Fintech-Standort: Frankfurt holt auf

Fintech-Standort: Frankfurt holt auf

, aktualisiert 17. November 2016, 06:36 Uhr
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Solche Posen sind für die Unterstützer der Frankfurter Fintech-Szene wohl verfrüht – noch.

von Katharina Schneider und Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

An diesem Donnerstag wird nahe der Frankfurter Messe das Tech Quartier eröffnet. Eine Studie zeigt, dass die Region rund um die Mainmetropole bei Fintechs bereits an Beliebtheit gewinnt – sogar Berlin muss sich vorsehen.

FrankfurtNoch sind im Frankfurter Pollux-Hochhaus die Schreiner und Inneneinrichter am Werk. Doch Mitte Dezember sollen dort endlich Fintechs einziehen – gut ein Jahr nachdem der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) Konzepte für die Einrichtung eines Fintech-Zentrums in Frankfurt eingesammelt hat. Feierlich eröffnet wird das sogenannte Tech Quartier bereits an diesem Donnerstag.

Es soll Frankfurt bei den Start-ups der Finanztechnologie-Szene beliebt machen. Die Initiative ist auch dringend nötig, denn die Mehrheit der Jungunternehmer siedelt sich noch immer in Berlin an. Eine Studie der Beratungsgesellschaft EY und der Interessengemeinschaft Frankfurt Main Finance, die dem Handelsblatt vorliegt, zeigt aber, dass die Mainmetropole bereits aufholt.

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Aktuell zählt EY in ganz Deutschland 305 Fintechs. Mit 87 befindet sich die Mehrzahl in Berlin, 81 sind in der Region Rhein-Main-Neckar angesiedelt, 36 in München, dahinter folgt Hamburg mit 25. Eine allgemeingültige Definition, was eigentlich ein Fintech ist, gibt es allerdings nicht und so ist so ist es auch zu erklären, dass die Unternehmensberatung Barkow Consulting aktuell in einer Studie im Auftrag der Online-Bank Comdirect auf stolze 544 deutsche Fintechs kommt. Beide Analysen zeigen jedoch, dass die Branche trotz zwischenzeitlich rückläufiger Investitionen weiter wächst. Laut EY war das Wachstum in der Region Rhein-Main-Neckar zuletzt am größten. Zwischen März und Oktober sei die Zahl der Fintechs dort um 45 Prozent gestiegen. Bundesweit gab es nur ein Plus von 22 Prozent.


Ein Stück weit sind die Anstiege dadurch zu erklären, dass neuerdings Proptechs, also Fintechs aus der Immobilien-Branche, mitgezählt werden. Sie machen nach EY-Definition aber erst drei Prozent der Gesamtzahl aus, denn reine Vermittlerportale zählen die Studienautoren nicht mit. Großzügiger sind sie dagegen bei der Definition des Frankfurter Umkreises. Dieser erstreckt sich bis zu den Universitätsstandorten Darmstadt, Mainz, Oestrich-Winkel, Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim. EY begründet das mit dem großen Einzugsbereich und der „arbeits- und ausbildungsbezogenen Mobilität“ in der Region. Direkt in Frankfurt sitzen 53 Fintechs.

Damit es noch mehr werden, hatte das hessische Wirtschaftsministerium im Dezember 2015 dazu aufgerufen, Konzepte für ein Fintech-Zentrum zu erstellen. Man wolle Frankfurt als „innovativen Standort für IT-getriebene Start-ups im Finanzsektor positionieren“, hieß es damals. Die Bedeutung der Fintechs als wichtige Helfer im Prozess der Digitalisierung haben inzwischen die meisten Banken und auch schon einige Versicherungen erkannt. Anders als die Großkonzerne sind sie agiler, können Neuerungen schneller an den Markt bringen und scheuen sich weniger davor, einen Versuch als gescheitert zu erklären und das Nächste zu wagen. Zudem zeichnen sie sich meist durch eine starke Fokussierung auf den Kunden aus.

Im Januar waren acht Konzepte präsentiert worden. Das Tech Quartier ist nun eine Mischung aus unterschiedlichen Ideen. In einem Monat soll im Pollux zunächst eine Etage mit 120 Arbeitsplätzen eingerichtet sein. Etwa ein Drittel davon sollen durch zwei Accelatoren-Programme – eine Art Geburtshelfer für ganz junge Firmen - besetzt werden. Zudem sollen zunächst etwas mehr als ein Dutzend Fintechs vor Ort sein. Hinzu kommen einzelne Gründer, die sich noch in einer frühen Unternehmensphase befinden. „Die Idee ist nicht, dass alle bereits etablierten Unternehmen ihren Hauptsitz ins Pollux verlagern, sondern auch mit einer Repräsentanz mit mehreren Mitarbeitern vor Ort sein können“, erklärt Sebastian Schäfer, Geschäftsführer des Tech Quartier.


WebID verlagert seinen Hauptsitz

Doch es gibt sie, die Fintechs, die sich der Frankfurter Community anschließen, obwohl sie bisher ihren Firmensitz in Berlin hatten. „Wir haben den Mietvertrag bereits unterschieben und werden unseren Hauptsitz nach Frankfurt verlagern“, sagt Thomas Fürst, Geschäftsführer und Gründer von WebID Solutions, Anbieter von Online-Identifikationsverfahren. Drei bis vier Mitarbeiter sollen im Pollux ein Büro beziehen. „In unserer Gründungsphase war die räumliche Nähe zum Bundesfinanzministerium sehr wichtig, doch jetzt wollen wir näher an unseren Kunden und potenziellen Investoren sein, die überwiegend in Frankfurt sitzen.“

Ein Exodus aus der Hauptstadt ist aber noch nicht in Sicht. „Berlin ist einfach hip und für internationale Talente quasi der Nabel der Welt, deshalb gibt es hier viele IT-Experten. Außerdem sind Büroräume auch außerhalb von Incubatoren und Start-up-Zentren noch bezahlbar“, sagt Susanne Krehl, die im Deutschen Start-up-Verband die Fachgruppe Fintech leitet. Umso stärker muss die Mainmetropole für ihre Vorzüge werben. „Viele Menschen im Ausland halten Frankfurt für provinziell“, sagt Schäfer. „Doch wer einmal hier war, gewinnt schnell einen anderen Eindruck. Zu unserer Aufgabe gehört es auch, mit Vorurteilen aufzuräumen.“


Für Fintechs, die intensiv mit Banken kooperieren, kann die Nachbarschaft zu den Geldinstituten aber sinnvoll sein. Das spare Zeit und Reisekosten, meint Krehl. Ähnlich äußerte sich im Gespräch mit dem Handelsblatt auch Comdirect-Chef Arno Walter: „Aller Digitalisierung und den Videokonferenzen zum Trotz, häufig braucht es doch den persönlichen Austausch, deshalb finde ich auch das Tech Quartier richtig.“ Die Auswertung von EY bestätigt dies. Mit 26 Prozent haben im Rhein-Main-Neckar-Gebiet aktuell jene Fintechs den größten Anteil, die für den Verbraucher gar nicht sichtbar werden, sondern die Prozesse in der Infrastruktur der Finanzinstitute vereinfachen. Auch der Anteil sogenannter RegTechs, die wie WebID auf Aspekte der Regulierung abzielen, ist im Raum Frankfurt schon etwas höher als im übrigen Bundesgebiet.

Bei allem Wettstreit zwischen den deutschen Städten, noch wichtiger als der konkrete Standort dürfte sein, dass sich die Gründer überhaupt in Deutschland niederlassen und nicht ins Ausland abwandern. „Inner-deutsche Standort-Kämpfe sind überflüssig“, sagt Ramin Niroumand, Mit-Gründer der Fintech-Schmiede Finleap. „Es müssen alle zusammen die Positionierung von Deutschland in Sachen Finanzen und Technologie in Europa vorantreiben.“ Ob das Frankfurter Tech Quartier als sogenannte „Leuchtturm Initiative“ tatsächlich internationale Gründer nach Deutschland locken kann oder nur für Verschiebungen innerhalb der deutschen Fintech-Landkarte sorgt, werden wohl die nächsten Monate zeigen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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