Flüchtlingskrise: Immer mehr andere Deutsche

Flüchtlingskrise: Immer mehr andere Deutsche

, aktualisiert 06. April 2016, 11:44 Uhr
Bild vergrößern

Zwischen Alteingesessenen und gewaltsam – ebenso wie friedlich eingetroffenen Neubürgern – sind Konflikte programmiert.

Quelle:Handelsblatt Online

Europa erlebt eine demografisch bedingte Ideologie-Revolution: Es gibt viele Neudeutsche und Neueuropäer, die oft religiös, ideologisch, politisch und kulturell anders sind. Ist das besser oder schlechter? Ein Gastbeitrag.

DüsseldorfEin neues Deutschland entsteht. Es ist entstanden und entsteht beschleunigt weiter. Wir sind dabei, und die meisten merken es nicht. Das heißt: Ihr Bauchgefühl sagt es ihnen, aber sie verstehen es nicht. Das neudeutsche Bauchgefühl obsiegte bei den Landtagswahlen vom 13. März dieses Jahres. Nicht der Bauch, sondern der Kopf merkte: Es geht um Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Deshalb raunt es an Stammtischen und rauscht es im Blätterwald: Merkel, Merkel, Merkel. Gestärkt? Geschwächt? Wer wird mit wem koalieren? Bleibt die AfD auf Dauer ein koalitionspolitisches Rühr-mich-nicht-an?

Tatsächlich geht es nur hier und heute um die Kanzlerin oder Koalitionen. Kanzler und Koalitionen kommen und gehen, der grundlegende Wandel bleibt. Auf absehbare Zeit. In Deutschland und in Westeuropa.
Zwei Schlüsselbegriffe kennzeichnen den grundlegenden Wandel in Deutschland und Westeuropa: Demografie und Ideologie. Also Bevölkerungsstruktur sowie politische Wert- oder Unwert- und Zielvorstellungen.

Anzeige

Längst hat sich in Deutschland und Westeuropa durch Dauer-Migration eine demografische Revolution vollzogen. In Westeuropa seit 1945 durch die Entkolonialisierung sowie durch die wirtschaftliche und politische Anziehungskraft. Deutschland hatte seine Kolonien bereits 1918/19 verloren, aber die wirtschaftliche sowie politische Anziehungskraft wirkte vor allem nach 1961. Da fehlten plötzlich durch Mauer und Stacheldraht aus der und in die DDR pendelnde Arbeitnehmer. Es wurden vornehmlich Türken regelrecht „importiert“. Der Rest ist bekannt.

Die gegenwärtige Flüchtlingswelle ist nur Teil und neuer Höhepunkt der langfristigen, fundamentalen demografischen Revolution durch Migration. Längst kann keine Rede mehr davon sein, dass diese Migration gewollt, also gesteuert werde. Selbst wenn die Politik die Migration durch Integration wieder besser steuern könnte, bleibt die Tatsache der demografischen Revolution.

Die demografische Revolution hat in Deutschland und den Staaten Westeuropas dies bewirkt und bewirkt weiter: Es gibt viele, sehr viele neue, ganz andere Deutsche oder Franzosen, Engländer oderoderoder. Jedenfalls immer mehr andere. Ist das besser oder schlechter? Das ist eine Frage der Bewertung, nicht der Analyse. Jedenfalls sind die Neudeutschen und andere Neueuropäer meistens religiös, kulturell, ideologisch, politisch und teils auch ethnisch anders als die Alteingesessenen.

Die Menschheitsgeschichte ist reich an Beispielen, die zeigen: Zwischen Alteingesessenen und gewaltsam – ebenso wie friedlich eingetroffenen Neubürgern – sind Konflikte programmiert. Auch gewaltsame. Und wenn nicht gewaltsam, so doch gewaltig politisch, weil grundsätzlich.

In Deutschland gibt es durch die Wiedervereinigung, also die seit 1990 neue deutsche Polit-Geografie, ein Sonderproblem: Sein oder Nicht-Sein der DDR-Ideologie, der wie auch immer definierten Vorstellung eines anderen Deutschlands.
Die neuen Demografie-Konflikte führen insofern zu Ideologie-Konflikten als sie um die folgende Fundamentalfrage kreisen: „Wie soll unser Gemeinwesen aussehen?“ So wie bisher, anders oder ganz anders?

Mit den herkömmlichen Antworten kann diese Fundamentalfrage nicht beantwortet, geschweige denn gelöst werden. Die jeweiligen Antworten sprengen den Rahmen der traditionellen Parteien, deren Aufgabe immer und überall die ist: Sie fangen die jeweiligen Teile der Gesellschaft ideologisch ein und bringen sie in den politischen Entscheidungsprozess ein.


„Populistisch“ nennen Dummköpfe diese Parteien

Anders als die Bonner Republik hat die Berliner eine starke Linke. Das wird auf absehbare Zeit so bleiben, wenngleich der Linken Wähler und Mitglieder biologisch entschwinden. Sie sterben allmählich aus. Doch das dauert und ist nicht sicher, weil es in der vorwiegend ostdeutschen Linken dynamische und auch pragmatische Reformkräfte gibt. Sie sind die einzig verbliebene Überlebenschance der Linken.

Auferstanden ist nun die Rechte. Als Reaktion auf die Demografie-Revolution wollen sie eine reaktionäre Ideologie-Revolution. Reaktionär in dem Sinne, dass sie – verständlich oder nicht, gut oder nicht – das Rad der Demografiegeschichte zurückdrehen wollen. Manche sagen es, andere denken es: Sie wollen wieder ein ethnisch bestimmtes Volks-Deutschland, das sich ethisch vom entstandenen Vielvölkerstaat Deutschland fundamental unterscheidet. Die Partei, die deutsche Ethnizität für Ethik hält, heißt bekanntlich AfD. Front National heißt die Partei französischer Ethnizität, UKIP die englische Version und so weiter in West- und Nordeuropa.

„Populistisch“ (von populus, lateinisch Volk) nennen Dummköpfe diese Parteien. Sie wissen nicht, dass „populistisch“ die lateinische Variante von „demokratisch“ (von griechisch demos, Volk) ist. Wären die Parteien der Ethnizität populistisch, würden sie den Mehrheitswillen des Volkes vertreten. Das ist gottlob (noch?) nicht der Fall.

Als Reaktion auf die Ideologie, die wachsende Wählerkraft und Militanz einheimischer Ethnizität werden die immer zahlreicheren muslimischen Migranten und Mitbürger über kurz oder lang eine Muslimenpartei gründen. Sie könnte im Kommunen, Bundesländern und Bund koalitionspolitisch Zünglein an der Waage werden. Lange währt dann muslimische Einheit nicht. Die einen werden gewaltloser Teil des „Systems“, die anderen gehen in die Fundamentalopposition, teilweise auch mit Gewalt.

Man tausche deutsch, Deutsche und Deutschland mit den Namen der westeuropäischen Staaten und Staatsbürger aus und erkenne: Deutschland und Europa durchleben eine demografisch bedingte Ideologie-Revolution. Nicht mehr und nicht weniger. Die Bildung von Koalitionen nach den Landtagswahlen vom 13. März werden erste Antworten auf die Frage geben: Qua vadis, Deutschland? Wohin des Weges, Deutschland?

Der Historiker und Publizist Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist u.a. Autor der Bücher „Zum Weltfrieden“ (2. Auflage 2016), „wem gehört das Heilige Land?“ (13. Auflage 2016), Israel (8. Auflage 2016). Ende Mai erscheint „Zivilcourage, Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt“.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%