Finanzmarkt in Ungarn: Die Orbánisierung der Banken

Finanzmarkt in Ungarn: Die Orbánisierung der Banken

, aktualisiert 05. März 2017, 07:57 Uhr
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Der ungarische Premierminister treibt die Nationalisierung des Bankensektors voran.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Ungarns rechtspopulistischer Premier baut den Einfluss auf den Finanzsektor in dem EU-Land aus. Bereits mehr als die Hälfte der Banken sind in ungarischer Hand. Ausländische Banken sehen neue Geschäftsmöglichkeiten.

Budapest„Ungarn zuerst“ lautet die Devise der Budapester Regierung. Das gilt vor allem für den Finanzsektor. „Wir brauchen ein nationales Bankensystem, das sich in ungarischen Händen befindet“, sagte Premierminister Viktor Orbán in einer Grundsatzrede vor der ungarischen Industrie- und Handelskammer in Budapest.

„Es braucht nicht im Besitz des Staates sein, aber was wichtig ist, es sollte in ungarischem Besitz sein“, ergänzte der Chef der rechtspopulistischen Fidesz-Partei, die mit einer fast Zwei-Drittel-Mehrheit im ungarischen Parlament regiert.

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Seit drei Jahren treibt der Rechtspopulist die Nationalisierung des Bankensektors voran. Von seiner historischen Mission ist der seit 2010 regierende Ministerpräsident zutiefst überzeugt. „Geld hat in der Tat keinen Geruch, dessen Besitzer aber schon“, sagte Orbán. In Erinnerung an die Finanzkrise von 2008 ergänzte der 53-jährige: „Bankkapital hat angeblich keine Nationalität, wenn die Möglichkeiten der Kreditvergabe beginnen zu schrumpfen. Aber siehe da, die Banken begannen die Zurückziehung von Kapital nicht in ihren Heimatländern, sondern hier in Zentraleuropa; sie schickten ihr Geld zurück nach Österreich und Deutschland.“ Die Wahrheit sein, dass Geld nur dann keinen Geruch hätte, wenn die Dinge gut laufen würden. Liefen die Geschäfte schlecht, hätte Geld plötzlich eine Nationalität.

Mit Stolz verwies Orbán darauf, dass sich dank seiner Politik nunmehr über die Hälfte des Bankensektors in dem osteuropäischen Land in ungarischer Hand befinde. Der Fidesz-Chef verspricht sich davon, für die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise gegen Kapitalabflüsse besser gerüstet zu sein. Die Nationalisierung ist Teil der gesamten Wirtschaftspolitik der rechtspopulistischen Regierung. Vor der ungarischen Industrie- und Handelskammer betonte Orbán, dass sie einzig und allein auf den nationalen Interessen Ungarns basiere.

Die angestrebte Dominanz der ungarischen Banken macht den ausländischen Konkurrenten durchaus Sorgen, wirken sie doch wettbewerbsverzerrend. „Die in Ungarn fest verankerten österreichischen Banken stehen wieder sehr solide da in Bezug auf die Kapitalsituation auf Konzernebene und sind daher durchaus bereit, in Ungarn wieder zu wachsen. Allerdings ist auch gewisse Selektivität gefragt, denn hohe Marktanteile von staatlichen Banken oder Banken, die nur im Land aktiv sind, können auch die Marktkonditionen verzerren“, sagte Osteuropa-Chefanalyst Günter Deuber von der Raiffeisenbank International dem Handelsblatt. Raiffeisen zählt neben der Ersten Group und der belgischen KBC zu den größten Banken in Ungarn.

Die Orbánisierung hat nicht nur Nachteile für die Konkurrenz

Die „Orbánisierung der Banken“ in Ungarn hat für die ausländischen Banken aber nicht nur Nachteile. Denn gerade Firmen und vermögende Kunden setzen auf die großen Häuser aus dem westeuropäischen Ausland, berichten Insider. Die Unsicherheit dieses Kundensegments über die finanzpolitischen Reaktionen im Fall einer erneuten Finanzkrise wie 2008 sei groß. Raiffeisen-Osteuropaexperte Deuber sagt: „Es gibt im spezifischen und polarisierten Politikumfeld in Ungarn sicher auch Kunden, die bewusst eine Auslandsbank nutzen wollen und hier gibt es sicher Geschäftschancen.“

Im Markt wird davon ausgegangen, dass die Nationalisierung des ungarischen Bankensektors mittlerweile nicht mehr stärker vorangetrieben ist. „Weitere stark steigende Marktanteile von heimischen und oder staatlichen ungarischen Banken im Vergleich zu Auslandsbanken erwarten wir nicht“, heißt es in der Raiffeisenzentrale in Wien. Das wird auch vom Mitbewerber Erste Group so gesehen, wo der ungarische Staat und die Osteuropa-Bank EBRD direkt mit jeweils 15 Prozent an der ungarischen Tochter beteiligt ist.

„Das Geschäftsklima in Ungarn hat sich verbessert. Wir fühlen uns wohler“, sagte Andreas Treichl, CEO der Erste Group, bei der Vorlage seines Jahresbilanz in Wien. Die Erste Group arbeitet in Ungarn profitabel. „Wir haben Effekte eines verbesserten Klimas gesehen, das Vertrauen kommt zurück. Wir und andere Banken vergeben mehr Kredite”, sagte eine Sprecherin der Erste Group am Wochenende.

Treichl glaubt nicht, dass Orbáns Einfluss die Geschäftspolitik seines Hauses bedrohe: „Ich denke, die ungarische Regierung und die EBRD als Partner zu haben, ist nicht so schlecht, außer wenn sie versucht, sich in unsere Geschäftspolitik einzumischen. was beide aber nicht tun.“ Der Optimismus hat auch mit der Senkungen der früher für den Finanzstandort so schädlichen Bankensteuer im vergangenen Jahr zu tun.

Die Hoffnung der ausländischen Bank wird durch die solide Wirtschaftsentwicklung in Ungarn gestützt. Die Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent und lag damit knapp über dem Wachstum in der Eurozone. Wichtigster Handelspartner sind Deutschland und Österreich. Vor allem die Automobilindustrie mit einer starken Position deutscher Konzerne wie Audi, Daimler und Bosch treiben das Wachstum an.

Auch die EU-Fördergelder beflügeln die Wirtschaft des osteuropäischen Landes. Zwischen 2014 bis 2020 erhält Ungarn aus den Töpfen der Europäischen Union, mehr als 20 Milliarden Euro und zählt damit zu einem der größten Nettoempfängerländer. Seit Jahresbeginn hat Orbán die Körperschaftssteuer auf neun Prozent gesenkt, um verstärkt ausländische Investoren aus Deutschland und Österreich anzulocken. Steigende Löhne stärken auch 2017 weiter den privaten Konsum, erwarten die Wirtschaftskammer Österreich.

Quelle:  Handelsblatt Online
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