Frauen und Karriere: Aufstieg mit Hindernissen

Frauen und Karriere: Aufstieg mit Hindernissen

, aktualisiert 19. Oktober 2016, 09:06 Uhr
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Die Diplom-Chemikerin hat hartnäckig ihre Karriere-Ziele verfolgt und männliche Widersacher überwunden.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Ambitionierte Frauen finden mit ihren Karrierewünschen in Deutschland einer Studie zufolge besonders wenig Gehör. Dabei können sich Arbeitgeber diese Haltung in Zeiten der Globalisierung gar nicht mehr leisten.

Düsseldorf„So kann es nicht weitergehen“, dachte sich Diplom-Chemikerin Manuela Hoffmann-Lücke frustriert. Einige Jahre arbeitete sie nun schon im Pharmakonzern Baxter, hatte Erfahrungen in Vertrieb und Marketing gesammelt. Und hatte während einer mehrmonatigen Abwesenheit ihres Chefs die Abteilung kommissarisch erfolgreich geleitet. Dennoch verhallte der Wunsch der Produktmanagerin nach einer Führungsrolle. Auch Hoffmann-Lückes nächsthöherer Vorgesetzte, mit dem die junge Frau das Gespräch außer der Reihe suchte, „versuchte sich nett herauszureden“, warum ihre Ambitionen nicht zu erfüllen seien. Als Trostpflaster spendierte er der Kollegin ein Führungs-Seminar.

„Ich kam hier einfach nicht weiter, vor allem nicht an meinen Chefs vorbei. Die sahen mich als fleißige Biene, die sie gerne weiterhin für sich arbeiten lassen wollten“, erkannte die ehrgeizige Chemikerin als Grund für die Hinhaltetaktik der beiden. Bei nächster Gelegenheit wechselte sie ins Ausland zur Konkurrenz.

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So weit, so klassisch: Wer im eigenen Unternehmen nicht vorankommt, egal, ob Frau oder Mann, sucht sich eben einen neuen Job bei einem anderen Unternehmen. Doch ganz so simpel ist die Sache hierzulande nicht, ein genauerer Blick lohnt sich. Frauen tun sich nämlich offenbar deutlich schwerer damit als ihre männlichen Kollegen, überhaupt Gehör für ihre Karriere-Ambitionen zu finden.

Das zumindest legt eine Befragung der Personalberatung Hays nahe, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Für die Studie wurden mehr als 11.000 Berufstätige in 24 Ländern zu ihren Karrierezielen befragt. Die Studie zeigt, dass, global betrachtet, 47 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer finden, dass sie ihre beruflichen Ziele ausreichend in ihrem Unternehmen kommunizieren können und ihnen die entsprechenden Entwicklungschancen geboten werden. In Deutschland hingegen sagen dies gerade mal ein Drittel der Frauen, aber immerhin 43 Prozent der Männer.

Die Mehrheit der hiesigen weiblichen Berufstätigen beklagt, bei Beförderungen übersehen oder übergangen zu werden. Damit landen die deutschen Arbeitgeber auf dem vorletzten Platz des Länder-Rankings, knapp vor Spanien. Am besten schneidet Brasilien bei ehrgeizigen Frauen ab. Dort konstatieren immerhin zwei Drittel der Befragten, dass Ihre Karriere-Wünsche ernst genommen werden.

„Damit zeigt sich in Deutschland neben dem Aufstiegshindernis Kind eine weitere Karriere-Bremse für Frauen, die auf die männlich geprägte Arbeitskultur in vielen Unternehmen zurückzuführen ist“, sagt Frank Schabel. Er ist Marketingchef bei Personal-Dienstleister Hays. Die Folge: Unternehmen gehen wertvolle Talente verloren. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels, des demografischen Wandels und der generell nachlassenden Begeisterung für Führungsaufgaben hierzulande können sich Arbeitgeber das nicht länger leisten.


In Skandinavien lief es ungleich besser

Zu diesem Schluss kam auch die Geschäftsführung des Pharmakonzerns Baxter angesichts der Erfolge, die ihre ehemalige Mitarbeiterin Manuela Hoffmann-Lücke beim neuen Arbeitgeber in Schweden feierte. „Plötzlich war ich für die Chefs meiner damaligen Chefs sehr interessant und sie versuchten, mich zurückzuholen“, erzählt die heute 52-Jährige im Rückblick. Schließlich erhielt sie ein so attraktives Angebot, dass sie nicht länger nein sagen konnte: „Ich wurde Chefin meiner früheren Chefs und bekam die Verantwortung mehrerer Abteilungen in Deutschland übertragen.“

Fünf Jahre später, Hoffmann-Lücke war inzwischen verantwortlich für das gesamte deutsche Krankenhausgeschäft und das Marketing für den Heimpflege-Bereich, wollte sie endlich auch den entsprechenden offiziellen Titel als Geschäftsbereichsleiterin auf ihrer Visitenkarte sehen. Doch erneut erwiesen sich die männlichen Denkmuster und Vorstellungen von Entscheidern als Blockade für sie: „Einer der damaligen Europa-Chefs meinte, eines Tages sei es vielleicht mal möglich, dass auch eine Frau in diese Führungsposition komme, doch noch wäre es nicht soweit.“

Selbst diese massive Diskriminierung brachte die hartnäckige Deutsche nicht dazu, aufzugeben. „Mir gefällt grundsätzlich, was wir hier tun, wie wir kranken Menschen helfen. Mit meiner Arbeit kann ich viel bewegen. Aber diese Schlappe machte mich stinksauer“, erzählt sie.

Erneut suchte sie ihr Heil in Skandinavien, wo sie ja schon zuvor völlig unabhängig von ihrem Geschlecht als Managerin gepunktet hatte. Mit Mann und inzwischen zwei Kindern zog sie wieder von Süddeutschland nach Stockholm und pendelte von dort aus drei Jahre lang nach Finnland, um als Länderchefin die dortige Baxter-Tochter aus den roten Zahlen zu holen und schließlich zum konzerninternen „General Manager des Jahres“ gewählt zu werden.

Gleichzeitig trat sie aber an ihre Geschäftsführer-Kollegen auf Europa-Ebene heran, um die veralteten Rollenbilder im Pharma-Konzern zu thematisieren. Endlich war sie in einen Zirkel vorgedrungen, in dem sie Gehör fand. Seit dieser Initialzündung durch Manuela Hoffmann-Lücke, die seit knapp zwei Jahren Geschäftsführerin der Baxter-Gesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist, hat sich einiges im Konzern getan.

Es gibt zum Beispiel inzwischen neben ihr noch Länderchefinnen in Finnland und in Griechenland sowie ein internationales Mentoren-Programm für vielversprechende weibliche Nachwuchskräfte unter den rund 66.000 Mitarbeitern. Sie selbst berät drei Mentees bei der persönlichen Laufbahnentwicklung, um ihnen die negativen Erfahrungen ihrer eigenen Karriere möglichst zu ersparen. Auf die Frage, ob sich all die Mühe, der Frust und ihr Kampf gegen Vorurteile gelohnt hat, antwortet Manuela Hoffmann-Lücke: „Auf jeden Fall. Mich schreckt so schnell nichts mehr.“ 

Quelle:  Handelsblatt Online
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