Fußball-EM 2016: Englands Spiel um den Brexit

Fußball-EM 2016: Englands Spiel um den Brexit

, aktualisiert 20. Juni 2016, 16:13 Uhr
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Ein Sieg der Three Lions könnte David Cameron politisch nutzen.

von Anna GautoQuelle:Handelsblatt Online

Drei Tage vor dem EU-Referendum trifft England in seinem letzten Gruppenspiel auf die Slowakei. Von dem Ergebnis könnte mehr abhängen als nur der Einzug ins Achtelfinale. Denn Fußball kann Wahlen entscheiden.

LondonIn England hat die Woche der Entscheidungen begonnen. Drei Tage vor der Brexit-Abstimmung trifft die englische Nationalmannschaft um 21 Uhr deutscher Zeit auf die Slowakei. In seinem letzten Gruppenspiel reicht dem Team von Trainer Roy Hodgson am heutigen Montag ein Unentschieden, um ins Achtelfinale einzuziehen.

Wollen die Engländer den Gruppensieg sichern und mögliche Achtelfinalgegner wie Spanien oder Deutschland vermeiden, brauchen sie einen Sieg. Entsprechend risikofreudig geht Hodgson in die Partie in Saint-Étienne. Der Coach werde seine Startformation auf sechs Positionen ändern und dabei auch Kapitän Wayne Rooney überraschend eine Pause geben, berichteten englische Zeitungen.

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Hodgson will in der Dreier-Angriffsreihe wohl Jamie Vardy und Daniel Sturridge für die bislang enttäuschenden Harry Kane und Raheem Sterling von Beginn an bringen. Im Mittelfeld soll Jack Wilshere Rooney ersetzen, zudem ist ein Einsatz von Jordan Henderson für Dele Alli vorgesehen. Auf den Außenverteidigerpositionen plane Hodgson mit Nathaniel Clyne und Ryan Bertrand anstelle von Kyle Walker und Danny Rose, hieß es.

Trotz einiger Traumata, die Fußballengland in jüngster Vergangenheit verarbeiten musste – man denke nur an das peinliche WM-Aus 2014 und insgesamt vier Heimreisen nach einer EM-Gruppenphase - ist es mehr als wahrscheinlich, dass England die Vorrunde übersteht. Selbst nach einer Niederlage könnte sich England als einer der besten vier Gruppendritten in die nächste Runde retten.

Und doch ist die Begegnung am Montagabend eine ganz besondere. Es geht um viel mehr als nur um Englands Einzug ins EM-Achtelfinale. Denn würden die Three Lions gegen die einzige EU-Mannschaft der Gruppe B verlieren und am Ende sogar ausscheiden, würde ein Beben das Land erschüttern. Seine Ausläufer könnten das EU-Referendum am Donnerstag erreichen und seinen Ausgang mitbestimmen. Denn sportliche Großereignisse können politischen Wahlen entscheiden, wie diverse Studien zeigen.


Angst vor den Osteuropäern

So kann eine Forschergruppe der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Universität Konstanz nachweisen, dass Emotionen durch Fußballergebnisse die Bundestagswahlen beeinflussen. Achim Goerres von der Universität Duisburg sagt: „Wir können bestätigen, dass Wähler ihre durch den Fußball erzeugten Hochgefühle auch auf ihr politisches Verhalten übertragen.“

Emotionen, die eigentlich nichts mit Politik zu tun haben, würden sich demnach auf die Amtsinhaber richten. Gewinne in einem Wahlkreis die Heimmannschaft, stimmten die Menschen eher für die Regierenden. Übertragen auf das Brexit-Votum bedeute das: Siegt England gegen die Slowakei, unterstützen die Engländer eher Premier David Cameron, der sich für einen Verbleib in der EU einsetzt.

Den Zusammenhang zwischen siegreicher Heimmannschaft und Zustimmung für die Regierenden bestätigt auch Simon Chadwick, Professor für Sportmarketing an der Universität Salford. Der Tageszeitung „Die Welt“ sagt er: „Die Empirie besagt, dass der Erfolg eines Nationalteams einen positiven Effekt auf die amtierenden politischen Verantwortungsträger hat“. Die Wähler entschieden sich dann für den Status quo, meint Chadwick.

Verliert England allerdings gegen die Slowaken, könnte das angesichts knapper Umfragewerte entscheidende Stimmen für den Brexit bringen. Gerade auch weil sich viele Briten von Migranten aus Osteuropa überrannt fühlen, von Polen, Rumänen, Bulgaren, Slowaken. Gegen ein osteuropäisches Team auszuscheiden, könnte den Zorn enttäuschter Anhänger gegen die EU richten. Denn viele sehen in der EU eine Europaregierung, die sie nicht gewählt haben, deren Weisungen sie aber trotzdem befolgen sollen.


Ein EM-Aus würde Emotionen entfachen

Dass Emotionen die politische Stimmung beeinflussen, zeigt auch das Attentat auf die Labour-Abgeordnete und EU-Befürworterin Jo Cox am vergangenen Freitag. Lag das Brexit-Lager bis zu ihrer Ermordung leicht vorn, haben inzwischen die Remain-Befürworter einen kleinen Vorteil. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das Attentat einen positiven Effekt auf Remain hat“, sagt Achim Goerres.

Allerdings glaubt Goerres, liege das Spiel zeitlich nicht nahe genug an der Abstimmung, um wirklich viel zu bewirken. Würde England am Mittwoch oder Donnerstag spielen, sähe das anders aus. Außerdem, so Goerres, befrage das Referendum ganz Großbritannien. Die Schotten etwa sind EU-freundliche und gleichzeitig wenig begeisterte Briten. 2014 entschied sich nur eine knappe Mehrheit der Schotten für den Verbleib im Königreich.

Ein Ausscheiden der Engländer würde in Großbritannien also regional sehr unterschiedlich aufgenommen. Der Forscher Jamie Gruffydd-Jones von der US-Universität Princeton schreibt in einem Aufsatz in der Washington Post, dass eine englische Niederlage die Briten sogar in eine ganz andere Richtung bewegen könne: „Einige Wähler könnten folgern, ohne die EU aufgeschmissen zu sein, wenn sie es nicht einmal schaffen, die Slowakei zu besiegen.“ Ein Verbleib wäre dann die sichere Variante.

So oder so – der Ausgang der Begegnung dürfte die Engländer emotionalisieren, möglicherweise auch noch stärker politisieren. Denn die euroskeptischen Gazetten Großbritanniens wie "Daily Mail" oder "The Sun" dürften die Spiele der Europameisterschaft weiter für ihre Stimmungsmache gegen Brüssel nutzen. Die Uefa prüfe, die Briten nach einem „Leave“-Votum mit dem Ausschluss aus dem Turnier zu bestrafen, heißt es beispielsweise.

Gegen England haben die Slowaken in drei Aufeinandertreffen bisher zwar immer verloren. Aber mit ihrem Testsieg gegen Deutschland haben sie Selbstbewusstsein gesammelt. Sollten sie die Engländer tatsächlich ärgern, könnten die ihren Frust am Donnerstag in die Wahllokale mitnehmen. So wie 1970. Damals spielte England im WM-Viertelfinale in Mexiko gegen Deutschland.

Bis zur 68. Minute führte England 2:0. Eine Aufholjagd der Deutschen und Tore von Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Gerd Müller kegelten England aus dem Turnier. Fünf Tage später stimmte ein schwer depressives England gegen die sicher geglaubte Wiederwahl der damaligen Labour-Regierung. Der Konservative Edward Heath wurde völlig überraschend Premierminister.

Quelle:  Handelsblatt Online
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