Frühjahrsprognose: Deutschlands langer Aufschwung

Frühjahrsprognose: Deutschlands langer Aufschwung

, aktualisiert 12. April 2017, 11:27 Uhr
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Die deutsche Wirtschaft trotzt allen Krisen dieser Welt. Konjunkturexperten rechnen damit, dass sich das Wachstum kontinuierlich fortsetzt. Damit steigt auch die Zahl der Erwerbstätigen weiter an.

von Donata RiedelQuelle:Handelsblatt Online

Trump, Brexit, starke rechtspopulistische Parteien in Europa: Die Wirtschaft stört das alles bisher nicht. Der lange Aufschwung in Deutschland wird deshalb in diesem und im kommenden Jahr weitergehen. Eine Analyse.

BerlinWie das Land so der Aufschwung: Nicht wirklich dynamisch, fast ein bisschen langweilig wie die Politik unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt sich die Wirtschaftslage in Deutschland dar. Mag die Welt in Aufruhr sein angesichts eines chaotisch-emotionalen US-Präsidenten Donald Trump, mögen Brexit und populistische EU-Feinde die EU durchschütteln: Deutschlands Wirtschaft wächst seit dem Ende der Finanzkrisenrezession 2010 still und stetig vor sich hin. Und das wird auch 2017 und 2018 so bleiben, erwarten die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute.

Die Konjunkturprognostiker von DIW, Ifo, IfW, IWH und RWI leisten sich sogar zarte Frühlingsgefühle und erwarten ein etwas kräftigeres Wachstum als noch im letzten Winter: 1,5 Prozent statt 1,4 Prozent in diesem Jahr und 1,8 statt 1,7 Prozent. Wobei die niedrig wirkenden 1,5 Prozent dieses Jahres nur wegen der vielen zum Brückenbau einladenden Feiertage zustande kommen; denn eigentlich ist das Wachstum so kräftig wie 2016, als es 1,9 Prozent erreichte.

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Ein langer, sehr stetiger Aufschwung ist für die meisten Menschen in Deutschland besser als ein kurzer heftiger, der schneller in eine Flaute münden würde: Denn in der Erwartung, dass es immer weiter bergauf gehen wird, stellen die Unternehmen ein und schaffen neue Arbeitsplätze. Arbeitslosigkeit wird so zum Fremdwort in Deutschland: Ihre heute schon niedrige Quote um die sechs Prozent wird in diesem Jahr auf 5,7 Prozent und 2018 auf 5,4 Prozent sinken – trotz Zuwanderung, die bedeutet, dass mehr Menschen Jobs suchen.

Noch im letzten Herbst waren die Konjunkturexperten der Meinung, dass die schlecht qualifizierten Flüchtlinge des Jahres 2015 die Arbeitslosenquote ansteigen lassen würden. Doch die Nachfrage nach Arbeitskräften ist offenbar so stark, dass der Effekt, dass viele Flüchtlinge erst einmal arbeitslos sind, überkompensiert wird: Wer qualifiziert ist, muss sich um den Job offenbar nicht sorgen.

Die hohe Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften stärkt die Position der Arbeitnehmer in Lohnverhandlungen: Dass Deutschland sich durch Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen EU-Staaten verschafft – diese Zeit ist endgültig vorbei. Die Löhne steigen wieder – mit heute positiven Effekten. Die bessere Wettbewerbsfähigkeit der anderen EU-Staaten stärkt auch dort nach der langen Krise den Aufschwung, was wiederum die Nachfrage auch nach deutschen Produkten erhöht.

Und weil stetes Wachstum die Inflation wieder in Gang setzt – wenn auch mit 1,8 Prozent in diesem Jahr noch mäßig – erwarten die Ökonomen ein baldiges Ende der extrem lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank: Der Anleiheprogramm dürfte auslaufen, und womöglich im nächsten Jahr dann auch die Niedrigzinsphase enden.

Alles prima also? Erst einmal ja, sagen die Ökonomen. Bei der Bundesregierung allerdings vermissen sie ausreichende Anstrengung, an den Schwächen des Standorts zu arbeiten: Bürokratielasten für gründungswillige Unternehmer gehörten endlich abgebaut, verlangen sie. Die Steuer- und vor allem die Abgabenlast sei für mittlere Einkommen zu hoch: Angesichts der Arbeitsmarktlage sollte der Arbeitslosenbeitrag um 0,3 Prozentpunkte gesenkt werden, schlagen sie vor. Und das Bildungssystem müsse kräftig ausgebaut sowie endlich in die Infrastruktur schneller investiert werden: Wo dafür Planungskapazitäten fehlten, müssten diese eben geschaffen werden.

Und Trump, der Brexit, die Populisten? Die sind ein „erhebliches Risiko“, sind sich die Ökonomen einig. Wenn Trump einen Handelskrieg anzettelt und das Weltsteuersystem durcheinander rüttelt – dann kann es schnell vorbei sein mit dem wunderbaren, etwas langweiligen stetigen deutschen Aufschwung. Sollte gar die rechtsnationale Marine Le Pen Frankreichs Präsidentschaftswahl gewinnen und den EU-Ausstieg ihres Landes betreiben, droht eine konjunkturelle Eiszeit. Solange das alles aber nicht wirklich eintritt, lässt sich die Wirtschaft davon nicht erschüttern. Man kann dies als Gelassenheit interpretieren. Im Fall, dass es schiefgeht, wird man rückblickend aber wohl sagen müssen: Die Ignoranz ist zumindest ein wenig leichtsinnig gewesen.    

Quelle:  Handelsblatt Online
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