Forscher zur Zukunft der Arbeit: „Millionen werden ihren Job verlieren – aber das könnte gut sein”

Forscher zur Zukunft der Arbeit: „Millionen werden ihren Job verlieren – aber das könnte gut sein”

, aktualisiert 01. April 2017, 14:22 Uhr
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Der Futurist prophezeit eine dramatische Disruption des Wirtschaftssystems.

von Johannes StegerQuelle:Handelsblatt Online

Die Zukunft der Arbeit gehört den Maschinen, meint Forscher Federico Pistono. Im Interview erklärt er, wie die Unternehmen und Jobs der Zukunft aussehen und wo Menschen dann doch noch einen Platz finden werden.

BerlinWarme Worte sind nicht so Federico Pistonos Ding. Egal ob auf einer Bühne in Berlin, wo er dem Publikum deutlich macht, dass wahrscheinlich irgendwann eine Maschine ihren Job übernimmt. Noch in seinem Buch, das schon im Titel verspricht: „Roboter werden deinen Job stehlen – aber das ist ok.” Auch im Interview versucht Pistono gar nicht erst, Bedenken über die Zukunft auszuräumen, sondern hat viel mehr Lösungsvorschläge.

Herr Pistono, in Ihrem Vortrag beschreiben Sie die Wirtschaftsordnung der Zukunft als „Superstar-Economy”. Was bedeutet das?
Das exponentielle Wachstum der Technologie ermöglicht es Unternehmen, völlig neuen Unternehmen, einen riesigen Wert in kürzester Zeit zu generieren. Dieser Trend steht noch am Anfang, aber für mich ist schon jetzt klar: Die Konzerne der Zukunft werden mit einer relativ kleinen Angestelltenanzahl auskommen und über einen gewaltigen Unternehmenswert verfügen. Die Frage ist nicht, ob Maschinen die Arbeit von Menschen übernehmen. Vielmehr ist sie, wie wenige Menschen mithilfe von Maschinen die Arbeit von tausenden anderen Menschen übernehmen werden.

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Wird es also am Ende noch Arbeit für Menschen geben?
Maschinen sind noch nicht in der Lage generelle Probleme zu lösen, weil sie keine allgemeine Intelligenz besitzen. Sie werden die meisten Menschen nicht von sich aus ersetzen. Aber Menschen werden sie dafür nutzen. Erst wenn wir an den Punkt kommen, wo Maschinen eine allgemeine Intelligenz entwickeln, wird die Menschheit obsolet – der nächste Schritt der Evolution. Aber ich spreche über die Zeit, die lange davor sein wird. Denken Sie mal an Whatsapp: Ein Unternehmen mit gerade mal 55 Mitarbeitern hat es geschafft den SMS-Markt zu zerstören. In Zukunft könnte es Unternehmen mit gerade einmal einem Angestellten und einer Milliarde Dollar Börsenwert geben – dank Algorithmen und Maschinen.

Muss es wirklich so kommen?
Der Prozess lässt sich jedenfalls nicht aufhalten – es ist fast genauso unaufhaltsam wie die Evolution selbst. Das resultiert aus den Regeln des Marktes in Verbindung mit dem exponentiellen Wachstum der Technologie. Selbst desaströse Szenarios hätten wahrscheinlich auf diese Entwicklung keinen nennenswerten Einfluss.

Noch nicht einmal Krieg?
Wenn man sich die Entwicklung von 1880 bis heute anschaut, wird man die beiden Weltkriege nicht verorten können. Sie haben das Wachstum von Technologie nicht verlangsamt – es blieb praktisch intakt. Ok, ein nuklearer Holocaust oder ein Zusammenbruch der Zivilisation, das alles Leben auf der Erde zerstören würde, könnte die Entwicklung beenden. Aber solange es die Menschheit gibt, ist es unmöglich diesen Prozess anzuhalten.


„Die Menschen sollten Angst haben“

Viele Menschen sehen das Ganze nicht so euphorisch. Sie fürchten sich vor einer Zukunft der Maschinen. Können Sie das verstehen?
Die Menschen haben das Recht dazu, Angst zu haben und das sollten sie auch. Sie werden ihren Job verlieren und wahrscheinlich auch nie wieder einen finden. Und wenn es weniger Arbeiter gibt, sinken die Steuereinnahmen dramatisch. Deshalb brauchen wir einen New Deal.

Wie könnte der aussehen?
Das einzige, was wir tun können, ist eine neue Balance der Kräfte zu erschaffen. Wenn wenige Menschen Billionen an Dollar verdienen, ist das gut und schön. Aber sie müssen dann auch ordentlich Steuern zahlen. Nur so wird es möglich sein, ein System zu erschaffen, in dem für Menschen weiter Sorge getragen wird. Zudem können sie dann Jobs erledigen, die weniger lukrativ sind. Zum Beispiel in der Altenpflege, in Diensten für die Gemeinschaft oder als Künstler.

Also zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es Finnland gerade testet?
Das ist eine der Sachen, die gemacht werden können. Schauen Sie nach Finnland, der Ort des Pilotprojekts ist keinesfalls zufällig ausgewählt. Sondern eine Stadt, wo früher mal Nokia gesessen hat. Also gibt es dort fast 3.000 hochausgebildete Ingenieure, die arbeitslos sind. Das Problem: Wenn sie arbeiten, zum Beispiel in der Entwicklung von neuen Geräten oder Technologien, verlieren sie ihre Arbeitslosenunterstützung. Deshalb ist es lukrativer für sie gar nichts zu tun.

Das bedingungslose Grundeinkommen würde sie aus dieser Falle befreien und motivieren irgendeinen Job anzunehmen. Ich glaube, dass am Ende die Menschen mehr arbeiten würde. Aber die Arbeit wäre herausfordernder und riskanter. Das ist gut für die Wirtschaft. Zudem könnte es die Unternehmensgründungen und das Wohlbefinden steigern. Zumindest zeigen das Experimente, die bereits stattgefunden haben. Aber wir brauchen noch mehr Daten, um die Auswirkungen überall auf der Welt voraussagen zu können.

Könnte Europa da eine Vorreiterrolle einnehmen?
Ja, aber wir brauchen ein Europa, dass aufhört über Normgrößen für Stühle zu diskutieren. Wir brauchen endlich eine europaweite steuerrechtliche Einheitlichkeit und neue Modelle für die Arbeit der Zukunft.

Quelle:  Handelsblatt Online
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