Fremdenfeindlichkeit in den USA: Eine Frage der Rasse?

Fremdenfeindlichkeit in den USA: Eine Frage der Rasse?

, aktualisiert 12. Oktober 2016, 06:05 Uhr
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In den Vereinigten Staaten kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der dunkelhäutigen Bevölkerung und der Polizei, wie hier am 21. September in Charlotte, North Carolina.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Die Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß sollten keine Rolle mehr spielen – doch sie bestimmen den Alltag in den USA. Rassismus, Polizeigewalt und Stereotype: Das Thema ist allgegenwärtig. Eine Weltgeschichte.

New YorkNeulich sprach mich auf der Straße ein älterer, schwarzer Mann an. Mein erster Reflex war, ihn zu ignorieren. Dann habe ich gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass er mich nach dem Weg fragte. Ich konnte ihm helfen, sein Ziel zu finden – viel mehr, mein Smartphone konnte ihm helfen.

Wieso war mein erster Reflex, den Mann zu ignorieren? Weil ich in Manhattan häufig von Leuten angesprochen werde, die um „Change“ bitten, also Kleingeld haben wollen. Manchmal gebe ich etwas, aber meistens nicht. Meistens bin ich genervt. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht jedem Bettler etwas geben kann, denn es gibt in New York eine Menge davon, gerade in meinem Viertel nahe dem Times Square, wo Armut und Reichtum sehr eng beieinander liegen. Deswegen neige ich dazu, sie zu ignorieren, ohne dass ich besonders stolz darauf wäre. Aber das ist nicht das eigentliche Thema.

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Das Thema ist, dass einen mehr Männer als Frauen ansprechen und viel mehr schwarze als weiße Männer. Es gibt eben mehr Schwarze als Weiße mit Geldsorgen, ohne Job, vielleicht auch ohne Wohnung. Auf diese Weise prägt sich der Reflex ein: Schwarzer Mann spricht dich an – wahrscheinlich will er Geld. Ein übler Reflex. Bin ich deswegen ein Rassist? Das ist eine Frage der Definition.

Rasse, vor allem schwarze oder weiße Hautfarbe, spielt in den USA immer noch eine große Rolle – mehr als 200 Jahre, nachdem die Verfassung allen Bürger gleiche Rechte versprochen hat, rund 150 Jahre nach der Sklavenbefreiung, rund 50 Jahre nach dem Aufbruch der Bürgerrechtsbewegung. Es ist eine Art Tabu-Thema, man spricht nicht gerne offen darüber, aber zugleich wird in den Medien und der politischen Öffentlichkeit permanent, beinahe schon obsessiv darüber diskutiert.

Edith Cooper, die Personalchefin von Goldman Sachs, ermuntert ihre Leute ausdrücklich dazu, auch am Arbeitsplatz über Rassenprobleme zu sprechen. Sie hat Ende September in einem Beitrag auf Linkedin auch über ihre persönlichen Erfahrungen als schwarze Karriere-Frau berichtet: „Ich werde oft gefragt 'aus welchem Land kommen Sie' (ich bin in Brooklyn aufgewachsen). Man hat mich gefragt, ob ich tatsächlich in Harvard studiert habe (habe ich) und wie ich das geschafft habe (ich habe mich beworben). Man hat mich bei einem Treffen mit Kunden gebeten, den Kaffee zu bringen (obwohl ich das Meeting geleitet habe), und man hat mich in der Schule meines Sohns für die Garderobenfrau gehalten.“

Cooper hat trotzdem Karriere gemacht und damit den Traum ihrer Eltern erfüllt, die aus den Südstaaten nach New York, wie sie schreibt, „aus einem einzigen Grund gekommen waren: um ihre Kinder ohne den institutionalisierten Rassismus aufzuziehen, unter dem sie gelebt hatten“. Aber New York ist eben auch nicht farbenblind.


Spielt die Hautfarbe im täglichen Umgang keine Rolle mehr?

Wenn man immer wieder Berichte über unbewaffnete schwarze Männer liest, die von der Polizei erschossen werden, oder sich die Dramatik der Statistik vor Augen führt, nach der Schwarze beinahe überall, von der Bildung über Einkommen und Vermögen bis hin zu Kriminalität und Gefängnisstrafen, schlecht abschneiden, dann zeigt sich auf den ersten Blick krasser Rassismus. Und der Erfolg eines Präsidentschaftskandidaten, der unverhohlen rassistische Vorurteile für sich auszunützen sucht, ergänzt dieses Bild. Das verführt zu dem Trugschluss, dass einfach alle Weißen ihre Vorurteile aufgeben müssten, und dann wäre Amerika gerettet. Aber die Realität ist komplizierter, wenn auch deswegen nicht unbedingt besser.

Weiße Amerikaner fühlen sich häufig ungerecht behandelt, wenn man ihnen pauschal Rassismus unterstellt. Ich traf in Chicago einen älteren Mann, der klagte: „Wir müssen ständig ,Sorry' sagen. Sorry für die Sklaverei, sorry für den Rassismus, sorry für die Ausrottung ganzer Indianerstämme.“ Der Mann hat wahrscheinlich noch nie einem Menschen anderer Hautfarbe etwas zu Leide getan, aber er fühlt trotzdem den Berg von Schuld und Anklage, der auf weißen Amerikanern lastet.

Dabei spielt im täglichen Umgang das Thema Hautfarbe zum Glück oft gar keine Rolle mehr. Ich bin mit einer schwarzen Frau in meinem Alter befreundet, wir sehen uns jeden Sonntag in der Kirche und treffen uns alle paar Monate zum Lunch, weil wir beide im Süden von Manhattan arbeiten. Wir unterhalten uns dann über unsere Berufe, über unsere Freunde, über unsere Beziehungen, über unsere Hobbys, über Literatur, und so weiter.

Aber dabei denkt keiner von uns darüber nach, dass wir unterschiedliche Hautfarben haben. Wir laden uns zum Essen meist abwechselnd gegenseitig ein. Einmal hat sie bezahlt und dabei erwähnt, dass sie meist gutes Trinkgeld gibt. „Schwarze Frauen stehen nämlich in dem Ruf, geizig mit Trinkgeld zu sein“, sagte sie. „Vielleicht liegt das daran, dass schwarze Frauen im Durchschnitt weniger Geld haben als weiße Männer“, habe ich geantwortet. Das war in vier Jahren unsere einzige Unterhaltung über das Thema Hautfarbe.

Warum also lässt Amerika das Thema nicht los? Warum gibt es so krasse Unterschiede in den – zumindest durchschnittlichen – Lebensumständen weißer und schwarzer Amerikaner? Und das, obwohl heute die meisten Weißen gar keine wirklichen Rassisten mehr sind.

Einmal spielt häufig eine Rolle, dass sich auch bei Menschen, die sich für vorurteilsfrei halten, im Unterbewusstsein Stereotype eingenistet haben. Nicht umsonst habe ich mich selber eingangs als schlechtes Beispiel genannt. Hinzu kommt aber, dass diese Stereotype durch reale Unterschiede genährt werden. Es gibt eben mehr schwarze als weiße Bettler, und die Gewaltkriminalität unter jungen Schwarzen ist tatsächlich besonders hoch. Polizisten, die vorschnell auf junge schwarze Männer schießen, tun das meist aus Angst, was keine Entschuldigung ist, aber möglicherweise Teil einer Erklärung. Die Realität Amerikas nährt die Stereotype, und die Stereotype tragen dazu bei, die hässliche Realität jede Generation weiter fortzuschreiben, so dass trotz unbestreitbarer Fortschritte das Thema nie verschwindet.


Quoten für Schwarze richten Schaden an

Diese immer noch negative Spirale trägt dazu bei, dass Amerika von dem Thema geradezu besessen ist. In Theatern und Filmen gehören das Rassenthema und die Sklaverei zu den beliebtesten Sujets, gerade auch bei liberalen Weißen. Viele Probleme werden in der Politik als Rassenfragen diskutiert, wobei manchmal fraglich ist, ob das der beste Ansatz ist. Im Bundesstaat Mississippi kam vor einigen Jahren, reichlich spät, die Diskussion auf, ob es in Ordnung ist, dass Kinder in der Schule geschlagen werden. Dabei stand nicht etwa Sinn und Unsinn der Prügelstrafe im Vordergrund.

Sondern der Tatbestand, dass schwarze Kinder im Schnitt häufiger geprügelt werden als weiße. Besonders absurd war die Diskussion deswegen, weil schwarze Eltern weniger Einwände gegen diese Strafe haben als weiße, wie die linkte Zeitschrift „The Nation“ berichtete. Denn manche schwarzen Eltern setzen aus Angst vor dem Abrutschen ihrer Kinder in die Kriminalität auf eine besonders strenge Erziehung.

So gibt es stets Konfusion darüber, ob Rassenprobleme wirklich Rassenprobleme sind oder eigentlich andere Ursachen haben. Ich habe bei einer Diskussion in der Columbia-Universität erlebt, wie ein weißer, linker Journalist und ein schwarzer Professor sich darüber in die Haare gerieten, ob bestimmte soziale Probleme besser als soziale Probleme zu werten seien oder doch eher als Rassenprobleme. „Nein, es sind auch Rassenprobleme“, beharrte der Professor.

Es gibt auch Schwarze wie den konservativen Ökonomen Thomas Sowell, die gegen die Besessenheit vom dem Thema wettern, weil sie die Gefahr sehen, die Trennung zwischen Schwarz und Weiß so immer weiter fortzuschreiben. Sowell ist zum Beispiel der Meinung, dass Quoten für Schwarze an Elite-Unis letztlich Schaden anrichten, weil dadurch Studenten am falschen Ort landen, überfordert sind und aus der Bahn geworfen werden. Aber diese Stimmen sind in der Minderheit und werden häufig überhört. Die Regel im öffentlichen Raum ist eher, das Schwarze den Rassismus beklagen und liberale Weiße eifrig zustimmen, um nicht zu denen zu gehören, die „Sorry“ sagen müssen.

Mir persönlich ist die Obsession, mit der das Thema Rasse oft diskutiert wird, ehrlich gesagt, manchmal suspekt. Ich habe ein einziges Mal den Vortrag eines schwarzen Historikers gehört. Wovon handelte der? Von der Geschichte der Sklaverei. Warum schreiben nicht weiße Historiker über Sklaverei und schwarze über George Washington und die Gründerväter der USA? Wahrscheinlich tun sie das zum Teil auch, aber ist es ein Zufall, dass der erste schwarze Historiker, den ich treffe, auf Sklaverei spezialisiert ist?

Die ganze Diskussion ist über weite Strecken vergiftet, wobei es natürlich positive Ausnahmen gibt. Aber allzu häufig wird von der einen Seite jedes Problem, das irgendwelche statistischen Unterschiede zeigt, gleich als genuines Rassenproblem diskutiert. Die Tatsache, dass Stereotype auch durch reale Unterschiede genährt werden, wird entweder ausgeblendet oder zu schnell auch gleich wieder dem Rassismus angelastet. Schwarze sind eben nicht nur häufiger im Gefängnis, weil zu viele Weiße Rassisten sind, sondern auch, weil zu viele Schwarze Kriminelle sind. Und selbst wenn auf einen Schlag alle Weißen farbenblind wären, würden sich die kaputten Sozialstrukturen, die zur Kriminalität beitragen, nicht von heute auf morgen ändern.

Weiße auf der anderen Seite machen es sich genauso häufig zu einfach. Entweder sie stimmen der Rassismus-These eifrig zu, um sich selber zugleich davon freizusprechen. Oder sie blenden die gesamte Geschichte des Rassismus und der Sklaverei aus, finden, dass Schwarze selber Schuld an ihren Problemen sind und fühlen sich ihnen gegenüber sogar benachteiligt. Diese Leute äußern sich lieber in den sozialen Medien als in der Öffentlichkeit und wählen am Ende noch Donald Trump, was sicher nicht zur Lösung der Probleme beiträgt. Natürlich gibt es auch viele besonnene Amerikaner auf allen Seiten, die die ganze Bandbreite der Probleme erkennen. Aber in einer ohnehin stark polarisierten Öffentlichkeit dringen deren Stimmen viel zu wenig durch.

Ich will mir nicht anmaßen, besser als irgendein Amerikaner zu wissen, wie man mit dem Thema umgehen sollte. Zumal dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen dürfte, dass wir in Deutschland zum Teil auf ähnliche Strukturen treffen, bloß mit anderen Farben. Ich möchte mit einem nachdenklichen Zitat von Edith Cooper schließen: „Der Weg zu einer Lösung scheint unklar zu sein, aber eines ist sicher – wenn wir wirklich Fortschritte machen sollen, müssen wir eine offene Diskussion über das Thema 'Rasse' beginnen.“ Die Betonung liegt auf „offen“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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