Fintech-Messe im Silicon Valley: Wie Banken sich selbst überflüssig machen

Fintech-Messe im Silicon Valley: Wie Banken sich selbst überflüssig machen

, aktualisiert 16. Mai 2016, 22:13 Uhr
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Machen sich die Banken überflüssig?

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Wer sich von seiner Bank verabschiedet, kann heute viel Geld sparen. Das gilt für den armen Studenten, den Familienvater und sogar für Unternehmer. Alarmierend für die Banken: Die Reichen verlassen sie zuerst.

San FranciscoDie Hypovereinsbank macht es vor: Kostenlose Girokonten werden für alle Kunden, die älter als 26 Jahre Jahre sind, abgeschafft. In manchen kleineren Ortschaften gibt es schon lange keine Filialen der Geldhäuser mehr. Erste Institute überlegen sogar, Bargeld per Boten an ihre deutschen Kunden in die ländliche Diaspora zu senden. Andere schenken ihren Kunden Bustickets in den Nachbarort, um dort Bankgeschäfte zu erledigen. Selbst Geldautomaten will kein Finanzinstitut mehr betreiben. Willkommen in der Zukunft der Bankenwelt!

Ob in den USA oder in Deutschland: Für Otto Normalverbraucher wird es immer teurer werden, ans eigene Geld zu kommen. Überall werden in Zeiten der Null-Zinspolitik Filialen geschlossen, neue Gebühren erfunden und alte immer weiter in die Höhe geschraubt. Auf einmal kostet es Geld, den früher kostenlosen Geldautomaten zu nutzen, mancherorts bekommt selbst die EC-Karte eine Jahresgebühr. Doch was über Jahrhunderte in einem hoch regulierten und wettbewerbsarmen Markt problemlos funktioniert hat, wird zum Risiko. Denn die Kunden schlagen zurück – mit Hilfe des Internets oder kleiner Unternehmen, die online oder offline Dienste anbieten.

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Gute Beispiele zeigte die „Finovate“-Konferenz im kalifornischen San José. „Billiger als kostenlos“ geht einfach nicht mehr, verspricht etwa Andrey Morozov und kündigt Banken und Zahlungsabwicklern den Kampf an: „Auf dem Markt für Zahlungsabwicklung wird nur noch über den Preis gekämpft. Und wir führen halt den ultimativen Preiskrieg: Wir bieten sie einfach kostenlos an.“ Morozow weiß, wovon er spricht. Er hat einen Zahlungsdienstleister in Europa aufgebaut und später verkauft. Mit der gesammelten Erfahrung mischt er jetzt seine alte Branche auf.

Payment.ninja rechnet Zahlungen mit Kredit- oder Debitkarten ab. Unternehmen wie Visa, Mastercard oder Square verlangen mehr oder weniger hohe Gebühren vom Händler, wenn mit einer Karte bezahlt wird. „Die Kosten für Zahlungsabwicklung können bis zu 25 Prozent der Gewinnmarge von kleinen Unternehmen ausmachen“, rechnet Daria Dubinina, CEO von payment.ninja, vor. In der neuen Heimat ihres Start-ups, in San Francisco, kann man den Effekt deutlich sehen: Ein fettes Schild mit dem Hinweis „Cash only“ ist in vielen Tante Emma-Läden und Eckkneipen längst normal.

Payment.ninja arbeitet ohne Gebühren, nutzt aber die Kundendaten der Abrechnungen und vermarktet zusätzliche Waren an den Kunden. Das bringt mehr Umsatz für den Händler, der dafür einen Anteil an payment.ninja weiterleitet. In den USA will payment.ninja noch dieses Jahr starten.


Auch das Frankfurter Start-up safedroid ist zur „Finovate“ im kalifornischen San José angereist. Sie gilt als Leitmesse für Finanzen 2.0 und richtet sich an Start-ups mit oder ohne Bankenbeteiligung. Als Smartphone-App bietet Safedroid automatisches Sparen nach vorgegebenen Regeln. Zunächst werden Sparziele fixiert und die „Events“, die einen Sparvorgang auslösen. Sparziel ist für Max Musterfrau ein neues Smartphone, zehn Euro sollen dafür von Safedroid nach jeder Schuhbestellung bei Zalando oder jedem Besuch bei Starbucks automatisch vom Giro- aufs Sparkonto umgebucht werden. Sozusagen als private „Genußsteuer“. Die App ist kostenlos, verdienen kann Safedroid erst, wenn ein Nutzer sich entscheidet, Verträge abzuschließen. Per Datenanalyse werden die monatlichen Ausgaben auf dem Konto analysiert und Produkte die, laut Safedroid-Gründer Yassin Hankir helfen, monatliche Kosten zu senken, vorgeschlagen. Nach Vertragsabschluss fließen Provisionen.


Mehr Spaß beim Vermögensmanagement

„Wir hören von jungen Leuten immer wieder, dass am Monatsende ‚nichts mehr übrig ist, um zu sparen‘ “, schmunzelt Hankir im Gespräch mit dem Handelsblatt. Es werde einfach alles was da ist ausgegeben. Wenn hingegen unter dem Monat einfach mal was weggelegt werde, sei es sozusagen als Konsummasse „verschwunden“. Bei den Vertragsangeboten nutzt er Big Data und die Cloud. Beispiel: Durch die Smartphone-App weiß er, was der Nutzer pro Monat für Mobilfunk ausgibt, wieviel also für Telefonate, SMS und Daten verbraucht wurde. Daraus lässt sich dann oft errechnen, mit welchem Vertrag der Kunde günstiger fahren würde.

Andere Unternehmen verbinden trockenes Vermögensmanagement mit mehr Spaß. SwipeStox etwa ist das „Tinder für die Geldanlage“. Statt attraktiver Menschen zum Daten gibt es bei dieser App attraktive Finanzanlagen, die andere getätigt haben. Die kann man mit einem Fingerwisch über den Bildschirm verschwinden lassen, oder ihnen mit einem anderen Fingerwisch folgen, sie kopieren oder nur beobachten. SwipeStox will als das bestimmende Social Network für die Geldanlage groß werden.
Und Comarch.com bedient sich der virtuellen Realität, um komplexe Depots und Kapitalanlagen sichtbar und begreifbar zu machen. Statt sich durch seitenweise Monatsabrechnungen mit Zahlenkolonnen diverser Anlagefirmen und Banken zu wühlen, zeigt ein Blick durch eine 3-D-Datenbrille wie HTCs Vive oder Samsungs Gear ein plastisches Bild von Volumen, Performance und Problemen der aktuellen Geldanlagen.

Andere Start-ups gehen Probleme an, die derzeit vor allem in den USA verbreitet sind, aber auch immer mehr Deutsche erreichen. Denn auch bei uns steigen die Bankgebühren immer schneller. Rund 100 Milliarden Dollar verdienter, aber noch nicht überwiesener Löhne schlummern in den USA jede Woche auf Konten vom Unternehmen oder Banken. Arbeiter und Angestellte müssen ihren Geldbedarf oft mit absurd hohen Überziehungsgebühren, Lohnvorauszahlungen zu schlechten Konditionen decken, wenn sie Strafen für verspätete Zahlungen vermeiden wollen. „Payday Lenders“ heißt das Phänomen.

Amerikas Banken und Kreditkartenfirmen machen jedes Jahr geschätzt fast 80 Milliarden Dollar mit Gebühren von Arbeitern und Angestellten im Mittelstand. Rund 17 Millionen US-Haushalte haben nach offiziellen Zahlen von 2013 kein Bankkonto und 51 Millionen gelten als „underbanked“, haben also praktisch so minimale Kontofunktionen, dass sie auf teure Angebote von Nicht-Banken angewiesen sind. Die Masse davon ist nicht einmal arbeitslos, doch sie zahlen hohe Gebühren, um ihren Gehaltsscheck einzulösen.

Payactiv.com ist hier die Alternative. Unternehmen schließen mit dem Start-up einen Rahmenvertrag ab, der jedem Mitarbeiter Zugriff auf die App gewährt. Darin sehen sie jederzeit den Stand ihrer verdienten Gehälter, können Teilbeträge auf ihr Bankkonto überweisen oder direkt aus der App unter Umgehung von Bankkonten fällige Telefonrechnungen oder die Miete bezahlen. Selbst sparen aus der App ist möglich. Im Endeffekt fällt damit der Bedarf für ein Bankkonto völlig weg. Die Gewinner sind die Arbeitnehmer, für die die Vorteile und Geldersparnis auf der Hand liegen, und die Unternehmen profitieren von motivierten und treueren Mitarbeitern. Verlierer sind Banken, Lohnvorauszahlungs-Büros und Kredithaie.


Konkurrenz der jungen Rebellen

„Banken rauschneiden“ ist deshalb aber kein Sport der Unterschicht. Es sind die Reichen, die besonders schnell Online-Banking in allen Formen nutzen. Auch in der Vermögensverwaltung: „Robo-Beratung“ in Finanzangelegenheiten ist besonders bei der Oberklasse der Bankkunden populär: „Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell Anleger mit großen Nettovermögen Online-Vermögensverwaltung annehmen“, so Carmela Malone, Analystin bei MyPrivateBanking Research. Während in einer Umfrage in den USA und Großbritannien 43 Prozent der Top-Anleger angaben, automatisierte Systeme zu nutzen, waren es bei den Kleinanlegern gerade mal 17 Prozent. Immerhin 70 Prozent aller Befragten sagten, sie glauben, dass der Einsatz von Robo-Beratern die Performance ihrer Vermögensverwalter verbessern würde. Nur noch 50 Prozent sind überzeugt, die Kompetenz eines menschlichen Finanzberaters sei „unschlagbar“.

Was die jungen Rebellen der Fintech-Industrie als großes Problem ansehen, ist die noch immer hohe Abhängigkeit von traditionellen Banken, die ihre Dienste im Hintergrund abwickeln. Sie könnten ihre Dienste meist billiger und schneller anbieten, wenn sie nicht an die behäbigen Riesen der Branche gebunden wären. Manche Leistungen, klagten Aussteller auf der Finovate, seien gar nicht möglich.

Deutschland ist hier an der vordersten Front, um dieses Problem zu lösen. Die solarisBank, ein Institut mit „voller Banklizenz“, wie Magnus Graf Lambsdorff, vom Berliner Unternehmensgründer Finleap, Initiator der solarisBank, im Gespräch betont, sieht sich als die Bank des Internets: „Es gibt Ärztebanken, Autobanken, die solarisBank ist der Banking-Partner der digitalen Wirtschaft“, so Lambsdorff. Es ist ein Baukastensystem, aus dem sich digitale Unternehmen zusammensuchen können, was sie brauchen. Internet-Plattformen wie Lieferheld, AirBnB, Expedia oder andere Online-Dienstleister oder Händler seien in der EU nicht mehr berechtigt auch „nur für eine Sekunde“ Geld auf ihren Servern zu halten.

Sie müssen über ein reguliertes Finanzinstitut gehen. Das verlangt die Bankenaufsicht aus Sicherheitsgründen. Die solarisBank hat dafür die entsprechenden Schnittstellen im Angebot. „Das ist eine Tech-Firma mit einer Banklizenz“, betont Lambsdorff, „keine Bank mit Tech-Abteilung“. Der Unterschied sei mehr als nur semantisch. „Wir kennen die digitalen Geschäftsmodelle, die Bedürfnisse der digitalen Unternehmen.“

Über 150 Anfragen „aus aller Welt“ lägen auf dem Tisch, der Start steht kurz bevor. Diese potentiellen Kunden seien oft ganz anders strukturiert als herkömmliche Firmen. Klassische Banken würden da häufig keine Kredite gewähren, weil ihnen einfach die Daten fehlten. Da öffnet sich dann schon das nächste große Geschäftsfeld, auf dem es viel zu holen gibt von der alten Finanzwelt: Onlinekonformes Kreditrating für Kunden und Unternehmen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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