
Das Klima für Zertifikate ist eigentlich nicht schlecht. Die meisten dieser Wertpapiere versprechen etwas, das in kritischen Börsenzeiten gut ankommt: Schutz vor Kursrückschlägen und trotzdem überdurchschnittliche Renditen. Bestseller wie Expresszertifikate und Bonuspapiere locken mit feste Auszahlungen, auch wenn die Aktienmärkte nur auf der Stelle treten. Discounts deckeln zwar den Gewinn, dafür gibt es einen ansehnlichen Puffer als Versicherung gegen Kursrückgänge. Garantiezertifikate versprechen den kompletten Erhalt des Einsatzes und einen Zusatzgewinn obendrauf. Und dennoch – das Geschäft mit Zertifikaten, Hebelpapieren, Optionsscheinen und anderen derivativen Anlageinstrumenten ist ins Stocken geraten. Auch wenn das Volumen der angelegten Gelder im September noch einmal leicht auf 139 Milliarden Euro zulegte, der Handelsumsatz mit diesen Papieren brach gegenüber dem Vormonat um 27 Prozent ein. Der größte Rückschlag seit mehr als einem Jahr. Schon einmal, im Juni 2006, schrumpften die Umsätze mit Zertifikaten um ein Drittel. Damals ging dem Schwund im Handel ein Abschwung im Dax von 14 Prozent voraus. Heute rangiert der Dax nicht einmal halb so weit unter seinem Rekordniveau. Die Verunsicherung unter Zertifikate-Anlegern geht tiefer. Drei Probleme sind es, mit denen Käufer derzeit konfrontiert werden und an denen sich die Emissionspolitik der Banken orientiert: Problem 1: Die Abgeltungsteuer und mögliche Auswege Von 2009 an kassiert Finanzminister Peer Steinbrück für Gewinne aus Zertifikate-Geschäften in jedem Fall 25 Prozent Abschlagsteuer, dazu Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag. Betroffen sind alle Kapitaleinkünfte, die nach dem 31. Dezember 2008 fließen. Der sogenannte Bestandsschutz für Zertifikate ist mager: Nur wer bis zum 14. März 2007 eingestiegen ist und seine Papiere länger als zwölf Monate hält, kommt auf Dauer noch am Fiskus vorbei. Wer ab 15. März 2007 gekauft hat und mehr als zwölf Monate am Ball bleibt, muss sich spätestens zum 30. Juni 2009 von seinen Papieren trennen. Im Vergleich zu Publikumsfonds ist das derzeit ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil für Zertifikate. Nach der ersten Schockstarre sind die Zertifikate-Protagonisten wieder aufgewacht. Siegfried Piel, Vorstand des Branchenverbands Derivate Forum und Zertifikate-Chef des Emittenten Sal. Oppenheim, spricht von einem „robusten Markt“. Mehr noch, gerade wegen der absehbaren Steueränderung kommt es nun zu einer Flut von Neuemissionen.
Glossar: Die wichtigsten Begriffe für Zertifikate-Anleger
Zunächst werfen die Banken massenweise Zertifikate mit Laufzeit bis Juni 2009 auf den Markt. Von den derzeit fast 6000 Discountpapieren auf den Dax wird jedes zehnte Zertifikat im Juni 2009 fällig. Diese Quote ist dreimal so hoch wie zu anderen, vergleichbaren Monaten zum Quartalsende. Mit diesen Papieren sind nach einer Haltefrist von mehr als zwölf Monaten noch immer steuerfreie Gewinne möglich. Vermehrt tauchen auch Zertifikate mit Laufzeit bis Juli 2009 auf; für den Dax allein gibt es mittlerweile mehr als 100 verschiedene Discounts mit diesem Fälligkeitstermin. Hinter diesem Papieren steckt ein cleveres Steuerkonzept. Sollten die Börsen bei der ganzen Steuersparerei nicht mitspielen und die Kurse sinken, lassen sich mit Juni-Papieren nach alter Steuerrechnung keine Kursverluste mehr geltend machen. Sehr wohl möglich ist das aber mit Papieren, die im Juli 2009 fällig werden – schließlich müssen dann auch Gewinne ohne Rücksicht auf die Haltedauer versteuert werden. Das bedeutet: Geht das Geschäft auf und Aktien und Discounts steigen wie erwartet, lassen sich die Papiere kurz vor Fälligkeit bis spätestens 30. Juni verkaufen. Da Zertifikate wie Aktien über die Börse zu handeln sind und sich vom Kursniveau zwischen Juni und Juli nicht allzu viel tun dürfte, ist das kein Problem. Sollten die Kurse jedoch sinken, dann kann man im Juli verkaufen und nach neuer Regel Verluste steuerlich geltend machen. Diese Steuerstrategie gibt es komplett verpackt in einem Papier. Bei Express-Bonus-Zertifikaten liegen die Zahltage zunächst im Dezember 2008 und Juni 2009. Geht das Anlagekonzept des Zertifikats auf und notiert der Basisindex an diesen Tagen auf oder über dem im Zertifikat vorgeschriebenen Mindestniveau, fließt der Einsatz zurück und es gibt einen dicken Zusatzgewinn. Rutschen die Aktien unter die vorgeschriebene Grenze und entstehen Verluste, lassen sich die Papiere spätestens zur Fälligkeit im August 2009 steueroptimal verkaufen. Dabei haben Zertifikate noch einen Steuervorteil. „Nach neuem Recht lassen sich Verluste aus Zertifikaten nicht nur mit Gewinnen aus Zertifikaten verrechnen, sondern auch gegen andere Kapitaleinnahmen wie etwa Zinsen“, sagt Birgit Hosemann, Steuerberaterin für Kapitalanlagen. Bei Verlusten aus Aktiengeschäften ist eine so weite Gegenrechnung nicht möglich.
Bonus, Garantie, Index - Lesen Sie mehr über Zertifikate in einem 18-seitigen Spezial in der aktuellen WirtschaftsWoche
Große Gewinner der Abgeltungsteuer sind Garantiezertifikate. Schon heute entfallen auf sie 32 Prozent des in Zertifikaten angelegten Geldes, rund 45 Milliarden Euro. Garantiezertifikate werden nach bisheriger Regelung als Finanzinnovationen eingestuft, Gewinne sind ohne Rücksicht auf die Haltefrist zu versteuern. Gegenüber herkömmlichen Zertifikaten ist das ein klarer Nachteil. Der aber fällt mit der neuen Besteuerung weg: Garantiezertifikate werden dann wie andere Zertifikate behandelt. Steuerberaterin Hosemann: „Für die steuerliche Verlustanrechnung spielt der Begriff Finanzinnovation ab Januar 2009 keine Rolle mehr.“ Die Gleichstellung der Garantiezertifikate wird zu völlig neuen Konstruktionen führen. Einen Vorgeschmack bekommen Anleger derzeit mit sogenannten Safe-Zertifikaten. Sie gibt es vorwiegend auf Dax-Werte, MDax-Aktien und einige Börsenindizes. Positiv: Im Gegensatz zu vielen bisherigen Garantiezertifikaten versprechen sie die volle Beteiligung am Aktienkursanstieg. Werden Safe-Papiere fällig, gibt es den Gegenwert eines Index oder der entsprechenden Aktie zurück. Sollten es an der Börse jedoch abwärts gehen, schützt ein garantierter Mindestbetrag vor Verlusten. Auf den ersten Blick eine vielversprechende Konstruktion. Zwei Haken haben die Papiere allerdings: Eine Ausschüttung wie bei Aktien gibt es nicht, aus der Dividende wird schließlich die Absicherung finanziert. Zudem liegt der Verkaufspreis der Safe-Zertifikate oft über dem Kurs der Aktie und über dem Niveau, das am Laufzeitende garantiert wird. Beides schmälert den Vorteil gegenüber einem direkten Aktienkauf. Ein Comeback werden Aktienanleihen erleben. Sie machen derzeit nicht einmal ein Prozent des in Zertifikaten angelegten Geldes aus, sind aber im Grunde ähnlich aufgebaut wie Discountpapiere. Die bringen es derzeit auf einen Marktanteil von 14 Prozent und damit auf fast 20 Milliarden Euro. In einem Discountzertifikat wird ein Basiswert – meist eine Aktie – mit einem Termingeschäft kombiniert. Der Erlös aus einer verkauften Option fließt in den Rabatt und macht den Kauf der Aktie billiger. Bei Aktienanleihen führt die Einnahme aus einer verkauften Option nicht zu günstigeren Kursen, sondern damit wird ein überdurchschnittlich hoher Kupon finanziert. Für die meisten Privatanleger waren Aktienanleihen bisher uninteressant, weil dieser Kupon unabhängig von der Haltefrist zu versteuern war. Discount-Gewinne hingegen ließen sich nach zwölf Monaten steuerfrei einfahren. Mit der Abgeltungsteuer herrscht dann Gleichstand. Mit der neuen Steuer wird sich auch der Umgang mit Discountzertifikaten ändern. Der Kurs des Discounts ist Aktie minus Option. Wenn die Option im Wert sinkt, zieht das Discountzertifikat automatisch an. Dieser Effekt ist vor allem dann ausgeprägt, wenn Optionen in den letzten Monaten ihrer Laufzeit besonders schnell an Wert verlieren – und Discounts damit im Gegenzug Wert gewinnen. Beispiel: Ein Discount auf Daimler, dessen Gewinngrenze auf dem Niveau des aktuellen Aktienkurses liegt, hat bei einer Restlaufzeit von gut zwei Jahren derzeit einen annualisierten Discount-Effekt von 14 Prozent. Ein gleiches Papier mit einer Restlaufzeit von nur noch vier Monaten kommt fast auf den doppelten Wert. Wenn in Zukunft die Haltefrist dieser Papiere keine Rolle mehr spielt, können routinierte Börsianer diesen Effekt für kurzfristige Anlagen über wenige Monate ausnutzen.








