Frauen in Führungspositionen: Was zur Gleichberechtigung noch fehlt

Frauen in Führungspositionen: Was zur Gleichberechtigung noch fehlt

, aktualisiert 11. Januar 2017, 08:49 Uhr
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Die Autorin Anne-Marie Slaughter präsentiert eine neue Vision, was Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen wirklich bedeuten würde und wie dies zu erreichen wäre.

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Es gibt wahrlich keinen Mangel an Büchern zum Thema gläserne Decke. Doch Anne-Marie Slaughter denkt das Thema größer – und trifft damit den Kern des Problems auch aus Sicht der Männer.

DüsseldorfEs geht nicht um das Frauenbild. Oder um Zeit. Die Frage, warum es immer noch zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt, beantwortet Anne-Marie Slaughter subtiler: Weil wir eine völlig schräge Bewertung von Arbeit und Betreuung haben. Wer den Haushalt schmeißt und Kinder großzieht, tut in den Augen der meisten Menschen weniger für die Gesellschaft als der Workaholic.

Anne-Marie Slaughter weiß genau, wovon sie spricht. Sie ist als Professorin genauso gefordert wie ihr Mann. Die Politikwissenschaftlerin leitete den politischen Planungsstab im US-Außenministerium, war also zwei Jahre lang einer der wichtigsten Mitarbeiterinnen von Hillary Clinton. Im Februar 2011 kehrte sie nach Princeton zurück und nahm dort ihre Professur wieder auf. Sie ist zudem Präsidentin des renommierten Thinktanks “New America”.

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Für sie war es schlimm, den Job bei Hillary Clinton aufzugeben. Aber die Entfernung zu ihrer Familie war nicht mehr auszuhalten: „Tief im Inneren wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war, nach Hause zurückzukehren, wenngleich ich die Frau, die diese Entscheidung traf, eigentlich nicht wiedererkannte”, schreibt Slaughter in ihrem Buch „Was noch zu tun ist”, das kürzlich im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

Der Untertitel „Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können“ verrät, dass es sich um einen Ratgeber handelt – und nicht um eine Anklageschrift an das männliche Geschlecht. Es ist ein durchaus persönliches Buch, aber durch den Kenntnisreichtum der Autorin gleichermaßen relevant und nutzbringend – übrigens unabhängig davon, welchen Geschlechts der oder die Leserin ist.

Slaughter ist kurz gesagt das Gegenteil von Alice Schwarzer, also bei weitem keine Frauenrechtlerin, die sich auf jeder Seite dem Rasuch des Weiblichkeitswahns hingibt. Sie ist kühle Analytikerin und schafft den Spagat zwischen wissenschaftlicher Herangehensweise, lesbar-verständlichem Schreibstil und einem hohen Maß an realitätsnahem Pragmatismus. Und sie macht sich und ihren Lesern keine Illusionen: Beruf und Familie zu vereinen heiße, „am Rand der Dauerkrise zu leben”. Außerdem es sei eine Illusion, „die Vereinbarkeit von Familie und Karriere würde von eigenen Entscheidungen abhängen”. Man habe vieles nicht in der Hand.


Die Unterbewertung von Betreuungsarbeit

So entlarvt Slaughter zu Beginn des Buches eine Halbwahrheit nach der anderen: Dass Energie und Durchsetzungsstärke reichen, um alles unter einen Hut zu bekommen. Dass man nur den Richtigen heiraten müsse, dass Kinder ihre Mutter brauchen oder dass die Lösung schlicht Flexibilität heißt. Dies alles stimme ein stückweit schon, aber eben nicht in dem Maße, wie man es auf der Straße, in Kneipen oder in den Unternehmen hört.

Ihre nun wirklich nicht steile These lautet: Der Partner, der zuhause bleibt und die Kinder hütet, erhält weniger Wertschätzung als der, der arbeiten geht: „Wenn wir das Frauenproblem als Betreuungsproblem umdefinierten, erweitern wir damit unseren Blickwinkel und können uns genauer auf das eigentliche Problem konzentrieren: die Unterbewertung von Betreuungsarbeit; ganz egal, wer sie leistet.” Oder anders formuliert: Wer weniger in sich selbst investiert, wird besser bewertet als der, der in andere (oder seine Firma) investiert. Verkehrte Welt, könnte man meinen. Betreuungsarbeit sei eine sinnstiftende Tätigkeit und auch als solche zu bewerten – völlig egal ob ein Mann oder eine Frau sie ausübt.

Bleibt die praktische Frage, wie man Betreuungsarbeit aufwertet? Slaughter hat gleich mehrere Vorschläge. Der erste bezieht sich auf die Haltung: „Wenn wir es schaffen, uns aus dem Karrierewahn zu befreien, und begreifen, dass persönlicher Ehrgeiz ein wertvoller menschlicher Trieb ist, aber eben nicht wertvoller als der Trieb, für andere zu sorgen, dann bedeutet die Befreiung der Frau nicht mehr nur die Freiheit, selbst ehrgeizige Ziele verfolgen zu dürfen.“

Zweitens brauche es ein Umdenken in den Firmen: Es geht der Autorin ausdrücklich nicht darum, Frauen im Zweifel per Quote in Führungspositionen zu hieven. Sie plädiert – wie übrigens auch andere Expertinnen wie Debora Spar – für einen anderen Geist in den Unternehmen. Vielfalt soll gefördert, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Problem des Systems erkannt werden, nicht als das von einzelnen Frauen. Warum stellen sich die Firmen nicht auf die neue Realität ein anstatt von Angestellten zu erwarten, dass sie sich auf den Kopf stellen? Für viele fühle sich der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeit wie beruflicher Selbstmord an, klagt die Autorin.

Aber Slaughter hält den Entscheidern von heute zugute, dass sie „zwangsläufig” glauben müssen, dass Mitarbeiter mit demselben Verhaltensmuster, das sie selbst an die Spitze brachte, auch in Zukunft die besten Aufstiegschancen haben. Also Verzicht auf Zeit mit der Familie, rund um die Uhr zu arbeiten und so weiter. Dabei kann man es mit einem Satz wunderbar sagen: „Wenn die Familie an erster Stelle steht, dann ist nicht die Arbeit zweitrangig, sondern das Leben im Gleichgewicht.”

Bibliografie

Anne-Marie Slaughter
Was noch zu tun ist
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2016, 349 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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