Wagniskapital: Thefunded.com: Wächter des Kapitals

Wagniskapital: Thefunded.com: Wächter des Kapitals

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Adeo Ressi, thefunded.com

Ein US-Unternehmer nimmt mit seiner Web-Seite Thefunded.com Risikofinanzierer ins Visier und hilft Gründern, Profis von Abzockern zu unterscheiden.

Adeo Ressi schaut sich vorsichtig um, als er den Treffpunkt betritt – ein Café an der Main Street im Silicon-Valley-Städtchen Los Gatos. Mit seiner asketischen Figur, dem kahlgeschorenen Kopf, dunklem Anzug, weißem Hemd und farbloser Prada-Brille könnte der 1,90-Meter-Mann in jedem Hollywood-Film überzeugend die Rolle des Chefs einer New Yorker Werbeagentur mimen. Erreichbar ist Ressi nur über E-Mail und eine spezielle Telefonnummer, die Anrufe an ihn weiterleitet. Wo genau er wohnt, ist geheim – irgendwo in der Nähe von Palo Alto. „Nein, Bodyguards habe ich nicht“, versichert der 35-jährige Unternehmer und ringt sich ein Lächeln ab. Seine Büropost wird ans Hilton-Hotel in San José geschickt, wo er ab und zu in einem schwarzen BMW X7 aufkreuzt, um sie abzuholen.

Die Vorsicht hat Gründe. Ressi ist einigen Leuten im Silicon Valley zu sehr auf die Füße getreten. In den USA sendet man in solchen Fällen Anwälte. Und Ressi nutzt alle Tricks, damit sie ihn nicht so schnell finden.

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Was hat er getan? Ressi ist der Chef der Internet-Seite Thefunded.com, auf der die Chefs und Gründer von Technologieunternehmen ihre Geldgeber auf einer Skala von 1 bis 5 bewerten und kommentieren. „Ich will Transparenz schaffen und schwarze Schafe bloßstellen“, sagt Ressi. „Das hilft nicht nur Unternehmern, sondern letztlich auch der Risikokapitalbranche.“

Erst einmal macht sich Ressi unter den Venture-Kapitalisten Feinde. Risikokapital ist ein Milliardengeschäft – in Nordamerika wurden 2007 knapp 30 Milliarden Dollar Wagnisgelder in Unternehmen investiert. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man kurzfristig auch als mittelmäßiger Kapitalmanager gut vom Geschäft leben kann – die Investoren bezahlen allein für die Verwaltung ihrer Gelder saftige Gebühren. Auf seiner Web-Seite stochert Ressi genüsslich in dieser offenen Wunde. Was dort steht, hat Unterhaltungswert. Thematisiert werden Wagniskapitalfonds und ihre Verwalter in den USA, aber auch Europa und Asien. Durch Anonymität geschützt, lassen etliche Unternehmer ihrem Frust freien Lauf, geben aber auch ehrliches Feedback. „Einfach Betrug“, schimpft ein Enttäuschter über Geldgeber aus Los Altos. „Habt ihr so was schon mal im Lebenslauf gesehen“, stichelt einer über einen Kapitalverwalter, der erwähnt, dass er eine Promotion begonnen, aber nicht vollendet hat.

Die Idee für die Web-Seite kam Ressi in New York. Dort gründete er Mitte der Neunzigerjahre nacheinander zwei Firmen und verkaufte sie für hohe zweistellige Millionenbeträge. Bei seiner dritten Firma Gametrust lief nicht alles so glatt. Der Anbieter von Online-Spielen brauchte Anfang 2005 Geld. Softbank, ein renommierter Wagnisfinanzierer, hatte kurzfristig abgesagt. Plötzlich musste Vorstandschef Ressi fieberhaft nach neuen Geldgebern suchen. Die fand er auch – nur um in eine Schlacht mit den Neuinvestoren verwickelt zu werden, die ihn und sein Team, erzählt Ressi, aus dem Unternehmen drängen wollten. Der Gründer entschied den Streit für sich, „doch ich musste viel Energie reinstecken, die ich lieber dem Unternehmen gewidmet hätte“.

Ressi machte sich Vorwürfe. Er hätte die Geldgeber besser auswählen sollen. Doch die Branche ist verschwiegen, die meisten Abmachungen sind mit Geheimhaltungsklauseln gekoppelt. Hohe Geldstrafen drohen dem, der plaudert. „Es ist ungemein schwierig, an die wesentlichen Informationen heranzukommen, die gute von schlechten Investoren unterscheiden“, bestätigt Martin Roscheisen, Gründer und Vorstandschef der Firma Nanosolar aus Palo Alto und ein Fan von Thefunded.com.

Aus Ressis Frust entstand Ende 2006 eine Web-Seite, auf der er seine Erfahrungen als Unternehmer und Ratschläge zum Beschaffen von Wagniskapital festhielt. Freunde forderten ihn auf, die Seite für andere Gründer und Unternehmer zu öffnen. Thefunded.com – übersetzt: die Web-Seite für jene, die Geld bekommen haben – war geboren. Um sie exklusiv zu halten, lud Ressi nur nachweislich echte Gründer oder Unternehmer und auch die nur auf Empfehlung ein, sich zu äußern. Er legte sich das Pseudonym TED zu. Nicht nur, um sich vor Anwälten zu schützen: „Das war mein privates Projekt, ich wollte mein Unternehmen Gametrust aus dem Spiel halten.“

Schnell stellte sich heraus, dass viele Unternehmer anonym bereit waren, ihre Erfahrungen beizusteuern. An Anekdoten mangelte es nicht, angefangen von Geldgebern, die Unternehmer trotz langer Anreise mehrfach versetzten, bis zu Versuchen, sich die Patente unter den Nagel zu reißen oder die Idee einfach zu kopieren. Im März 2007 erfuhr Michael Arrington, Gründer des einflussreichen Silicon-Valley-Tech-Blogs Techcrunch, von der Web-Seite und schrieb darüber. Danach konnte sich Ressi vor Interessenten kaum retten. Hunderte wollten Mitglied werden, die meisten lehnte er ab. Das machte den Zugang nur noch begehrenswerter. Zumal ein Rätselraten darüber einsetzte, wer sich hinter TED verbarg. Es konnte nur, so der Konsens, ein Silicon-Valley-Veteran sein. Auf einen Unternehmer von der Ostküste kam niemand. Die Einträge von TED wurden mit forensischer Akribie studiert, sein möglicher Aufenthaltsort immer weiter eingeengt. „Die Einschläge kamen näher“, sagt Ressi. Zudem wussten etliche Freunde und Bekannte von seinem Hobby. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Tarnung aufflog. Ressi beschloss, das lieber selber zu machen. Zumal seine Tage als Chef von Gametrust gezählt waren: Der Online-Unterhaltungsanbieter RealNetworks kaufte die Firma im September 2007 für angeblich annähernd 30 Millionen Dollar. Als Ressi sich im November outete, flatterten ihm Tausende Mitgliedsanträge ins Haus – und eine einstweilige Verfügung vom Hercules Technology Growth Capital Fund aus Palo Alto, der mit seiner Darstellung auf Thefunded.com unzufrieden war. Im Januar ist Ressi mit Frau und der zweijährigen Tochter ins Silicon Valley gezogen.

Er kümmert sich jetzt rund um die Uhr um die Seite mit ihren 6200 handverlesenen Mitgliedern, versucht sie in die richtigen Bahnen zu lenken. Anekdoten über schlechte Manieren von Geldgebern sind zwar unterhaltsam. Doch sie bergen die Gefahr, dass die Web-Seite zum Querulantenforum mutiert. Das wäre schade, denn auf der Seite finden sich Juwelen wie sogenannte term sheets, unverbindliche Angebote von Geldgebern, Firmen zu finanzieren, inklusive Konditionen und Bewertung. Die Dokumente sind vertraulich. Ressi hat trotzdem etliche besorgt und anonymisiert.

Die Web-Seite listet mittlerweile Hunderte Risikofonds weltweit und ihre Verwalter. Ressi bereitet derzeit ein Mentormodell vor, bei dem Vorstandschefs Ideen bewerten und an Geldgeber weiterleiten. Ein Geschäftsmodell hat er auch schon gefunden. Vermögensverwalter und Anwälte zahlen eine Jahresgebühr für den Zugriff auf die Seite. Für Gründer und Vorstandschefs ist das Angebot kostenlos.

Auch Wagnisfinanzierer haben sich mit Thefunded.com schon angefreundet. Mehr als 200 haben die Angaben über ihre Fonds autorisiert und mit Details über Mindestinvestitionssummen, Fokus und Ansprechpartnern ergänzt. „Je mehr Transparenz, desto besser“, sagt Paul Jozefak, Gesellschafter der Hamburger Wagniskapitalfirma Neuhaus und Partner. Jozefak ermuntert die von ihm unterstützten Unternehmer, sich auf Thefunded.com über ihren Geldgeber zu äußern. Egal, wie, aber es sollte fair sein, fügt er hinzu.

Ressi gefällt sich in der Rolle als Wächter über den Anstand in der Wagniskapitalbranche, hat aber schon sein nächstes Projekt ins Auge gefasst: Software, die beim besseren Planen von Städten helfen soll. Ob er dafür Geld bekommt? „Ich bin mir nicht so sicher“, sagt Ressi. Und grinst.

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