Furcht vor dem Brexit: „Heulen und Zähneklappern“

Furcht vor dem Brexit: „Heulen und Zähneklappern“

, aktualisiert 15. Juni 2016, 13:33 Uhr
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Viele Anleger erleben derzeit, wie der Wert ihres Depots schwindet.

von Jens HagenQuelle:Handelsblatt Online

An den Märkten geht derzeit die Angst um. Die Sorge um den Brexit vernichtet weltweit ein immenses Geldvermögen. Fondsmanager schichten ihre Portfolios um. Was Privatanleger von den Profis lernen können.

FrankfurtWie sich die Britten beim nahenden Votum über den Verbleib in der Europäischen Union entscheiden werden, das steht noch nicht fest. Klar ist aber jetzt schon: Der Volksentscheid führt zu einer globalen Geldvernichtung.

Seit in der vergangenen Woche die Umfrage-Trends in Richtung Brexit gingen, tanzt der Bär an den Börsen. Mehr als zwei Billionen US-Dollar verloren die weltweiten Aktieninvestments an Wert, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Und Profi-Investoren schlagen Alarm.

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Vom „Heulen und Zähneklappern angesichts des britischen Referendums“, berichtet etwa John Hardy, Devisenstratege bei der Saxo Bank. „Ein Mehrheitsvotum für den Austritt hätte Chaos zur Folge”, konstatiert Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco. Und auch der deutsche Vertreter des weltgrößten Vermögensverwalter meldet sich zu Wort. „Das Brexit-Referendum wird für Anleger zum Vabanquespiel“, sagt Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Blackrock Deutschland.

In dieser Situation gehen Großanleger auf Nummer sicher. Das zeigt die wichtigste monatliche Umfrage unter internationalen Fondsmanagern von der Bank of America Merrill Lynch. Die Geld-Verwalter halten mit 5,7 Prozent ihres Fondsvermögens so viel Liquidität wie zuletzt vor 15 Jahren. Der Appetit auf Risiko ist ihnen vergangen. Der Index, der die Neigung zu riskanten Investments anzeigt, ist auf ein Vier-Jahres-Tief gefallen.

„Es gibt keine Bullen auf dem Berg der Bären“, so titeln die US-Banker die Zusammenfassung der wichtigsten Daten ihrer Studie. Die Allokation bei weltweiten Aktien befindet sich auf einem Vier-Jahres-Tief. Die Skepsis hat vor allem einen Grund: Einen möglichen Brexit sehen die Fondsmanager derzeit als das größte Risiko für die Börsen an. „Für mich ist das größte Risiko, mit der die Welt derzeit konfrontiert ist, der Aufstieg von Populismus und Ultra-Nationalismus”, sagt Michael Hasenstab, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Franklin.

Der Blick auf die weltweiten Märkte zeigt, wie beliebt derzeit die „sicheren Häfen“ unter den Anlageklassen sind. Dazu zählt etwa die zehnjährige Bundesanleihe, bei der die Rendite auch wegen der großen Nachfrage am Dienstag erstmals ins Minus fiel. Die „Zehnjährige“ gilt als der Gral sicherheitsbewusster Anleger, in Deutschland ist sie die wichtigste Referenz für langfristige Kapitalmarktzinsen.

Aufgelegt wurde eine zehnjährige Bundesanleihe erstmals im Jahr 1960. Die Rendite lag damals bei 6,34 Prozent. Im Jahr 1974 stieg sie sogar auf Monatssicht auf 10,8 Prozent. Seit der letzten Finanzkrise ging es bergab. Im Jahr 2008 gab es noch gut vier Prozent, heute rentiert sie mit 0,007 Prozent.


Wo die Profis investieren

Bereits im Mai rentierten laut Ratingagentur Fitch weltweit Anleihen im Wert von 7,3 Billionen Dollar negativ. Die zehnjährige Staatsanleihe Japans notiert mit einer Rendite von minus 0,19 Prozent so tief wie nie zuvor, das Schweizer Pendant rentiert mit minus 0,49 Prozent. Die japanische Kursrally bei Staatsanleihen hänge an den Erwartungen zum Brexit, erklärt der unabhängige japanische Analyst Hiroyuki Kubota: „Es ist exzessiv und erscheint mir blasenhaft“.

Gold, die erste Wahl der Anleger in echten Krisen, ist ebenfalls gefragt. Mit einem Wert von aktuell 1282 US-Dollar pro Unze notiert das Edelmetall nahe dem Fünf-Wochen-Hoch. Das Metall könnte die Marke von 1350 US-Dollar in den nächsten Monaten erreichen, prognostiziert ABN Amro-Analystin Georgette Boele. Seit Jahresbeginn steigerte sich der Wert von Gold um 21 Prozent.

Das Geld landet derzeit aber nicht nur in die klassischen Fluchtburgen der Anleger. Die Umfrage von Bank of America Merrill Lynch zeigt: Es gibt auch anderswo Chancen. So setzen die Profi-Anleger etwa auf Schwellenländer. Die Allocation in diesem Bereich notiert auf einem 21-Monats-Hoch, der Anteil der Emerging Markets in den Portfolios ist mit sechs Prozent übergewichtet. Außerdem setzen die Fondsmanager verstärkt auf Aktien aus dem Bereich Gesundheit und Pharma sowie Industrie. Neben Staatsanleihen kaufen sie Rohstoffe.

Trotz Brexit-Angst stehen Aktien aus Großbritannien bei den Geldverwaltern hoch im Kurs, wie die Umfrage beweist. Zu den aktiven Investoren zählt derzeit etwa Allianz Global Investors (AGI). Die hohe Volatilität am britischen Aktienmarkt ist für Harald Sporleder, bei AGl zuständig für fünf europäische Aktienfonds mit einem Gesamtvolumen von zwei Milliarden Dollar, eine Chance.

Wenn die Briten sich für ein Verlassen der EU entschieden - was zu höherer Volatilität am Aktienmarkt führen sollte - blieben die Fundamentaldaten der Unternehmen die gleichen, argumentiert Sporleder: „Wir kaufen vor dem Referendum britische Aktien zu und konzentrieren uns dabei auf Werte mit hoher Marktkapitalisierung", so der Fondsmanager.

„Angenommen, die Briten wollen die EU verlassen. Das wäre eine Katastrophe für die europäischen und britischen Märkte über einige Tage. Wir würden diese erhöhte Volatilität als Kaufgelegenheit für Aktien nutzen wollen, wenn diese auf Tiefstände fallen“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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