Finanzierung: Branche im Wandel

Finanzierung: Branche im Wandel

, aktualisiert 28. Mai 2017, 10:08 Uhr
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Mit speziellen Leasingverträgen zahlen Kunden nur die effektive Nutzung.

von Thomas LutherQuelle:Handelsblatt Online

Das Geschäft mit Leasing boomt. Dazu bietet die Digitalisierung den Anbietern die Chance auf weiteres Wachstum. Doch sinkende Margen und Regulierungswut sorgen mittlerweile für Konsolidierungsdruck.

DüsseldorfDie Mitarbeiter der Spahn GmbH in Esslingen haben seit Jahresanfang einen neuen Arbeitskollegen. Der Mitarbeiter hört auf den Namen Sawyer und ist ein kollaborierender Roboter, der über künstliche Intelligenz verfügt. In elegantem Rot gehalten und kaum größer als ein normaler Kühlschrank, bewegt er sich mit Hilfe mehrerer Sensoren und zweier Kameras, die ihm als digitale Augen dienen, eigenständig durch die Produktionshalle. Wo immer Sawyer von einem Mitarbeiter gebraucht wird, hilft er aus und erledigt Standardaufgaben oder arbeitet mit seinem schlanken, äußerst beweglichen Roboterarm seinen menschlichen Kollegen zu.

„Weil wir unsicher waren, ob sich der Einsatz eines solch neuartigen Roboters auf Dauer rechnet, haben wir Sawyer geleast“, erzählt Spahn-Geschäftsführer Rainer Eberle, der aus Sorge um die Neugier von Wettbewerbern seinen richtigen Namen ebenso wenig in der Zeitung lesen möchte wie den seines Maschinenbauunternehmens.

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Das Besondere dabei: Zusammen mit der Leasinggesellschaft hat Eberle den Mietvertrag so gestaltet, dass er nur für die effektive Nutzung des Roboters zahlt. Ein Telemetrie-Modul in Sawyer sammelt dazu Daten über Einsatzzeiten und Tätigkeiten und übermittelt sie in Echtzeit an die Leasinggesellschaft. Die errechnet daraus eine individuelle Rate, die sich am Verschleiß der Maschine orientiert. Sollte Sawyer in zwei oder drei Jahren technisch überholt sein, kann der Vertrag kurzfristig beendet und der Roboter gegen einen modernen Nachfolger ausgetauscht werden.

Nutzungsabhängiges Leasing, auch Pay-per-use oder Pay-per-save genannt, ist ein Trend, der immer stärker wird, beobachtet Horst Fittler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL). Die voranschreitende Digitalisierung macht es möglich. Denn egal, ob Kraftfahrzeug, Computer-Hardware oder Fräsmaschine – fast in jedem technischen Gerät stecken heutzutage kleine Sensoren, die genau registrieren, wann und wie intensiv der Gegenstand genutzt wird. Ist die Zeit reif für eine Wartung oder den Austausch eines Ersatzteils, bekommt der Nutzer ein Signal, oder es wird automatisch ein Service-Techniker in Marsch gesetzt.

Die Leasingbranche weiß dies mehr und mehr als Wettbewerbsvorteil gegenüber den Anbietern einer klassischen Kreditfinanzierung zu nutzen. Statt starrer Raten und fester Laufzeiten, die einen fiktiven Restwert des Investitionsguts am Ende des Vertrags unterstellen, bieten immer mehr Leasinggesellschaften flexible Laufzeiten und Finanzierungsraten, die sich an der tatsächlichen Nutzung des Leasinggegenstands orientieren. „Die bisherige Erfolgsformel ‚Pay as you earn‘ entwickelt sich so weiter zum ‚Pay-per-use‘“, sagt Johannes Anschott, Vorstandsmitglied der Commerz Real. Er sieht die Digitalisierung als Wachstumsmotor für die Branche.


Alles aus einer Hand

Und noch ein Markttrend beschert der Leasingbranche Rückenwind: Immer mehr Unternehmenskunden wollen Full-Service-Verträge. „Für die Kunden steht heute der optimierte Nutzen einer Investition im Fokus. Sie wollen eine komplette Dienstleistung aus Finanzierung, Wartung, technischem Kundendienst und bei Bedarf weiteren Service-Bestandteilen buchen – und dafür nur eine Rate zahlen“, weiß Fittler. „Künftig werden die Kunden nicht mehr die einzelne Maschine per Leasing finanzieren, sondern sie wollen ein komplettes Konzept – zum Beispiel eine Millionen Schweißpunkte, die ihnen ein Park aus Industrierobotern liefert, den dann die Leasinggesellschaft direkt bei den Herstellern kauft. Das ist dann eher ein Servicevertrag, an dessen Ende eine Finanzierung steckt – die den Kunden aber kaum interessiert.“

Schon jetzt boomt das Neugeschäft der Leasinggesellschaften. Das stabile Wachstum der deutschen Wirtschaft hat der Branche 2016 ein Rekordjahr beschert. Die Delle nach der Finanzkrise ist längst überwunden. 2016 tätigten die Leasinggesellschaften in Deutschland Investitionen in Maschinen, Fahrzeugen und andere Wirtschaftsgüter in Höhe von 64,2 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Wachstum von neun Prozent. Den Löwenanteil macht mit 55,1 Milliarden Euro das Mobilien-Leasing aus, wovon nach Leasinggütern gesehen drei Viertel auf Pkws entfallen.

Mit 24 Prozent ist der Leasinganteil an den gesamten Ausrüstungsinvestitionen der bisher höchste in der Leasinggeschichte. Dennoch warnt BDL-Mann Fittler: „Der Wirtschaft geht es zweifellos gut. Aber was die Investitionen angeht, können wir nicht zufrieden sein. Es wird investiert – aber leider nicht hier in Deutschland.“

Ein Grund dafür sehen Experten in den mangelnden steuerlichen Rahmenbedingungen, die mit dem rasanten Tempo von Industrie 4.0 nicht Schritt halten. „Gerade bei Sprunginvestitionen im Zuge von Digitalisierung wäre es wichtig, dass die Unternehmen die Investitionsgüter schnell abschreiben können“, moniert Fittler. Stattdessen unterstellt der Fiskus Nutzungsfristen von zum Teil über zehn Jahren.

Als Bremsklotz für die Branche erweisen sich auch die anhaltend niedrigen Zinsen, die für Druck auf Margen und Erträge sorgen. „Die externen Rahmenbedingungen waren bei der Steigerung unseres Neugeschäfts keine Stütze“, sagte Kai Ostermann, Vorstandsvorsitzender des Branchenprimus Deutsche Leasing AG, auf der Bilanzpressekonferenz. „Vielmehr waren und bleiben die Marktverhältnisse in zunehmendem Maß außerordentlich herausfordernd, nicht zuletzt aufgrund der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank.“

Vor diesem Hintergrund spürt die Leasingbranche weiter Konsolidierungsdruck. Selbst bei kleineren Anbietern sieht BDL-Geschäftsführer Fittler keine Bedrohung durch den Markt, sondern vor allem von der überbordenden Regulierung aus Brüssel. Nach Zahlen des Leasingverbands, dessen Präsident Martin Mudersbach sich nach 33 Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat, haben fast zwei Drittel der Leasinggesellschaften in Deutschland weniger als 15 Mitarbeiter. Mit jeder neuen Vorschrift und zusätzlichen Regulierungen kommen die Inhaber dieser Firmen in einem oder anderen Fall zu der Entscheidung, dass sich das Geschäft nicht mehr für sie rentiert, und sie verkaufen oder stellen den Betrieb ein.

Quelle:  Handelsblatt Online
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