Fraunhofer-Präsident Neugebauer: „Maschinen dürfen nicht die Führung übernehmen“

Fraunhofer-Präsident Neugebauer: „Maschinen dürfen nicht die Führung übernehmen“

, aktualisiert 18. April 2017, 15:13 Uhr
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Der Fraunhofer-Präsident ist überzeugt, dass nicht alles, was die Hersteller auf der Cebit als Neuheit verkünden, wirklich neu ist.

von Axel HöpnerQuelle:Handelsblatt Online

Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer spricht im Interview über menschliche und künstliche Intelligenz sowie Roboter im Feuerwehreinsatz – und gibt den Eliten einen Rat.

MünchenIn seinem Büro über den Dächern Münchens hat Reimund Neugebauer eine große Weltkarte hängen. Die Erfindungen aus der Forschungseinrichtung haben sich ja auch rund um den Globus verbreitet. Das MP3-Format für digitale Sprach- und Musikaufzeichnungen ist nur ein Beispiel. Nun geht es darum, dass Deutschland auch bei Themen wie maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz ganz vorn mit dabei ist. Als Vorsitzender des Hightech-Forums berät Neugebauer in diesen Fragen die Bundesregierung.
Herr Professor Neugebauer, autonome Systeme und künstliche Intelligenz sind nicht nur bei der Cebit und der Hannover Messe das große Thema. Übernehmen jetzt die Maschinen das Kommando?
Das glaube ich nicht. Dazu wird es auch nie kommen. Sie werden unseren Wirkungsbereich erweitern. Aber dass sie einmal Strategien und Schlussfolgerungen entwickeln, glaube ich nicht.

Aber Computer können doch inzwischen sogar Poker spielen.
Das sind immer nur eingegrenzte Fähigkeiten.

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Das Hightech-Forum fordert doch, dass sich die autonomen Systeme dem Menschen unterordnen müssen – und nicht umgekehrt.
Das Besondere an dem Forum ist, dass diesmal auch Vertreter der Zivilgesellschaft dabei sind, zum Beispiel von Verbraucherschutz- und Umweltverbänden. Das hat zu einer Bereicherung der Diskussion beigetragen. Denn die Akzeptanz bei den Akteuren und die Partizipation der Menschen sind ganz wichtig. Die Maschinen müssen die Möglichkeiten erweitern – aber sie dürfen nicht die Führung übernehmen.

Braucht es dafür Gesetze?
Es gibt ja schon heute Fälle, wo wir die Technik einschränken. In der Medizin muss am Ende ein Mensch entscheiden.

Obwohl die Maschine es eventuell besser kann?
Da geht es um rechtliche und ethische Fragen. Nur der Mensch kann hinterher Verantwortung für sein Handeln übernehmen.
Irgendwer muss entscheiden, ob ein Auto gegen die Mauer oder gegen einen Fußgänger fährt.
Das ist der Punkt. Technisch könnte man heute schon vieles lösen. Wir arbeiten gerade daran, Autos zu entwickeln, die nicht crashen können, weil sie sich wie ein Magnet gegenseitig abstoßen. Aber es wird immer auch Mischverkehr geben und dann wird es schwierig. Prototypisch werden wir ab 2017 eingegrenzte Einsätze sehen, zum Beispiel auf dem Firmengelände oder später auf den Autobahnen. Doch im Berufsverkehr von Berlin? Das kann ich mir aus heutiger Sicht erst 2030 vorstellen.


„Wir werden Roboter schon bald in ein brennendes Haus schicken“

Wo werden Systeme eher autonom?
In der Produktion vor allem. Wir beschäftigen uns aber auch mit autonomen Systemen in der Medizin und der Pflege. Viertes Feld neben der Mobilität sind Gefahrenmomente. Zur Reparatur eines Atomkraftwerks oder bei der Feuerwehr. In ein brennendes Haus werden wir Roboter schon bald schicken können.

Die schöne neue Welt schafft neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze. Doch sie vernichtet auch Jobs.
Das ist richtig. Da gibt es verschiedene Studien. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat beispielsweise errechnet, dass in Deutschland allein in der Produktion 490.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten. Aber es werden in nahezu gleicher Zahl Jobs entstehen.

Sind Sie da sicher? Irgendwann geht die Rechnung doch nicht mehr auf, wenn sich die Maschinen auch noch selbst programmieren.
Das stimmt, es werden nicht nur einfache Tätigkeiten entfallen. Autonome Systeme übernehmen zunehmend auch die Arbeit von Entwicklern. So werden im Maschinenbau Produktentwicklungen kommen, die den Gesetzen der Natur folgen und bionische Strukturen haben.

Also sind die Ängste berechtigt?
Ich denke nicht. Die Zielsetzung, was wir entwickeln, kommt weiterhin vom Menschen. Es muss auch jemand kontrollieren und zum Beispiel die Materialien auswählen.

Dennoch werden es Menschen mit wenig technischem Wissen schwer haben. Die kann man nicht alle zu Datendesignern umschulen. Manche fordern da ein bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert durch eine Robotersteuer.
Das ist im Hightech-Forum auch ein Thema. Wir haben nicht nur die Aufgabe, die Wertschöpfung zu optimieren. Die Eliten müssen die Menschen auch so einbinden, dass Lebensfreude und Glück entsteht. Es geht nicht nur um Geld, sondern um Lebenssinn. Und dazu gehört auch eine sinnvolle Tätigkeit.

Also sollten Maschinen nicht alles machen, was Maschinen können?
Es wird weiter den Wunsch der Menschen nach Empathie und Vertrauen geben. Das können Maschinen nicht bieten.

Haben die Menschen in Deutschland die richtigen Qualifikationen für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz? Gibt es zum Beispiel genug Daten-Designer?
Wir haben ausgezeichnete Bildungssysteme im Vergleich zu anderen Ländern. Aber die Änderungsdynamik im Ausbildungssystem muss besser werden. Werfen Sie einen Blick auf die Lehrpläne in unseren klassischen Fakultäten.


„Nicht alles, was Hersteller als Neuheit verkünden, ist neu“

Wie steht Deutschland bei der künstlichen Intelligenz da? Die Amerikaner und Chinesen scheinen vorn zu sein.
Da muss man genau hinschauen. Man braucht für die künstliche Intelligenz eine Masse von Daten. Da muss man Weltmeister bei der Sensorik sein, und wir sind ganz weit vorn. Auch beim Sammeln und Speichern. Doch bei der Auswertung – bei der Erzeugung von Algorithmen für Algorithmen – gibt es Nachholbedarf. Da brauchen wir einen nationalen Kraftakt im europäischen Kontext. Die politischen Parteien sind durch die Forschungsorganisationen sensibilisiert, dass hier nachhaltiger und umfangreicher Handlungsbedarf besteht.

Liegt es auch daran, dass viele beim Thema Datenauswertung – auch aus gutem Grund – sehr zurückhaltend sind?
Das ist richtig. Deutschland verdankt den Wohlstand auch dem Schutz des intellektuellen Eigentums. Wir haben da viel zu verlieren. Aber es gibt Gesetzgebungen in der EU beispielsweise, die auch hinderlich sind, dass wir uns hier weiterentwickeln. Die Amerikaner haben Daten, die wir nicht holen dürfen.

Ist die technische Infrastruktur ausreichend?
Sie ist wettbewerbsfähig, aber es gibt vor allem beim schnellen Internet noch großen Nachholbedarf. Wir haben ländliche Regionen, die bestens angebunden sind, aber es kaum nutzen, und Defizite in den Ballungsräumen. Zudem brauchen wir 5G-Internet, da haben wir von Fraunhofer mit einer ganzen Reihe von Partnern einen Schwarm von Großprojekten.

Wie steht es um die Datensicherheit?
Ein Thema, das wir bei der Fraunhofer-Initiative Industrial Data Space ja sehr großschreiben. Der Datenraum entwickelt sich zunehmend zu einem internationalen Standard für die Wirtschaft, und erste Ergebnisse sind bei den Unternehmen im teilproduktiven Einsatz. Inzwischen sind zwölf Länder beteiligt und rund 70 Unternehmen in dem Anwenderverein vertreten. Hier sind wir ganz vorn mit dabei.

Was erwarten Sie von der Cebit und anderen Messen?
Es ist gar nicht so einfach, über die Cebit zu gehen und wirklich Neues zu entdecken. Nicht alles, was die Hersteller als Neuheit verkünden, ist wirklich neu. Die Messe kann aber einen Schub für die Anwenderindustrie bringen. Da profitieren alle davon.

Die Messen wie Cebit, Hannover Messe, zum Teil auch die Automessen sind immer schwerer zu unterscheiden, die Themen wachsen zusammen.
Das ist richtig. Die Trennung zwischen Cebit und der Hannover Messe ist nicht mehr nötig. Man müsste sie zusammenlegen – zu einem großen Marktplatz mit unterschiedlichen Akzenten.

Herr Neugebauer, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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