Finanzexpertin Sandra Navidi: „Auch ein Lehman-Moment ist nicht auszuschließen“

Finanzexpertin Sandra Navidi: „Auch ein Lehman-Moment ist nicht auszuschließen“

, aktualisiert 23. Juni 2016, 13:48 Uhr
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Die Finanzexpertin und Bestsellerautorin glaubt nicht, dass es zum Brexit kommt.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Börsianer warten gebannt auf das Abstimmungsergebnis aus Großbritannien. Auch Finanzexpertin Sandra Navidi ist gespannt, schließlich könnten die Märkte heftig reagieren – so heftig wie zu Hochzeiten der Finanzkrise.

Die Finanzexpertin Sandra Navidi lebt seit 16 Jahren in New York, doch in ihrer deutschen Heimat ist sie noch immer sehr verwurzelt. Mit Interesse verfolgt sie die Diskussionen über die Brexit-Abstimmung - und sieht Parallelen zur politischen Stimmung in den USA.

Frau Navidi, die Abstimmung der Briten über den Brexit ist in Europa das große Thema. Spielt es auch an der Wall Street eine Rolle?
Selbstverständlich, das spielt eine sehr große Rolle, nicht nur für Großbritannien selbst, sondern auch für Europa. Amerika braucht ein wirtschaftlich und politisch starkes Europa, und noch größere Marktschwankungen würden die bestehende Fragilität nur noch weiter verstärken

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Wie nehmen Sie als Deutsche die Brexit-Debatte wahr? Sie leben ja schon lange in den USA…
Ich lebe schon seit 16 Jahren in den USA, aber ich bin natürlich noch sehr in Deutschland verwurzelt. Ich sehe die Debatte im Grunde genommen als Symptom einer Anti-Establishment-Bewegung, wie wir sie weltweit sehen – wie Trumpism oder das Erstarken extremer Parteien in vielen Ländern. Die Brexit-Befürworter sind weniger von sachlichen Argumenten, als von emotionalen Beweggründen getrieben. Es sind im Wesentlichen die Globalisierungsverlierer, die den Politikern vorwerfen, ihre Interessen nicht zu vertreten. Selbst dass der Brexit negative wirtschaftliche Konsequenzen haben könnte, ist für sie zweitrangig, weil sie bisher auch nicht am Aufschwung teilhaben.

Glauben Sie, dass es zum Brexit kommt?
Ich glaube eher nicht, dass es dazu kommen wird. Am Ende haben die Menschen dann doch zu viel Angst vor der den ungewissen Folgen. Aber es gibt auch einen riesigen Teil, der noch unentschieden ist. Und niemand kann sagen, wie diese Menschen sich letztendlich entscheiden.

Mit welchen Marktreaktionen rechnen Sie?
Wenn es nicht zum Brexit kommt, wird sich die Volatilität wahrscheinlich wieder einpendeln.

Keine Erleichterungs- oder Erholungsrally?
Möglich. Es gibt aber auch noch genügend andere Unsicherheitsherde. Langfristige Euphorie wird deshalb vermutlich nicht aufkommen, auch wenn eine kurze Erleichterungsrally wahrscheinlich erscheint. Aber wenn die Briten sich für den Austritt aus der EU entscheiden, das wäre schlimm.


„Donald Trump hält uns auf Trab“

Auch für die Märkte?
Natürlich, die Volatilität und Ansteckungsgefahr könnte neue Dimensionen erreichen. Auch ein Lehman-Moment ist nicht auszuschließen. Niemand kann die Folgen und die unbeabsichtigten Konsequenzen einschätzen. Wir sind noch vernetzter als früher, im Hinblick auf politische, wirtschaftliche und finanzielle Risiken, die sich in verschiedenen Dimensionen übereinander lagern und sich gegenseitig verstärken.

Welche Themen sind denn derzeit sonst noch wichtig an der Wall Street? Wahrscheinlich vor allem die US-Wahl und die Zinspolitik?
Donald Trump hält uns auf Trab, weil er auch immer neue rhetorische Bomben loslässt. Es ist äußerst interessant, zu beobachten – über den Entertainment-Effekt hinaus – wie sich die Konservativen zu ihm positionieren. Es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass sie ihn in letzter Minute kalt stellen.

Aus deutscher Sicht kann man das alles schwer nachvollziehen. Dass Trump so weit gekommen ist, darüber können viele Europäer nur staunen.
Es ist für die meisten Amerikaner genauso wenig nachvollziehbar und den meisten ungemein peinlich. Ich kenne viele Finanziers, die verschiedene Präsidentschaftskandidaten unterstützen. In Davos hatte ich im Januar ein Schlüsselerlebnis. Ich war eingeladen bei Bill Browder, dessen Hedgefonds Hermitage mal größter Investor in Russland war. Er hatte 30 Fondsmanager eingeladen. Da waren ein paar Hundert Milliarden unter einem Dach versammelt. Ich saß neben Paul Singer, der Argentinien in die Knie gezwungen hat. Was wirklich befremdlich war: Es war ein Raum mit den intelligentesten, wohlhabendsten, einflussreichsten Menschen und die waren alle völlig ratlos und hilflos angesichts dieses Krawallkandidaten. Trump ist ein echtes Phänomen.

Können Sie das erklären?
Er legt den Finger in eine offene Wunde, die seit der Finanzkrise von 2008 immer größer geworden ist. Und es sind eben auch hier wieder die Globalisierungsverlierer, die ihm folgen. Nach der Finanzkrise sind 90 Prozent der Gewinne an das eine Prozent der Gesellschaft gegangen. Der Großteil der Bevölkerung hat also nichts davon gehabt. Immer wieder hören sie, dass die Vorstandschefs 300 mal mehr verdienen als sie, während ihre Löhne in den letzten 40 Jahren nicht gestiegen sind . Diese Unzufriedenheit platzt überall auf. Allein die Tatsache, dass die Schweiz über das bedingungslose Grundeinkommen abgestimmt hat – vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen zeigt, dass sich der globale Zeitgeist langsam aber sicher verändert. Wenn das Establishment und die Politik nicht rasch gegensteuern, wird das irgendwann definitiv drastische Folgen haben.

Einen US-Präsidenten mit Namen Donald Trump?
Ich glaube nicht, dass Trump gewählt wird. Viele Menschen bejubeln ihn zwar, aber stehen in letzter Konsequenz nicht wirklich hinter ihm. Das ist ein bisschen wie mit der AfD: eine Protestwahl, als einzige Möglichkeit, um auf die etablierten Parteien Druck auszuüben,


„Die Volatilität wird volatiler“

Und da es in den USA nur zwei Parteien gibt, sucht man sich eben den Krawallkandidaten?
Ja, genau. Aber im Endeffekt werden die Leute wahrscheinlich auch hier Angst vor der Ungewissheit haben und sicherheitshalber beim bekannten Übel bleiben. Aber wenn es so weitergeht wie bisher, kann es sein, dass der Leidensdruck irgendwann so groß wird, dass tatsächlich ein Krawallkandidat an die Macht kommt.

Neben der Präsidentschaftswahl steht natürlich auch die Politik der Notenbank weiter im Fokus.
Die US-Notenbank ist in einem Dilemma. Sie möchte auf der einen Seite mit einer Zinserhöhung eigentlich gerne die lockere Geldpolitik zurückfahren. Auf der anderen Seite möchte sie wegen der kaum abschätzbaren Konsequenzen aber auch größte Vorsicht walten lassen. Sorgen bereiten ihr zum Beispiel die Unternehmensanleihen, die in den Schwellenländern in Rekordhöhe in Dollar ausgegeben worden sind. Wenn die Zinsen steigen, erhöht das auch die Schuldenlast. Viele Anleihen von Unternehmen, die keine soliden Geschäftsmodelle haben oder nicht krisenresistent sind, könnten nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds ausfallen; Schätzungen gehen bis 750 Milliarden Dollar.
Das Problem: Damit haben sich viele Investmentfonds in den USA in großem Maße eingedeckt. Wenn es zu Ausfällen kommt, kommt es zu riesigen Abschreibungen bei den Fonds. Das könnte den Finanzmarkt infizieren. Das alleine muss zwar nicht zu einer Megakrise führen, aber wenn das gleichzeitig mit anderen Krisen kommt, dann könnten wir möglicherweise wieder eine Spirale erleben.

Verkraftet die US-Wirtschaft im Moment überhaupt einen Zinsschritt?
Die US-Wirtschaft könnte das verkraften. Auch wenn das Wachstum mit rund zwei Prozent relativ bescheiden ist. Es ist auch kein Wachstumsmotor abzusehen, der für eine Ankurbelung sorgen könnte. Bei Unternehmen sehen wir im Wesentlichen Effizienzsteigerung, aber nur geringes Wachstum. Dabei stellt sich natürlich auch die Frage, wie viel Wachstum es grundsätzlich noch geben kann, nicht nur in den USA sondern auch global.

Die Aktienmärkte sind in diesem Jahr nicht wirklich vom Fleck gekommen. Aber Anleger mussten eine wilde Achterbahnfahrt ertragen. Was glauben Sie ist dieses Jahr noch zu holen angesichts dieser Gemengelage?
Die Volatilität wird volatiler und die Instabilität instabiler werden.

Wie sieht es mit den Devisenmärkten aus?
Sollte es zum Brexit kommen, wird es einige dramatische Verschiebungen geben, mit dem Pfund als eindeutigem Verlierer. Es bleibt spannend.

Frau Navidi, danke für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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