Frauenhofer-Präsident zur Datensicherheit: „Nichts ist absolut sicher“

Frauenhofer-Präsident zur Datensicherheit: „Nichts ist absolut sicher“

, aktualisiert 14. März 2016, 06:16 Uhr
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Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft, Reimund Neugebauer: „Es gibt eine föderale Cloud, wenn Sie so wollen, und nicht eine zentralistische Einheit.“

von Axel HöpnerQuelle:Handelsblatt Online

Die Fraunhofer-Gesellschaft entwickelt ein Projekt, das Unternehmen im Industrie-4.0-Zeitalter schützen soll. Präsident Neugebauer spricht im Interview über diese „föderale Cloud“ und wie weit die Idee gereift ist.

Er ist viel unterwegs dieser Tage. Von einer Vorstandssitzung in München ging es über Berlin zur Eröffnung eines Leistungszentrums in Kaiserslautern. Und am Montag stellt Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer auf der Cebit die Pläne für einen sicheren Datenraum vor, mit dessen Hilfe die Unternehmen im Industrie-4.0-Zeitalter ihren sensiblen Datenverkehr abwickeln sollen. Abends liest Neugebauer zurzeit ein Buch über Epigenetik. Wenn man sich die evolutionären Innovationen der Natur anschaue, sagt er, werde man als Forscher bescheiden.

Herr Professor Neugebauer, in vielen Unternehmen sorgt gerade der Trojaner „Locky“ für Aufregung. Mal ehrlich: Können Unternehmen heutzutage sensible Daten überhaupt noch schützen?

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Nichts ist vollkommen sicher. Doch die Technologie für die Industrie 4.0, die wir gerade vorbereiten, bietet ein Maximum an Sicherheit.

Sie sprechen vom sicheren Datenraum für die Industrie, dem „Industrial Data Space“, der gerade unter Führung von Fraunhofer entwickelt wird.

Genau, dieser hat wesentliche Alleinstellungsmerkmale. In der Cloud, wie wir sie bisher kennen, hat der Betreiber auch die Datensouveränität über alle Daten in der Cloud.

Bei Ihnen wird das anders sein?
Ja, die Cloud ist bei uns ein verteiltes System aus Datenbereichen von all den Unternehmen, die teilnehmen. Und nur die Datenbereiche, die die teilnehmenden Unternehmen freigeben, sind Teil des Industrial Data Space. Es gibt eine föderale Cloud, wenn Sie so wollen, und nicht eine zentralistische Einheit. Das ist das Alleinstellungsmerkmal, nach dem sich alle gesehnt haben. Das ist aber nicht der einzige Vorteil.

Was noch?

Der Industrial Data Space wird nicht von Unternehmen betrieben, die davon leben, Daten zu verwerten und zu verkaufen. Er wird von Anwendern betrieben. Das sind die, deren Geschäftsmodelle ganz wesentlich auf der Sicherheit ihrer Daten beruhen. Ihnen wird die Angst genommen. Sie können nun avantgardistisch am Markt als Pilot agieren. Wir werden unsere Stärke mit rund 50 Prozent „Hidden Champions“ nur erhalten, wenn diese sich angstfrei und proaktiv am Markt bewegen.

Und denen können Sie garantieren, dass die Daten bei Ihnen in Sicherheit sind?

Ich werde mich hüten zu sagen, dass wir das unbegrenzt garantieren können. Aber ich muss meine Daten nicht jemand anderem in die Hand geben. Eine hohe Schwelle gegen Hacking erreichen wir durch die Softwarekonstruktion. Die Daten werden in sicheren Paketen unter sich ständig ändernden Sicherheitsvorkehrungen transportiert. Zudem dürfen den Datenraum nur Anwender betreten, die zertifiziert sind.


Wie weit sind Sie mit dem Projekt?

Wir haben Anfang 2016 einen Verein zum späteren Betrieb dieses Datenraums gegründet. Zu den aktuell 18 Mitgliedsorganisationen gehören ein Versicherer wie die Allianz ebenso wie Volkswagen, Bosch, Sick und Bayer.

Wie groß ist das Interesse in der deutschen Wirtschaft insgesamt?

Die Resonanz ist groß. Es gibt Anfragen für 70 Testprojekte, wo Unternehmen die Wirksamkeit des Datenraums testen wollen.

Wann wird der sichere Datenraum denn aufgemacht?

Das ist bereits geschehen. Wir haben unter anderem einen Test, in dem intelligente Frachtcontainer über die Cloud mit dem Lager kommunizieren. Es gibt auch Versuche in der Produktion, in der Medizintechnik und in der Mobilität.


„Unsere Sicherheitsstandards sind prägend“

Was kostet der Aufbau eines sicheren Datenraums?

Das Startprojekt wird erst einmal mit rund fünf Millionen Euro vom Forschungsministerium gefördert.

Kostet das Projekt dann am Ende Milliarden?

Milliarden werden es nicht sein. Einige Millionen sicher schon.

Und wann wollen Sie den Datenraum für die freie Nutzung freischalten?

Es ist schwer, einen genauen Termin zu nennen. Aber jedes Unternehmen, das ihn testen will, ist willkommen. Damit wird der Datenraum reifer und besser.

Wem steht der sichere Datenraum denn offen?

Das ist kein deutsches und kein europäisches Projekt, sondern ein internationales. Aber gerade der deutsche Mittelstand braucht einen Datenraum, auch in Europa gibt es höchstes Interesse. Wir sind aber offen etwa für amerikanische und asiatische Partner.

Aber haben die hiesigen Unternehmen nicht gerade Angst vor Wirtschaftsspionage aus Asien oder den Datensammlern aus den USA?

Das hilft nicht weiter, deshalb sind wir ja offen für asiatische und amerikanische Partner. Anders geht es heute gar nicht, wenn zum Beispiel ein deutsches Unternehmen ein Werk in China steuern will. Aber wir bieten einen Datenraum, der nach unseren Regeln und unter europäischen Datenschutzstandards funktioniert. Unsere Kultur im Umgang mit Daten und unsere Sicherheitsstandards sind hier prägend.

Fehlt Ihnen noch etwas, damit das Projekt ein Erfolg wird?

Ich habe zu viel Demut vor der Dimension der Aufgabe, um zu behaupten, wir hätten keine Lücken. Wir sind aber gut aufgestellt, haben die besten IT-Leute, die verfügbar sind.


„Der Transport der Daten ist die größte Hürde“

Ist die Datensicherheit die größte Herausforderung im 4.0-Zeitalter?

Es gibt vier Schwerpunkte. Die erste Voraussetzung ist die Standardisierung, damit wir überhaupt miteinander kommunizieren können. Die zweite ist die Datensicherheit, insbesondere gegen unbefugten Zugriff. Dafür schaffen wir den Industrial Data Space. Dritte Voraussetzung, ganz wichtig, ist die Latenzzeit, also hohe Datenraten in kürzester Zeit zu bekommen, um eine Fabrik oder ein Auto in Echtzeit steuern zu können, ohne dass das Signal abreißt. Und der vierte Punkt ist das maschinelle Lernen. Die Maschinen müssen angesichts der riesigen Datenmengen lernen, sich selbst zu programmieren.

Wo werden die Standards entstehen? In den USA oder in Deutschland?

Es ist ein großer Erfolg für die deutsche und europäische Wirtschaft, dass durch starke Unternehmen wie Siemens, die Telekom, SAP, Bosch und Anwendern es gelungen ist, ein Rahmenarchitekturmodell als Industriestandard zu schaffen. Dieses RAMI ist ein dreidimensionaler Raum, der Standards ermöglicht. Wenn ich das mit dem vergleiche, was das Industrial Internet Consortium (IIC) in den USA macht, sind wir überhaupt nicht zurück, im Gegenteil.

Eine weitere Voraussetzung für Industrie 4.0 sind die Latenzzeiten.

Es muss möglich sein, Anlagen praktisch in Echtzeit aus der Entfernung zu steuern.

Wie weit sind wir da mit der Infrastruktur?

Das ist ein größeres Problem als die IT-Sicherheit. Technische Messungen haben zum Beispiel ergeben: Für eine Datenverbindung von Berlin nach Waterford in Irland hin und zurück braucht es 27 Millisekunden. Von Berlin nach Brasilien waren es 80 Millisekunden. Für autonomes Fahren aber brauchen wir zum Beispiel Latenzzeiten von einer Millisekunde und weniger. Der Transport der Daten ist die größte Hürde.

Letzte Hürde ist das maschinelle Lernen, sagten Sie.

Genau. Wenn in Zukunft nicht nur Maschinen mit dem Menschen kommunizieren, sondern Werkstücke und Werkzeuge mit Maschinen, wer programmiert die denn alle in sich ständig wechselnden Umgebungen? Auch dafür brauchen wir das maschinelle Lernen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass alle vier Herausforderungen gelöst werden?

Ohne diese vier Felder wird das Potenzial von Industrie 4.0 und das Potenzial von Big Data als Grundlage für neue Geschäftsfelder nicht gehoben.

Herr Neugebauer, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Axel Höpner.

Quelle:  Handelsblatt Online
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