Frankreich: Macron rettet Europa - und verzichtet auf Euphorie

Frankreich: Macron rettet Europa - und verzichtet auf Euphorie

, aktualisiert 08. Mai 2017, 04:14 Uhr
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Der sozialliberale Politiker Emmanuel Macron nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Ein Sieg mit zwei Dritteln der Stimmen und trotzdem keine Euphorie: Vor der Glaspyramide im Louvre kam die Feier der Macron-Anhänger am Sonntagabend nur langsam in Gang.

ParisDie rechtsextreme Marine Le Pen geschlagen, Europa gerettet, allen Zweifeln zum Trotz mit der erst vor einem Jahr entstandenen Bewegung "En Marche!" gewonnen: Wenn das kein magischer Moment im Leben dieses Landes, des ganzen Kontinents ist! Doch das Eis beginnt erst zu Schmelzen, als die vier Sänger von "Magic Système" den Macronisten von der Bühne aus einheizen.

Man muss einräumen: Emmanuel Macrons TV-Ansprache am frühen Abend ist kein Stimmungsknüller. Es wirkt, als sei dem jungen Sieger schlagartig klargeworden, dass er nun wirklich für alles verantwortlich ist, was das Land zweifeln, verzagen oder zu den Extremen abrutschen lässt. Verantwortlich nicht in dem Sinn, dass er die Ursache wäre - aber verantwortlich für die Lösung. Bewusst ist ihm nun wohl auch, dass der Weg zu einer Mehrheit in der Nationalversammlung ebenfalls lang sein könnte.

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Mit ernster Miene versprach der neue Präsident: "Ich werde Frankreich verteidigen, seine vitalen Interessen, sein Ansehen." Er werde auch "Europa verteidigen, unsere Zivilisation steht auf dem Spiel, unsere freie Lebensweise". Dem Rest der Welt sende er "die Grüße des brüderlichen Frankreichs." Er wisse um die "Wut, die Zweifel, die Ängste, die einige von euch ausgedrückt haben." Es sei seine Verantwortung, "euch zu hören und gegen jede Form von Ungleichheit zu kämpfen, für eure Sicherheit zu sorgen und die Einheit der Nation zu garantieren."

Auf dem Platz vor der Pyramide müssen die Macron-Anhänger lange ausharren. Von Ausgelassenheit ist nicht viel zu spüren, die Stimmung ist komplett anders als 2012 auf der Place de la Bastille, als zehntausende Hollande-Begeisterte sich in den Armen lagen und den Sieg über Nicolas Sarkozy feierten. Aber klar: Damals gab es noch die seit der Kommune bestehende Vorstellung eines geeinten "Peuple de Gauche", des Volks, dessen Herz links schlägt. Diese Illusion ist in den vergangenen fünf Jahren geplatzt. Die Sozialisten sind zerstritten. Sie und die Anhänger des Linksaußen Jean-Luc Mélenchon haben sich nichts mehr zu sagen - die Kommunistische Partei, die Mélenchon im Wahlkampf gestützt hat, streitet sich nun sogar vor Gericht mit ihm.

Die Menschen, die am Abend auf ihren neuen Präsidenten warten, sind es nicht gewohnt, zusammen zu feiern. Die einen waren links, die anderen konservativ, manche wählten zum ersten Mal. Macrons neue Bewegung muss erst noch wirklich Wurzeln schlagen im Volk. Dann werden auch die Anhänger nicht mehr miteinander fremdeln. Die Stimmung ist ähnlich wie bei den Meetings von Macron: entspannt, fröhlich, sehr zivilisiert. Von der militanten Energie, die bei anderen Parteien wahrzunehmen ist, liegt aber nichts in der Luft.


Nachdenklicher Ton des neuen Präsidenten

Als Macron endlich die Esplanade du Louvre betritt, ist es schon halb elf. Die Ode an die Freude erklingt, eine wunderschöne Geste an Europa. Macron erklimmt die Bühne, er wirkt weniger verspannt als vorher bei seiner ersten Rede. "Ich danke Euch allen, ich danke für Euer Engagement und für die Risiken, die Ihr eingegangen seid", da brandet Jubel auf. Als Macron sagt, "Ich werde Eure Hoffnungen, Euren Schwung weitertragen in den nächsten fünf Jahren", wird die Menge noch lauter. "Frankreich wird weiter die Botschaft der Aufklärung in die Welt tragen", verspricht der neue Präsident.

Aber wieder bleibt seine Rede eher nachdenklich. Macron ist ein schlechter Redner, wenn er einen Text abliest. Und er liest ab. Zu groß ist wohl die Sorge, dass er an diesem historischen Abend den falschen Ton treffen könnte. Drei Mal sagt er: "Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist immens." Das kühlt ab. Selbst als er sich an die Wähler des Front National wendet, Verständnis für jene äußert, die aus berechtigter Wut und Enttäuschung Le Pen gewählt hätten, reagiert der Platz nicht. Dann folgt ein Satz, der mehr Hoffnung als Beschreibung ist: "Heute Abend, hier auf dem Platz des Louvre, steht das vereinte Volk Frankreichs, sehen wir seinen Enthusiasmus und seine Energie." Macron wiederholt seine Botschaft: Sammeln, die Spaltung überwinden.

Seine Gegner tun bereits alles dafür, dass ihm das nicht gelingt. Le Pen gratulierte hat ihm telefonisch zur Wahl. Gleichzeitig kündigte sie an, dass sie "die erste Kraft der Opposition sein wolle." Sie erhielt ein Drittel der Stimmen, das ist erschreckend viel. Mehr als elf Millionen Stimmen hat sie errungen, das ist fast doppelt so viel wie der bisherige Rekord des FN. Dennoch ist das Ergebnis in den Augen vieler ihrer Anhänger, die wirklich an den Sieg geglaubt hatten, erbärmlich.

Le Pen versucht noch am Abend, wieder in die Offensive zu kommen und kündigt die Umwandlung des FN in eine "breite patriotische Bewegung" an. Der FN müsse sich "von Grund auf erneuern", sie schlage deshalb vor, "eine neue politische Kraft zu bilden." Doch sofort kommt die erste Absage: Nicolas Dupont-Aignan, den sie als Premier vorgesehen hatte und der ihr mit seiner Partei "Debout la France" Stimmen zugeführt hat, möchte nicht in Le Pens neuer Bewegung aufgehen. "Debout la France bleibt selbständig", stellt er knapp fest.

Auch von links wird Widerstand gegen Macron angekündigt. Mélenchon ruft seine Anhänger dazu auf, bei der Parlamentswahl eine linke Mehrheit zu schaffen. Frankreich gehöre "nicht den Reichen", sagt er unter Anspielung auf Macron, den er stets als Vertreter der "Macht des Geldes" diffamiert hat.

Macron ist zwar der mit überwältigender Mehrheit gewählte Präsident. Doch seine Gegner verhalten sich so, als sei das nur ein Detail. Als habe das Volk, von dem sie so oft reden, nicht gerade gewählt.

Eines ist an diesem Abend klar: Dem jungen Präsidenten wird nichts geschenkt werden. Auch nachdem er die Wahl gewonnen hat, werden die Extremen ihn mit unveränderter Härte bekämpfen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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