerin nicht alleine da. Für kein anderes Produkt wird an Bankschaltern derzeit so intensiv geworben wie für die Riester-Rente. Versicherer flankieren die Beratungsoffensive mit einem Werbefeldzug, und selbst die Politik lässt kaum eine Gelegenheit aus, die staatlich geförderte private Altersvorsorge anzupreisen.

Das zeigt Wirkung: Längst hat sich in den Köpfen der deutschen Verbraucher festgesetzt, dass die Riester-Rente sich für jeden rechne. Schön blöd, wer auf staatliche Geschenke in Form von Zulagen und Steuervorteilen verzichtet, meinen viele. Mehr als zwölf Millionen haben deshalb schon seit Einführung im Jahr 2002 einen Riester-Vertrag abgeschlossen – Tendenz immer noch steigend.

Minusgeschäft nicht ausgeschlossen

Doch die pauschale Werbebotschaft, riestern rechne sich für jeden, ist falsch. Denn in vielen Fällen ist die Riester-Rente am Ende ein Minusgeschäft. Das belegen Musterrechnungen, die Klaus Jaeger, Riester-Experte und Professor für Wirtschaftstheorie an der Freien Universität Berlin, exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt hat.

So muss ein 30-jähriger Riester-Fondssparer mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 52.500 Euro 92 Jahre alt werden, um seine eigenen Beiträge samt Zinsen als Rente ausgezahlt zu bekommen. Tatsächlich hat ein derzeit 30-jähriger Mann nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes aber eine Lebenserwartung von nur 78 Jahren, Frauen sterben im Durchschnitt mit 83 Jahren. Es sei besonders für Männer „sehr schwierig, so alt zu werden, dass sich die Riester-Rente lohnt“, sagt Jaeger.

Persönliche Lebenssituation ist wichtig

Wer früh stirbt, hat mit Riester häufig sogar draufgezahlt. Dieses Risiko besteht vor allem bei Riester-Rentenversicherungen, wenn keine garantierte Mindestleistungsdauer, also eine im Todesfall vererbbare Rente, oder ein anderer Hinterbliebenenschutz vereinbart worden ist. Erben gehen dann leer aus, selbst wenn nur ein kleiner Teil der über Jahrzehnte eingezahlten Beiträge ausgezahlt worden ist. „Ob Riester Vorteile bietet, hängt von der persönlichen Lebenssituation ab“, sagt der Berliner Finanzmathematiker Axel Kleinlein.

Die Finanzbranche stört das nicht, sie preist Riester als die einzig selig machende Altersvorsorge an. Die hauseigene Riester-Rentenversicherung lohne sich „für jeden“, trommelt beispielsweise der Ostdeutsche Sparkassenverband in einer großangelegten Werbekampagne. Konkrete Beispiele sollen den Kunden verführen: Tommy, fiktive 19 Jahre alt und angehender Kfz-Mechatroniker, bekomme bei Abschluss einer Riester-Rente 10.600 Euro „geschenkt“. Die erdachte Callcenter-Agentin Lena, 29, und ihre fünf Jahre alte Tochter Leonie dürften sich über 11.800 Euro freuen.

157 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.01.2012, 15:20 UhrAnonymer Benutzer: Schlaumichel

    Ich finde diese reißerische und falsche Berichterstattung verwerflich. Gründe: vergleichen Sie mal die Rendite Ihrer Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung (und die des Arbeitgebers) nach den selben Maßstäben. Gelbetrag erben wie bei der Riester? Fehlanzeige! Bessere Rendite? Humbuck! Besteuerung? Voll, im Gegensatz zur Riester-Rente (Halbeinkünfteverfahren!)! Und und und ......... Ach ja, in Aktien sparen! Na klasse! Beim ersten Kaufwunsch und guter Entwicklung wird verkauft und das Geld in die Wirtschaft gepumpt. Im Übrigen - für welchen Prozentsatz der Bevölkerung treffen denn die Pauschalurteile aus diesem Bericht überhaupt zu? Wer prüft eigentlich die sachlichen Fehler in diesem Artikel, zum Beispiel, dass der Steuervorteil für Besserverdiener unmittelbar entsteht und ich ihn daher nicht als Rendite im Rentenalter rechnen kann - im Gegenteil, man müsste so rechnen, dass dieses Geld für die Zeit zusätzlich verzinst angelegt wird, denn dafür ist es ja eigentlich da. Wer sagt denn einem heute schlecht verdienenden junge Menschen: "Mach mal lieber keine Riester, Du bekommst im alter eh Grundsicherung!" Unglaublich, was hier für eine Hetze betrieben wird. Natürlich müssen die Produkte weiter verbessert und vor allem die Kosten weiter gesenkt werden. Aber den "Sparstrumpf" oder ähnliches als Alternative zu preisen grenzt an eine volkswirtschaftliche Straftat!

  • 22.07.2011, 14:36 UhrAnonymer Benutzer: Sebastian

    ich bin ebenfalls in den letzten 12 Monaten 4 mal auf die Riester-Rente angesprochen worden, 2x von meinen beiden banken und 2x von Versicherungsvertretern, mit denen ich in der Vergangsheit mal Kontakt hatte. bei keinem der beratungsgespräche kamen die Nachteile der Riester-Rente (siehe z. b. http://www.riester-informationen.de/riester-rente-nachteile.html ) auf den Tisch, bei drei von vier Gesprächen sollte ich nach 15 Minuten den Vertrag unterschreiben, ohne das meine persönliche Vorsorgesituation erfasst worden wäre...

    Da ich bisher noch nicht das Gefühl hatte ehrlich beraten worden zu sein, habe ich erstmal nichts abgeschlossen. Die Frage ist wirklich wo man sich hinwendet, wenn man selbst keine richtige Ahnung hat?

  • 06.11.2010, 00:44 UhrAnonymer Benutzer: Richard aus Scheeßel

    Also macht es nicht so schwer, wenn ihr jung seid, kauft erstklassige Aktien. Hier müsst ihr nur die Gewinne versteuert und nicht den Gesamtbetrag, ihr könnt jederzeit verkaufen, inflation steigert den Wert, langfristige Renditen sind idR besser als bei jeder Versicherung.

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