Wirtschaftstheorie: Physik der Finanzmärkte

Wirtschaftstheorie: Physik der Finanzmärkte

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Die Wirtschaft kann von der Wissenschaft lernen. Physikalische Gesetze gelten auch an den Finanzmärkten

Wer Übertreibungen verhindern will, muss Reibung und Rauschen erzeugen – durch intelligente Steuern und Zufallsverkäufe der Notenbanken. Was die Wirtschaft von der Physik lernen kann.

Unser ökonomisches System scheint mehr und mehr unkontrollierbar. Regierungen und Notenbanken brauchen neue Denkansätze. Wir fragen uns, ob die Ereignisse seit Ausbruch der Finanzkrise immer noch Ausdruck einer funktionierenden Selbstorganisation der Märkte sind – oder vielmehr Indikatoren für das Erreichen eines „kritischen Zustands“, wie Physiker die Situation eine Systems nennen, das kurz vor dem Kippen steht.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, so war zu lesen, arbeitet an einer Transaktionssteuer. Die Mehrzahl der bisher debattierten oder durchgesetzten Regulierungsvorschläge erscheint dagegen populistisch – so die Besteuerung von Boni – oder wirkt, wie das Verbot von Leerverkäufen in Deutschland, nur punktuell. Eine Erhöhung der Regulierungsdichte für Banken behindert die Selbstorganisation der Märkte und führt zum Aufbau bürokratischer Strukturen.

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Komplexe Systeme

Komplexe Systeme wie Finanzmärkte lassen sich schwer überschauen und kontrollieren. Aber man kann Spielregeln setzen, innerhalb derer sich ein System selbst organisiert. Die Theorie komplexer Systeme kann hier als Inspiration für solche neuen Regulierungsansätze dienen.

Schädliche Spekulationsblasen sind nur schwer zu identifizieren. Die meisten Blasen offenbaren sich erst, wenn sie platzen. Man benötigt daher Regulierungsansätze, die Blasen zum Platzen bringen, bevor diese eine systemgefährdende Größe erreicht haben.

Nicht Instabilität an sich ist das Problem, sondern das Ausmaß der Instabilität. Instabilität ist in einem komplexen System, das innovativen Kräften ausgesetzt ist, bis zu einem bestimmten Grad durchaus erwünscht, da sie die Anpassung der Marktteilnehmer an sich ändernde Fakten begünstigt. Es gilt also, Einflussfaktoren zu finden, die diese Instabilität beeinflussen, und zwar automatisch, ohne dass eine Regulierungsinstanz laufend beurteilen muss, ob ein bestimmtes Ausmaß von Instabilität gut oder schlecht ist.

Hier kommt die Physik ins Spiel. Vergleicht man Finanzströme einmal mit dem Energie- oder Wärmestrom in einer Flüssigkeit, die von unten her erhitzt wird, dann transportiert der Wärmestrom Energie (Kapital) von der Heizquelle (den Kapitalgebern) zur Oberfläche der Flüssigkeit (Unternehmen oder Staaten mit Kapitalbedarf).

Wie man Blasen verhindert

Ist die Temperaturdifferenz zwischen oben und unten niedrig, findet in der Flüssigkeit simple Wärmeleitung statt. Wird der Temperaturunterschied größer, bilden sich in der Flüssigkeit selbstorganisierte Strukturen für den Wärmetransport, sogenannte Konvektionsmuster. Ab einem bestimmten Punkt entstehen Blasen – die Flüssigkeit kocht über.

Um dies zu verhindern, stehen in diesem einfachen System, neben der Verringerung der Flüssigkeitsmenge, drei Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Man senkt die Temperaturdifferenz.2. Man verändert die innere Reibung der Flüssigkeit, zum Beispiel durch Zugabe einer anderen Substanz.3. Man sorgt für Rauschen, indem man Sand in die Flüssigkeit streut, was zu vielen kleinen Blasen führt und große, gefährlich eruptive Blasen verhindert.

Die hier genannten Typen von Kontrollparametern finden sich in vielen technischen Systemen. Die Parameter geben nicht detailliert vor, wer wie viel Wärme bekommt, wann es „genug“ ist, oder welche Wärmeverteilung „ungerecht“ ist – die Verteilung resultiert vielmehr aus der Selbstorganisation des Systems.

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