Finanzexperte einmal anders – André M. Bajorat: „Fahrradfahren schweißt zusammen“

Finanzexperte einmal anders – André M. Bajorat: „Fahrradfahren schweißt zusammen“

, aktualisiert 02. August 2017, 12:31 Uhr
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Keine Sorge, wenn keine Kamera dabei ist, trägt er einen Helm.

von Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Der Chef des Finanzdienstleisters Figo spricht im Interview über das Netzwerken mit Kollegen auf Radtouren, die Probleme der Finanz-Start-ups mit Banken – und die meditativen Geräusche einer Fahrradkette.

HamburgDass André M. Bajorat einer der bekanntesten Fintech-Experten in Deutschland wurde, bezeichnet er selbst als „absoluten Zufall“. Ein „Techi“ sei er nie gewesen: „Ich bin lieber Radgefahren, habe Fußball gespielt und fand Mädchen spannender als Computer.“ Erst im Jura-Studium kaufte er sich einen „386er“, schrieb damit seine Hausarbeiten und nutzte auch schon das Online-Banking der Stadtsparkasse Köln. Genug Expertise, um nach Abbruch des Studiums mit 25 Jahren im technischen Call-Center der damaligen Sparkassen-Tochter SK Online anzuheuern. Heute ist er 45, Geschäftsführer des Finanz-Technologie-Start-ups Figo in Hamburg, geschätzter Redner und Mentor. Bajorat brennt für das Thema Banking, aber noch lieber fährt er mit seinem Rennrad durch die Natur.

Herr Bajorat, Sie sind kürzlich mit dem Rennrad von Prag nach Berlin gefahren. Was hat Sie angetrieben?
Radfahren macht mir einfach großen Spaß, ich genieße die Zeit in der Natur, man sieht viel, nimmt die Gerüche wahr und das Geräusch von Kette und von Schaltung hat fast schon etwas Meditatives. Zusätzlichen Antrieb hatte ich, weil das eine Spendenaktion der Techbikers war. Mit knapp 40 Startup- und Internet-Unternehmern sind wir in drei Tagen fast 400 Kilometer gefahren und haben dabei über unsere sozialen Netzwerke Spenden gesammelt. Insgesamt sind rund 45.000 Euro zusammengekommen. Damit werden Menschen in afrikanischen Dörfern mit Fahrrädern ausgestattet.

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Wie trainieren Sie für solche Touren?
Fahrradfahren gehört für mich zum Alltag. Das fängt meist schon bei den 20 Kilometern ins Büro an. Auch, wenn ich mit meiner Familie wegfahre, setze ich mich oft ein paar Stunden früher aufs Rad und fahre schon mal vor. Meine Frau kommt dann mit unseren beiden Kindern im Auto nach. Zwischendurch mache ich immer wieder große Touren, im April bin ich bei Mallorca 312 mitgefahren und im Mai ein Rennen rund um die Mecklenburgische Seenplatte.

Fahren Sie lieber allein oder in Gesellschaft?
Ich mag beides. Wenn man in großen Gruppen fährt, ist das eine wunderbare Gelegenheit, um sich mit Leuten auszutauschen – so wie jetzt bei den Techbikers. In der Regel fährt man mit einer Geschwindigkeit, bei der man sich noch gut unterhalten kann.

Werden dabei auch Geschäfte geschlossen, so wie auf dem Golfplatz?
Ich glaube nicht, dass es die Teilnehmer explizit darauf anlegen. Aber solche Touren schweißen zusammen, man ist offener und baut Beziehungen zueinander auf. Gut möglich, dass daraus auch Geschäftsbeziehungen entstehen.

Wollen Sie auch mal Fintechs und Banken zu einem gemeinsamen Rennen einladen? Momentan scheint es zwischen denen ja zu kriseln.
Das würde ich dann aber nicht als Rennen, sondern tatsächlich als Netzwerkevent bezeichnen, Wettbewerb gibt es genug.

Banken und Fintechs streiten derzeit über die Umsetzung der EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2. Konkret geht es darum, auf welche Art Dritt anbieter auf Konten zugreifen können. Die Banken versuchen ihre Pfründen zu schützen, Fintechs wollen möglichst viel für sich herausholen. Wie bewerten Sie das?
Mich nerven die harten Positionen – sowohl bei einigen Bankenvertretern als auch bei Fintechs. Das ist dogmatisch und für niemanden hilfreich. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass sich alle wieder auf die Grundidee besinnen sollten: In der PSD2 geht es darum, elektronische Zahlungen sicherer und zugleich bequemer für den Kunden zu machen und diesem zudem die Hoheit über seine Daten zu geben.

Warum sind die Fronten gerade jetzt so verhärtet?
Es gab von Anfang an gegensätzliche Positionen, aber nun geht es um die Details, und alle Seiten kämpfen um die letzten Nuancen für die Umsetzung.

Als Chef von Figo müssen Sie für die Variante der Daten-Schnittstellen sprechen, oder?
Auch unabhängig von Figo bin ich der Meinung, dass alle Beteiligten glücklich wären, wenn die Banken vernünftige und performante Schnittstellen hätten. Das Problem ist nur, dass manche Banken keine leistungsstarke, also immer verfügbare und ausreichend schnelle, Schnittstelle hinbekommen werden und dafür nicht mal per Gesetz bestraft werden. Für solche Fälle braucht es im Sinne der Nutzer eine Alternativlösung. Außerdem wäre es sinnvoll, die Regeln zum Datenabruf eher allgemein zu halten. Im Zweifel sollte dann die Finanzaufsicht Bafin einzelne Angebote prüfen.


„Die Dinge müssen mich interessieren“

Sehen Sie das Geschäftsmodell von Figo in Gefahr?
Nein, das sehe ich nicht. Wir haben aktuell zwei Produkte für Banken. Bei dem einen unterstützen wir sie beim Multibanking, indem wir die Kontoaggregation übernehmen – wie zum Beispiel bei der Deutschen Bank, der Teambank, der 1822 direkt und der Consorsbank. Daneben bieten wir Banken eine Infrastruktur im Sinne der PSD2. Die können wir je nach Vorgabe der Institute anpassen. Sie ist dann vielleicht nicht mehr so sexy wie wir uns das manchmal wünschen, aber sie funktioniert trotzdem. Ich glaube, dass es am Ende einen Kompromiss geben wird, mit dem alle gut leben können.

Wird das Verhältnis zwischen Banken und Fintechs durch den Streit nachhaltig gestört?
Das glaube ich nicht. Bis die finalen technischen Details zur PSD2 besiegelt sind, werden beide Seiten noch mal hart kämpfen. Man ist einige Zeit zickig, aber dann ist es wieder gut. Bilateral finden weiterhin total sinnvolle Gespräche statt, sowohl mit den Banken als auch mit der Bundesbank und der Bafin. Die enge Zusammenarbeit lässt sich nicht so schnell stoppen. Auch bei den Techbikers waren Banken und Fintechs vertreten, zum Beispiel die Comdirect, Wirecard, Ratepay und SumUp, außerdem Google. Alle haben sich wunderbar verstanden.

Sie haben 13 Jahre lang bei Tochter-Unternehmen der Sparkassen gearbeitet, erst bei der SK Online, später bei Star Finanz, was haben Sie dort gelernt?
Das war in der Anfangsphase des Internets und wir haben damals viel Aufbauarbeit geleistet, da Online-Banking eines der ersten Online-Angebote war. Zuerst habe ich den Sparkassenkunden am Telefon erklärt, wie sie ihr Modem anschließen und die Software installieren – wer das alleine konnte, galt damals beinahe schon als IT-Profi. Bald danach bin ich in den Vertrieb eingestiegen und habe die Banking-Software an andere Sparkassen verkauft. Später habe ich an der Multibanking-App der Sparkassen mitgearbeitet. Das alles war immer Learning-by-doing und viel Teamwork.

Hilft Ihre Erfahrung bei den Sparkassen heute bei der Kommunikation mit den Banken?
Es ist schon hilfreich, wenn man einige Jahre in der Banking-Szene unterwegs war. Dann versteht man die Situation der traditionellen Banken, weiß wo man anknüpfen muss und wird auch eher ernst genommen. Auch das Alter hilft natürlich. Bei Banken sind viele Entscheider zwischen 40 und 50 Jahre alt und einige kenne ich schon von früher.

Zwischenzeitlich hatten Sie als Berater gearbeitet und waren Mentor für verschiedene Start-up-Programme. Machen Sie beides noch parallel zu Figo?
Als Berater arbeite ich gar nicht mehr. Trotzdem rufen mich immer noch Start-ups und Unternehmen an. Ich unterhalte mich gerne mit denen, aber betreibe das nicht als Business. Das Mentoring für Start-ups mache ich weiter. Entweder kann ich selbst einen Tipp geben oder ich leite die Frage an das Payment-and-Banking-Team weiter.

Ist das reine Hilfsbereitschaft oder kriegen Sie auch etwas zurück?
So denke ich nicht. Die Dinge müssen mich interessieren. Wenn ich das Thema oder die Menschen spannend finde, dann unterstütze ich sie gerne. Wenn ich es darauf anlegen würde, das meistmögliche Geld zu verdienen, würde ich wohl mittlerweile in einem Großkonzern arbeiten oder mich weiter als freier Berater verdingen.


„Ich will mehr Zeit auf dem Fahrrad verbringen“

Die Tür geht auf und ein Kollege hält Bajorat ein Telefon entgegen. „Du musst hier mal hallo sagen, es geht um neue Website-Zertifikate.“ Wenige Minuten später kommt Bajorat zurück.

Herr Bajorat, sind Sie schwer abkömmlich?
Eigentlich nicht. Wenn man derjenige ist, der draußen sein sollte, kann man nicht gleichzeitig derjenige sein, an dem intern alles hängt. In der Anfangsphase, in den Jahren 2013, 2014, drehte sich noch alles um wenige Menschen. Aber inzwischen hat Figo 48 Mitarbeiter und im Management-Team sind wir zu viert.

Trotzdem sind Sie nach außen der Hauptrepräsentant.
Nach innen oft auch noch, aber man darf kein Flaschenhals sein. Wenn man alles entscheiden und bei allem dabei sein will, kann das nicht gut gehen. Zum einen brennt man irgendwann aus, und zum anderen sollte man auch nicht jede Entscheidung selbst treffen. Ich bin gut darin, Aufgaben abzugeben.

Sie sind nicht der Gründer von Figo, waren aber trotzdem von Anfang an dabei. Wie kam’s?
Figo wurde 2012 von einem sehr guten Design-Experten gegründet und sollte ursprünglich eine Banking-App sein. Ende 2011 haben wir das erste Mal darüber gesprochen. Aus meiner Zeit bei Star Finanz hatte ich schon Erfahrung mit Banking-Apps. Der Gründer wollte Banking neu denken und den Nutzern neue Funktionen bieten, das fand ich spannend. Ich habe mich an der ersten Finanzierungsrunde beteiligt und stand als Sparring-Partner zur Verfügung. Aus Dank wurden mir dann weitere Anteile an Figo überschrieben.

Wieso kam es kurz darauf zum Wechsel des Geschäftsmodells?
Es gab Probleme mit Apple. 2013 wurde die App aus dem App-Store geworfen und unsere Entwicklerlizenz wurde gekündigt. Gegen Apple zu klagen war keine ernsthafte Option. Gemeinsam mit den Gesellschaftern haben wir uns dann für den Schwenk auf ein Business-to-Business-Modell entschieden. Wir haben sehr lange gebraucht, um das abzuschließen, aber rückblickend war das die richtige Entscheidung.

Was haben Sie mit Figo noch vor?
Wir wollen unseren Dienst als regulierter Player gemäß der PSD2 nach ganz Europa bringen und noch mehr Funktionen über die Schnittstelle verfügbar machen, zum Beispiel Wertpapiergeschäft und die Aufbereitung von Daten. Für neue Projekte brauchen wir dann auch neue Mitarbeiter. Bis Ende des Jahres wollen wir von 48 auf etwa 70 wachsen.

Sie haben nie eine Ausbildung abgeschlossen, wollen Sie bei Figo etwas zu Ende bringen?
Ich hoffe, dass diese Firma noch lange kein Ende hat, zumindest nicht in den nächsten 20, 30 Jahren. Ich glaube aber nicht, dass ich hier bis zur Rente bleibe. Wenn ein Unternehmen wächst, sind immer wieder andere Fähigkeiten gefragt. Was meine Fähigkeiten angeht, bin ich ein total skeptischer Mensch und glaube, dass ich irgendwann nicht mehr der Beste für den dann notwendigen Job bin. Aber für die Firma, an der ich Anteile halte, möchte ich gerne die Besten an den richtigen Stellen.

Was kommt für Sie nach Figo, wollen Sie das Radfahren zum Beruf machen?
Ich bin keiner, der sein Leben strategisch plant, ich lasse mich gerne von Situationen treiben. Noch mehr Leidenschaft als fürs Banking habe ich für meine Familie, fürs Fahrrad, Reisen und draußen sein. Ich will mehr Zeit auf dem Fahrrad verbringen, das ist ein ganz klares Ziel.

Herr Bajorat, vielen Dank für das Interview.

Vita André M. Bajorat

Der Quereinsteiger: Ohne abgeschlossene Ausbildung stieg André M. Bajorat bei der Sparkassen-Tochter Starfinanz zwischen 1999 und 2009 rasch in eine Führungsposition auf und verantwortete den Start von Giropay.

Der Fintech-CEO: Figo stellt Datenschnittstellen bereit, über die Banken und Finanzdienstleister auf Kundenwunsch Kontoinformationen abrufen und Zahlungen auslösen können.

Der Blogger: 2011 startete er den Blog „Payment And Banking“. Was als Link-Liste begann, wurde bald zur Experten-Plattform.

Der Radfahrer: Mit 13 Jahren verkaufte er seine Modelleisenbahn und kaufte sein erstes Rennrad.

Das Konzept der Serie „Finanzexperte einmal anders“: Das Handelsblatt trifft bekannte Finanzexperten, um sich abseits der Kapitalmärkte über ihre Hobbys zu unterhalten. Einblicke in die Finanzszene gibt es dabei trotzdem.

Quelle:  Handelsblatt Online
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