Flexibilisierung: Arbeit ohne Grenzen

Flexibilisierung: Arbeit ohne Grenzen

, aktualisiert 02. April 2017, 16:16 Uhr
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Da es keine fest zugeordneten Arbeitsplätze mehr gibt, hilft die App „Find Me“ bei der Suche nach Kollegen.

von Steffen ErmischQuelle:Handelsblatt Online

Beschäftigte entscheiden zunehmend selbst, wann und wo sie arbeiten. Die neue Microsoft-Zentrale in Deutschland ist auf das moderne Konzept ausgerichtet. Es verspricht große Freiheit – doch stößt auch auf Kritik.

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Wenn Microsoft-Mitarbeiter ins Firmengebäude in München-Schwabing kommen, beginnt erst einmal die Suche: nach einem Arbeitsplatz. Persönliche Schreibtische sind in dem siebenstöckigen Gebäude keine zu finden, auch nicht für Führungskräfte. Stattdessen klappt man seinen Laptop je nach Vorhaben in einer bestimmten Zone auf: Die „Accomplish Space“ getauften Großraumbüros sind für Routineaufgaben gedacht, der „Think Space“ für konzentriertes Arbeiten. Im „Share & Discuss Space“ finden dagegen Meetings statt, für längere Teamprojekte gibt es den „Converse Space“.

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Eröffnet vor einem halben Jahr, bricht die neue Deutschlandzentrale des US-Softwarekonzerns mit alten Gewohnheiten. „Eine feste Arbeitsplatzzuordnung ist im digitalen Zeitalter überholt“, sagt Personalchef Markus Köhler. „Die neuen Räumlichkeiten unterstützen den Wunsch unserer Mitarbeiter nach Freiheit und Autonomie.“ Microsoft gilt als Vorreiter flexibler Arbeitsumgebungen. Schon seit 1998 gibt es keine Zeiterfassung mehr, 2014 hat eine Betriebsvereinbarung die Anwesenheitspflicht gekippt. Mitarbeiter können ihre Aufgaben seither auch im Homeoffice, im Café oder in der Bahn erledigen.

Technische Hilfsmittel unterstützen die Absprache mit Kollegen. Einladungen zu Meetings enthalten immer auch Einwahldaten fürs Telefon. In Outlook geben Teammitglieder untereinander ihre elektronischen Kalender frei, für einen schnellen Austausch wird ein Instant Messenger genutzt. „Die Hoheit über die genaue Ausgestaltung liegt bei den einzelnen Teams“, sagt Köhler. Falls doch einmal spontan ein Treffen im Büro stattfinden soll, hilft „Find Me“. Mit der App lässt sich lokalisieren, wo im Gebäude sich Kollegen niedergelassen haben.

Arbeiten, wo und wann man will: Das Konzept verspricht große Freiheit – und hat zumindest bei Großunternehmen in den letzten Jahren viele Anhänger gefunden. Zu den Vorreitern in Sachen Vertrauensarbeitszeit zählt etwa Adidas. Auch das Homeoffice ist beim Sportartikelhersteller erlaubt. Die Lufthansa setzt ebenfalls auf flexible Arbeitszeiten und schafft gerade in Frankfurt versuchsweise feste Schreibtische ab. Ähnlich sieht es bei Siemens aus. Die Liste ließe sich fortsetzen. „Immer mehr Unternehmen erkennen, wie essenziell solche Angebote im Werben um Fachkräfte sind“, sagt Köhler.

Für drei von vier Beschäftigten sind flexible Arbeitszeitmodelle ein wichtiges oder sehr wichtiges Kriterium bei der Jobwahl, ergab im Juli eine Befragung im Auftrag des Jobportals Indeed. Doch längst nicht alle Unternehmen haben sich darauf eingestellt: Nur jeder zweite der über 1.000 Befragten gab an, dass sein Arbeitgeber entsprechende Angebote bereithält. Am weitesten verbreitet sind demnach noch Gleitzeit-Modelle – Vertrauensarbeitszeiten sind dagegen rar. Ähnlich sieht es bei der räumlichen Flexibilität aus: Die gelegentliche Arbeit im Homeoffice akzeptieren viele Unternehmen, darüber hinausgehende Freiheiten bei der Wahl des Arbeitsortes sind aber selten.


Individuelle Zielvereinbarungen

Ein Grund für die Zurückhaltung: Oft geben Betriebsabläufe den Takt vor – seien es die Bänder in der Produktion oder feste Sprechzeiten im Kundenservice. Doch auch Firmen mit vielen „Wissensarbeitern“ tun sich schwer mit allzu radikalen Konzepten. Denn noch immer kontrollieren viele vor allem über die Anwesenheit, ob Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen. Unternehmen wie Microsoft setzen stattdessen auf individuelle Zielvereinbarungen, die regelmäßig überprüft werden. „Für uns ist allein maßgeblich, ob jemand seine Projekte gut erledigt“, sagt Köhler.

Siemens setzt auf einen Kompromiss: Ohne besondere Gründe können Mitarbeiter einen Tag in der Woche im Homeoffice verbringen. Nur in Ausnahmefällen richtet der Konzern Telearbeitsplätze ein. „Der persönliche Austausch mit Kollegen im Büro soll erhalten bleiben“, sagt Rosa Riera, Leiterin Employer Branding & Social Innovation. „Permanentes Homeoffice hätte den Effekt von Einzelbüros. Genau diese schaffen wir aber weitgehend ab.“ So setzt der Konzern in der im Juni eröffneten Zentrale in München ähnlich wie Microsoft auf freie Wahl der Schreibtische. „Wir wollen den Dialog auch über Abteilungsgrenzen hinweg fördern“, sagt Riera.

Die zeitlich und räumlich komplett flexibilisierte Arbeit stößt nicht überall auf Gegenliebe. So hält der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor allem eine Begrenzung der Arbeitszeiten für unerlässlich. „Das Problem ist, dass die Flexibilität bislang meist einseitig vom Arbeitgeber eingefordert wird“, sagt Oliver Suchy, im DGB-Bundesvorstand Leiter des Projekts „Arbeit der Zukunft“. „Mitarbeiter bekommen oft unerreichbare Zielvorgaben – und sind gezwungen, auch nach Feierabend noch am Laptop zu sitzen.“

In den Unternehmen fehlen nach Einschätzung des DGB oft betriebliche Regelungen etwa für mobiles Arbeiten und das Homeoffice. „Das wilde mobile Arbeiten führt oft zu unsichtbarer Mehrarbeit, die meist nicht bezahlt wird“, sagt Suchy. 2016 habe es fast eine Milliarde unbezahlte Überstunden gegeben.

Bei Siemens gibt es an den Standorten unterschiedliche Regelungen, die mit den örtlichen Betriebsräten vereinbart wurden. Der Trend gehe klar zur Vertrauensarbeitszeit, sagt Riera. Um einen Überblick zu behalten, notierten Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten – und Führungskräfte seien angehalten, einen Ausgleich von Überstunden zu gewährleisten und auch durchzusetzen.


Umstrittene Bürokonzepte

Laptops und Firmen-Smartphones seien keine Aufforderung dazu, stets erreichbar zu sein, sagt Riera: „Mitarbeiter dürfen und sollen Auszeiten aktiv einfordern.“ Der Dialog zwischen Abteilungsleitern und Mitarbeitern sei dafür wichtig. Auch Microsoft-Personalchef Köhler sieht die Führungskräfte in der Pflicht. „Wir erwarten, dass mindestens einmal im Monat ein persönlicher Austausch stattfindet.“ Die Manager seien zudem zum Thema Burn-out geschult und sensibilisiert worden.

Befürworter der neuen Freiheit betonen gerne, dass besonders Berufsstarter hier eine hohe Erwartungshaltung haben. Doch zumindest die heranwachsende Generation sei skeptisch, sagt Christian Scholz, Professor für Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität Saarbrücken: „Die Generation Z strebt eine vollständige Trennung von Berufs- und Privatleben an. Erzwungene Flexibilität lehnt sie ab.“

Hellhörig machen sollte Unternehmen laut Scholz, dass der öffentliche Dienst mit seinen geregelten Arbeitszeiten bei der Generation Z ganz oben auf der Liste der Wunscharbeitgeber stehe. Wenig abgewinnen können die Heranwachsenden auch den neuen Bürokonzepten. Sich jeden Morgen erst einmal einen Platz suchen? Und dann jeden Abend die eigenen Habseligkeiten im Spind verschließen? „Die Generation Z lehnt solche Ansätze konsequent ab“, sagt Scholz.

Auf Gegenliebe stoße der geteilte Schreibtisch, der am Ende des Arbeitstags leer hinterlassen werden muss, aber auch bei Vertretern älterer Generationen nicht unbedingt. „Niemand will täglich um einen Schreibtisch kämpfen und sich neu einrichten.“ Das Argument, dass so die Kommunikation im Unternehmen gestärkt werde, hält Scholz für vorgeschoben: „Der wahre Treiber sind immer Kosteneinsparungen durch weniger Bürofläche.“

Microsoft-Manager Köhler widerspricht. Zwar gebe es in der neuen Zentrale nur 1.100 Arbeitsplätze – bei 1.900 Mitarbeitern in der Region. Dafür seien aber Besprechungs- und Rückzugsräume ausgebaut worden. Weil Microsoft Deutschland vor allem eine Vertriebsorganisation ist, seien viele Kollegen oft auf Achse. „Die Mitarbeiter, die jeden Tag ins Büro kommen, finden immer einen Arbeitsplatz“, sagt Köhler. Das Reservieren eines Schreibtisches ist ohnehin tabu. Wer das probiert, findet am nächsten Tag schon mal ein Schild mit der Aufschrift „No Camping“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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