Fintechs: Frankfurt soll ein Heim für Start-ups werden

Fintechs: Frankfurt soll ein Heim für Start-ups werden

, aktualisiert 15. August 2016, 19:45 Uhr
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Der hessische Wirtschaftsminister wirbt für den Standort Frankfurt.

von Elisabeth Atzler und Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Das Frankfurter Fintech-Zentrum soll im Oktober starten. Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir setzt große Hoffnungen in die Zusammenarbeit von jungen Finanz-Start-ups und Banken. Wer einzieht, ist noch geheim.

Frankfurt/London Als Tarek Al-Wazir am Montagmorgen um kurz vor neun aus dem Auto steigt, hat der Tag noch nicht richtig begonnen. „Ich bin noch nicht wach“, murmelt der hessische Wirtschaftsminister. Wenig später wirkt der Grünen-Politiker aber munter wie immer. Al-Wazir startet seine „Sommerreise“ – wie so viele Politiker es während der Parlamentsferien machen. Besonders gern besucht werden Bauernhöfe, Kindergärten und Unternehmen. Al-Wazirs erste Etappe führt ihn nach Frankfurt, zur Fintech Group, einem jungen Finanztechnologieunternehmen.

Davon hätte Al-Wazir gerne mehr in Frankfurt, dafür wirbt er seit Wochen. Zwar gibt es hier bereits eine Reihe von Finanz-Start-ups, kurz Fintechs genannt, auch einige Banken haben eigene Testlabore für neue Ideen mit eigenen Fintech-Standorten. Doch bisher zieht Berlin mehr junge Firmen an, das bekannteste Beispiel dürfte die Smartphone Bank N26 sein, die sich bis vor kurzem Number 26 nannte. Mehr Schwung soll die Frankfurter Szene nun durch ein Fintech-Zentrum bekommen, das im Oktober eröffnet wird.

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Im Pollux-Hochhaus an der Frankfurter Messe – Al-Wazirs zweiter Reiseetappe – sollen dann Fintechs und Banken zusammenkommen. Zwar ist das „Tech Quartier“, wie es künftig heißen soll, noch eine Baustelle, aber der Wirtschaftsminister knüpft daran schon jetzt große Hoffnungen: „Das ist ein Schritt hin zu unserem Ziel, Frankfurt zu einem international führenden Standort auf diesem Gebiet zu entwickeln“, sagte er.

Frankfurt sei in einer guten Ausgangslage. Wenn es schon große Veränderungen in der Finanzbranche gebe, dann solle das möglichst in Frankfurt passieren, so Al-Wazir. Weil sie Dienste schaffen, die Bankgeschäfte vereinfachen, gelten Fintechs als Bedrohung für die etablierten Geldhäuser. Zugleich ergeben sich Chancen für die Banken, wenn sie selbst zeitig auf Fintech-Idee aufspringen oder in ihre Angebote einbauen. „Am Ende werden alle stärker, wenn man zusammenarbeitet“, hofft er.

Große Hoffnungen setzt auch die Stadt in das Projekt: „Frankfurt hat die Voraussetzungen, um sich mit vereinten Kräften gezielt als Fintech-Standort aufzustellen und ein führendes Fintech-Cluster in Europa zu werden“, sagte Stadtrat Markus Frank.

Wer aber ins Fintech-Zentrum, dessen Gesellschafter das Land Hessen über seine Investitionsbank, die Stadt Frankfurt und und die Goethe-Universität sind, einzieht, bleibt noch ein Geheimnis. Immerhin: „Es gibt eine große Nachfrage“, sagt der künftige Quartier-Geschäftsführer Sebastian Schäfer, der bisher den Goethe-Unibator leitet – dort will die Uni Ideen aus der Wissenschaft in Geschäftsideen umsetzen. Er hoffe, dass mit Start des Fintech-Zentrums alle Arbeitsplätze belegt seien. Zum Auftakt sollen das 114 sein.

Auch die Banken haben Interesse signalisiert: Es gebe eine sehr große Bereitschaft, als Sponsor aufzutreten, so Al-Wazir, der aber noch keine Namen nennen will. Eine Handvoll Zusagen, so das Ministerium, gibt es bereits von Finanzinstituten, die 100.000 Euro im Jahr beisteuern wollen.

Bekannt ist bereits, dass die Deutsche Bank, die Deutsche Börse und die DZ Bank mitziehen wollen. Die Direktbank ING-Diba teilte am Montag mit, dass auch sie Hauptsponsor werde. Sie will mit einigen Mitarbeitern auch ins Pollux ziehen, zwar nicht ins Tech Quartier, sich dafür aber gleich nebenan einmieten.


Das große Vorbild ist „Level 39“ in London

Vorbild für das Frankfurter Tech-Quartier ist das Londoner „Level 39“, ein Londoner Dienstleister für Start-ups. Den hat Al-Wazir erst vergangene Woche besucht. Level 39, das seinen Sitz im 39. Stock des Büroturms im Londoner Finanzviertel Canary Wharf hat, hat er gehört, wie junge Unternehmen von den Vorzügen der Einrichtung schwärmten.

Da sind nicht nur die Büroräume und die Technik, die der so genannte Inkubator neu gegründeten Firmen zur Verfügung stellt. Da sind vor allem auch die Kontakte zu Geldgebern und Mentoren sowie der Zugang zu hunderten von Unternehmen weltweit, die bei Problemen helfen können. „Das sind die harten Fakten, die für Level 39 sprechen“, fasste einer Start-up-Unternehmen die Vorteile zusammen, „es gibt noch die weichen Faktoren – allen voran die Kekse“, ergänzte er lachend, „die hier in der Gemeinschaftsküche täglich ab drei Uhr nachmittags auf den Tisch kommen, so etwas darf man nicht unterschätzen“.

Mit Naschzeug allein wird es aber nicht getan sein, wenn Frankfurt nicht nur vom Beispiel Level 39 lernen, sondern auch Londoner Fintechs von der Themse an den Main locken will. Denn das ist durchaus die Hoffnung, die beim Tech-Quartier mitschwingt: Die Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt könnte dem Frankfurter Fintech-Zentrum mehr Bedeutung verleihen. Denn zu denen, die Jobs verlagern, dürften auch Londoner Finanz-Start-ups, gehöre.

Damit zumindest rechnen die Unternehmen selbst. Bisher ist London der wichtigste Standort für europäische Fintechs. Sie befürchten nun aber vor allem, dass ihr Zugang in die EU beschnitten wird – oder dass sie künftig die EU-Vorgaben nur durch mehr Aufwand und Kosten erfüllen können. Das brächte britischen Firmen Nachteile gegenüber Fintechs aus der EU.

Einige Fintechs überlegen sogar schon, das Land ganz zu verlassen. So hieß es kurz nach dem Brexit-Votum von Revolut, einer Payment-App aus London: „Wir werden ernsthaft überlegen, Großbritannien zu verlassen“, zitierte das Onlinemagazin „Gründerszene“ eine Revolut-Sprecherin. Die EU-Zahlungsrichtlinien seien essentiell für ihr Geschäft.

Dabei ist es keineswegs ausgemacht, dass ein großer Teil der Fintechs nach Frankfurt zieht. Auch Berlin, Paris, Amsterdam und Dublin gelten als mögliche Umzugsziele.

Sollten Fintechs Frankfurt als neuen Standort wählen und Al-Wazirs Interesse an den Start-ups nicht erlahmen, könnte er künftig häufiger eine Erfahrung wie am Montag machen. Bei der Fintech Group heißt es im Konferenztraum Soho Club: Handy und Krawatten verboten. Für den Wirtschaftsminister gab es dieses Mal aber noch eine Sondererlaubnis.

Quelle:  Handelsblatt Online
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