Vor etwa zwei Jahren fing es an. Zuerst ganz harmlos – mal eine Telefonnummer auf einem Zettel unter dem Scheibenwischer, mal ein Visitenkärtchen im Seitenfester. Am Ende grenzte es an Stalking. „Als ich letzten Herbst einen Geschäftspartner in Offenbach besuchte“, erinnert sich Dieter Wagner, Inhaber einer Münchner Werbeagentur, „sprang mir an der roten Ampel plötzlich ein wild gestikulierender Mann vors Auto.“ Das Objekt der Begierde: Wagners gut erhaltener Mercedes 190, Baujahr 1986. Der war bis jetzt ein ganz normales Alltagsauto: vier Türen, moderate Motorisierung mit 100 PS, spießiges Stufenheck-Design. „Nichts, was der Dorfplayboy fuhr“, sagt Wagner, „eher was für den Metzgermeister und den Oberstudienrat.“ Doch Werber Wagner saß – ohne es zu ahnen – am Steuer eines potenziellen Klassikers. „So ein Auto sollten Sie ja nicht dem Kiesplatzhändler an der Ecke geben“, warnt Hans-Jörg Götzl, Autoexperte des Fachmagazins Motor Klassik aus Stuttgart, „der ist viel zu schade, um ihn für ein paar Hundert Euro nach Afrika oder Kasachstan zu verhökern.“ Das wäre noch vor wenigen Monaten das übliche Schicksal und ein durchaus fairer Preis für Wagners Benz gewesen; doch „der Wagen aus den Achtzigern gehört zu jenen Modellen, die gerade am Übergang vom Gebrauchsfahrzeug zum Liebhaberobjekt sind“, sagt Götzl. Und denen winken in den kommenden Jahren enorme Wertsteigerungen – je nach Zustand und Modell natürlich. „Viele Autos aus den Siebziger- und Achtzigerjahren waren Wegwerfware und werden nie Kultstatus erreichen, aber wer die richtigen Modelle erwischt, kann für vergleichsweise kleines Geld nicht nur ein wunderbar extravagantes Auto fahren, er hat auch noch eine fahrbare Wertanlage in der Garage stehen“, meint Frank Wilke vom Marktforscher und Preislisten-Branchendienst Classic Data in Castrop-Rauxel. Fachleute wie Wilke beobachten derzeit einen regelrechen Run auf sogenannte Youngtimer. Das sind Autos, die gerade zu alt werden, um noch als normale Gebrauchte durch die Gegend zu fahren, aber noch keine 30 Jahre sind – ab dieser Grenze gilt ein Auto in Deutschland als Oldtimer. Einschlägige Fachblätter, Internetforen, Messen und Clubs boomen. Das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg registrierte 2006 schon gut 60 Prozent mehr Autos im Alter zwischen 20 und 30 als noch vor zehn Jahren. Das altehrwürdige Auktionshaus Dorotheum veranstaltet am 21. Oktober 2007 in Salzburg sogar eine Auktion speziell für Youngtimer – bis vor Kurzem undenkbar; versteigert wurden in den noblen Räumen allenfalls echte Oldtimer mit freistehenden Kotflügeln, Speichenrädern und Weißrandreifen aus der Vorkriegszeit. Woher kommt der Boom der oft kantig-unansehnlichen Achtziger-Karossen? Claus Mirbach ist Deutschlands größter und dienstältester Oltimer-Händler. Der 70-jährige Hamburger gilt als Vater des Begriffs Youngtimer. Er hat seine ganz eigene Erklärung: „Viele Käufer wollen sich mit so einem Auto ein Stück ihrer Kindheit zurückholen“, vermutet er, „sie sind meist zwischen 30 und 40, also nicht viel älter als die Autos selbst, auf deren Rücksitzen sie einst die Welt kennenlernten.“ „Youngtimerkäufer sind auf jeden Fall Individualisten“, meint Marktbeobachter Wilke, „ein Auto sagt schließlich viel aus über den Fahrer. Aber mit fast allen Neuwagen können Sie sich nur noch mit ein paar winzigen Extras oder mit drei PS mehr von der Masse abgrenzen.“ Wie wahr: Seit die Hersteller fast alle auf die sogenannte Plattformstrategie eingeschwenkt sind, steckt im Saab 9.3 zu weiten Teilen ein schnöder Opel Vectra, und auch der Volvo V 50 ist nur ein etwas besserer Ford Focus. „In den Siebzigern und Achtzigern“, sagt Wilke wehmütig, „herrschte noch eine ganz andere Modellvielfalt.“ So ist sein alter Mercedes W124 für Markus Krauspe, Werbekaufmann aus München, „auch der Ausstieg aus der automobilen Leistungsgesellschaft. Dieses Auto ist von alleine cool. Damit muss ich nicht mit PS-Zahlen protzen oder versuchen, den neuen BMW oder Audi auf der Autobahn zu überholen“. Wäre ja auch zu lächerlich. Es gibt aber auch handfeste Gründe, weshalb die jungen Klassiker immer beliebter werden – und so die Preise weiter steigen dürften. „Anders als ein echter Oldtimer ist ein Youngtimer alltagstauglich“, meint Mirbach, „mit einem Mercedes W123 oder einem Volvo 240 fahren Sie problemlos von München nach Hamburg.“ Bei einem Maserati aus den Sechzigern oder einem Austin Healey von 1955 sieht das schon anders aus: „Da heißt es: eine Stunde fahren, zwei Stunden schrauben“, so Wilke.
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Hinzu kommt der wesentlich günstigere Unterhalt. „Zwar kann auch der eine oder andere Youngtimer ins Geld gehen, wenn man ihn in schlecht gepflegtem Zustand einkauft“, meint Götzl, „doch bei vielen Autos zwischen 20 und 30 ist die Ersatzteillage noch sehr gut, es gibt viele Werkstätten, die diese Modelle beherrschen, und sie haben noch nicht die komplizierte Elektronik eines zeitgenössischen Wagens.“ Wer mit einem solchen Auto nicht nur auf mächtig Eindruck im Freundeskreis, sondern auch auf eine gute Wertanlage spekuliert, für den gilt das Mantra der Wirtschaft: Im Einkauf liegt der Gewinn. „Ein richtiger Oldtimer ist entweder schon sehr teuer, oder er wird es auch nicht mehr“, weiß Klassiker-Händler Mirbach, „gut erhaltene Youngtimer findet man dagegen noch relativ oft zum Schnäppchenpreis.“ Nicht immer wird die Wertsteigerung so drastisch ausfallen wie beim Audi Quattro, der zwischen 1980 und 1991 nur 11 445-mal in Ingolstadt vom Band lief. „Den bekam man – obwohl neu sehr teuer – vor einigen Jahren noch für wenige Tausend Mark“, erinnert sich Mirbach, „heute kostet schon ein mäßig erhaltener Quattro Sport mindestens 26.000 Euro; gepflegte kosten bis zu 100.000 Euro.“ Auch 911er aus den Siebzigern und frühe, gut erhaltene Mercedes 107 SL haben ihren Preis in den vergangenen zehn Jahren oft verdreifacht. Welche Modelle, die heute noch günstig sind, künftig cool und damit teuer werden? Dafür gibt es leider keine festen Regeln. „Das ist ja gerade das Schöne an dem Markt, dass man ein Näschen entwickeln muss, dafür winken aber auch schöne Gewinne“, sagt Mirbach. So achtet Götzl von Motor-Klassik genau darauf, welche Modelle bei TV-Drehbuchautoren gerade angesagt sind. „Welches Auto fährt der Typ, der in der Sat-1-Seifenoper die hübsche alleinerziehende Mutter rumkriegt? Welcher Tatort-Kommissar ist viel zu cool, als dass man ihn mit einem neuen A4 oder BMW rumfahren lassen könnte?“ Viele Autos, die vor drei, vier Jahren telegen wurden, erzielen heute Liebhaberpreise, meint Götzl. Beispiele: Saab 900, Volvo 245 am besten als Kombi, Renault R5, Alfa Romeo GTV, VW Bus „Bulli“ T3. „Im Idealfall ist es ein Auto, das billig ist, weil es noch als normaler Gebrauchter im Einsatz ist, aber eben schrulliger und cooler als ein alter Golf.“














