Frankfurt buhlt um Londoner Banken: „Wir werden den Eisenern Steg nicht durch Tower Bridge ersetzen“

Frankfurt buhlt um Londoner Banken: „Wir werden den Eisenern Steg nicht durch Tower Bridge ersetzen“

, aktualisiert 12. Juli 2016, 15:57 Uhr
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Keine Versprechen, keine Ankündigungen: Frankfurt-Main-Finance-Geschäftsführer Hubertus Väth setzt im Buhlen um Londons Banken auf leise Worte.

Quelle:Handelsblatt Online

Frankfurt setzt beim Werben um Finanzkonzerne aus London auf britisches Understatement und deutsche Gründlichkeit. Bei welchen Branchen die Stadt am Main gute Chancen - und bei welchen nicht.

FrankfurtPolitiker und Finanzmanager aus der Bundesrepublik vermeiden großzügige Versprechen oder spektakuläre Ankündigungen, mit denen seit der Brexit-Entscheidung vor allem der Konkurrent Paris für Aufsehen sorgt. „Wir werden nicht den Eisernen Steg abreißen und durch ein Modell der Tower Bridge ersetzen“, betont der hessische Wirtschaftsminister Thomas Schäfer.

Frankfurt Main Finance, das Sprachrohr des Finanzplatzes, setzt ebenfalls auf diplomatische Töne. „Wir wollen hier nicht den dicken Max markieren – das ist nicht unser Stil“, sagt Geschäftsführer Hubertus Väth im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechnet damit, dass wegen der Brexit-Entscheidung in den kommenden fünf Jahren rund 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen, betont aber auch: „London wird Europas wichtigster Finanzplatz bleiben. Und wir müssen eine konstruktive Zusammenarbeit mit London sicherstellen und nüchtern argumentieren, welche Geschäfte jetzt besser in Frankfurt angesiedelt werden sollten.“

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Gute Chancen haben die Hessen aus Sicht von Experten vor allem bei Banken, schließlich hat sich deren Aufsicht unter dem Dach der EZB bereits am Main angesiedelt. Wenn es nach dem Willen der hessischen Landesregierung geht, könnte die bisher in London beheimatete EU-Bankenbehörde EBA bald folgen. Die EZB und auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin seien im Wettbewerb mit Konkurrenten wie Dublin und Paris ein klarer Vorteil, sagt Brexit-Experte Ulrich Wolff von der Kanzlei Linklaters. „Sie haben im Gegensatz zu Aufsichtsbehörden in anderen Ländern eine klare Linie und sind berechenbar.“

Wenn Großbritannien nach einem Brexit den Zugang zum EU-Binnenmarkt verliert, brauchen Banken eine eigene Gesellschaft in der EU, um ihre Produkte in den verbleibenden 27 Mitgliedstaaten vertreiben zu dürfen. Gerade amerikanische und asiatische Finanzkonzerne, die ihre Europa-Zentrale bisher in London haben, machen sich deshalb Gedanken über die Gründung oder den Ausbau einer Niederlassung in Frankfurt. „Endgültige Entscheidungen haben die meisten Unternehmen noch nicht getroffen“, berichtet Wolff. „Sie können sich damit aber sicher nicht zwei Jahre Zeit lassen, bis das genaue Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU ausverhandelt ist.“

Wolff sieht den Brexit auch als Chance für Banken. Die Finanzbranche leide so stark unter Niedrigzinsen und regulatorischen Aufwendungen, dass sich viele Unternehmen die hohen Kosten in London schon länger nicht mehr leisten wollten. „Die Brexit-Entscheidung ist nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Aus Sicht von Experten könnten Banken vor allem den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, das Investmentbanking, den Handel und die Abwicklung von Derivategeschäften an den Main verlagern.


„Wir sind kein Friedhof“

Keine guten Karten hat Frankfurt Insidern zufolge dagegen im Kampf um Fondsgesellschaften und Finanzinvestoren. „Viele Entscheidungen in der Finanzindustrie sind steuerlich getrieben, da hat Deutschland gegenüber Dublin und Luxemburg eher eine weniger vorteilhafte Behandlung“, betont Wolff. Auch vor dem deutsche Arbeitsrecht, in dem es hohe Hürden für Entlassungen gibt, hätten Briten „ungeheure Angst“, sagt der hessische Wirtschaftsminister Schäfer. Er will in diesem Bereich zunächst „viel Aufklärungsarbeit“ leisten, erwägt darüber hinaus aber auch zeitlich begrenzte Ausnahmen vom deutschen Arbeitsrecht für Top-Manager und Händler.

In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting (BCG) über Alternativen zu London haben hochrangige Bankmanager aus dem Bauch heraus gesagt, Frankfurt sei für sie hinter New York und Dublin die Nummer drei. Bei einer Einstufung auf Basis verschiedener Standortkriterien liegt Frankfurt dagegen vorne. New York und Dublin sind wegen der Amtssprache Englisch besonders bei britischen Bankmanagern beliebt. Die Mainmetropole, die bei vielen internationalen Managern und Talenten als wenig attraktiv gilt, müsse vor allem ihr Image aufpolieren, folgern die Autoren des BCG-Papiers. „Frankfurt ist offen und international“, sagt Linklaters-Partner Wolff. „Das müsste die Stadt im Werben um Unternehmen und Talente noch viel stärker betonen.“

Frankfurt Main Finance tue alles, um das Klischee des langweiligen Frankfurt zu widerlegen, sagt Geschäftsführer Väth. Auf der englischsprachigen Internetseite „Welcome to Frankfurt Rhein Main“, die am Tag nach dem Brexit-Referendum um 8.45 Uhr hochgeladen wurde, gibt es ausführliche Informationen über das Nachtleben und die „hipsten Locations“ in der 700.000-Einwohner-Stadt. „Es ist klar, dass wir gegen Paris und London qua Größe und kultureller Vielfalt nicht ankommen“, sagt Väth. Pro Kopf seien die Ausgaben für Kultur im Großraum Frankfurt aber höher als in London und Paris. „Wir sind kein Friedhof.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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