Wirtschafts-Historie: Mein Sparbuch

Wirtschafts-Historie: Mein Sparbuch

von Reinhold Böhmer, Hauke Reimer, Thorsten Firlus, Lothar Schnitzler, Konrad Handschuch und Roland Tichy

Es sind ganz besondere Objekte: Sparbücher spiegeln zugleich Wirtschaftshistorie und persönliche Geschichten. WirtschaftsWoche-Redakteure erinnern sich an besondere Erlebnisse mit ihren Sparbüchern.

Konrad Handschuch, Ressortleiter Politik & Weltwirtschaft

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Sparbuch

Meine Beste bekam kürzlich einen Anruf aus Freiburg im Breisgau – sie hatte dort in ihrer Lehrzeit vor mehr als 40 Jahren ein Sparkonto angelegt und völlig vergessen.

Jetzt hat die Bank ihre Adresse recherchiert und sich gemeldet. Dank gebührt den Filialen – denn die müssen sich darum kümmern, solche Dinge aufzustöbern.

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"Zumutbar" soll die Suche dabei bleiben, heißt es beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

Reinhold Böhmer, Ressortleiter Unternehmen &Märkte

Ich hatte im November 1993 entschieden, meiner Nichte bis zum 16. Lebensjahr pro Tag eine D-Mark zu schenken. Wichtig war mir dabei, dass sie das sehen und mitzählen konnte. Deshalb habe ich für sie - aus Anlegersicht irrational  - ein Postsparbuch angelegt. Um das für sie sinnlich nachvollziehbar zu machen, habe ich Beträge einbezahlt, die der Anzahl der Tage des jeweiligen Monats entsprachen. Leider wusste ich damals nicht, dass der Euro kommen und mir krumme Einzahlungsbeträge bescheren würde.  

Roland Tichy, Chefredakteur WirtschaftsWoche

Früher kam zu uns in die Schulklasse, so um 1962, alle paar Monate einer, den man heute als "Banker" bezeichnen würde. Er trug einen Hut und einen Anorak. Es war der Hausmeister der Raiffeisenkasse Feldkirchen und hat unsere braunen Kuverts eingesammelt; so ein, zwei D-Mark hatte ich da drin. Wir sollten zum Sparen angehalten werden. Heute ist das alles anders:

Die Tütenaktion würde man "financial education" nennen und vom Bundesarbeitsministerium per Chipkarte für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern fördern. Die Einsammelaktion würde vom Bundesverband der privaten Banken dem Bundeskartellamt gemeldet wegen unlauteren Wettbewerbs. Und danach käme vermutlich Bundesverbraucherschutzministerin Aigner darauf, die Raiffeisen-Filialen (vormittags Geldgeschäfte, nachmittags Düngemittelverkauf, deren Geruch ich immer noch in der Nase habe) wegen Verführung Minderjähriger zu finanziellen Transaktionen ohne Analyse ihres Bankfachwissens und Risikobelehrung zu belangen.

Der Tüteninhalt wurde damals einfach auf ein Sparbuch gutgeschrieben.

Ich habe es noch, 231 D-Mark liegen drauf, und sie auf Euro umzustellen würde wahrscheinlich die heutige Raiffeisenbank Berchtesgadener Land, die Nachfolgeorganisation in Schwierigkeiten stürzen: Die handschriftlichen Ziffern sind schwer zu lesen, die Tinte ist verblasst. Das blau gemauserte Büchlein liegt in dem feuerfesten Tresor unter dem, was der moderne Mann heute so hat: Belege über Fonds,  Lebensversicherungsverträge, Aktiendepots und Derivativgeschäfte, alles mit einem kleinem Klümpchen Gold beschwert.

Ungefähr alle fünf Jahre denke ich darüber nach, ob ich es nicht auflösen soll. Mittlerweile ist es so etwas wie ein Talisman, oder eine Versicherung. Bislang ist alles gut gegangen, so im Großen und Ganzen, von naja: Telekom mal abgesehen, die damals noch Post war. Vielleicht aber kommt der ganz große Crash, zerlegt es den Euro, werden wir und Sie und ich bettelarm, wenn ich mein blau gemausertes Sparbuch schlachte?

Nennen Sie es nicht Aberglauben. Ich habe schon schwergewichtiger argumentierte Garantien gesehen, die waren wertloser! Ich habe dickleibige Prospekte hinter mich gebracht, die haben weniger gehalten als mein dünnes Buch! Mein Sparbuch und ich haben Groß-Banker kommen und gehen sehen, dito Reiche und Konzerne, die gute alte Zeit ist damit dahingegangen und eine neue unübersichtlichere gekommen, ob es besser ist, weiß ich noch nicht. Also: Wir bleiben zusammen.

Und irgendwann: begrabt mich damit, oder versauft es zum Leichenschmaus. Aber vorher kriegt ihr es nicht, mein Sparbuch.

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