Gastbeitrag: „Bei einem Brexit verlieren alle“

Gastbeitrag: „Bei einem Brexit verlieren alle“

, aktualisiert 22. Juni 2016, 11:23 Uhr
Bild vergrößern

Gunter Dunkel, Präsident des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB), Vorstandschef der NordLB und seit 2010 Honorarkonsul des Vereinigten Königreiches Großbritanniens und Nordirland, plädiert für einen Verbleib von Großbritannien in der EU.

Quelle:Handelsblatt Online

Europa ohne das Vereinte Königreich wäre nicht stärker, sondern schwächer – auch sein Einfluss auf die Spielregeln für Finanzmärkte und Banken würde zurückgehen, meint Bankenpräsident

„Three shirt summit“ ist in Brüssel eine feste Redewendung für schwierige Gipfeltreffen. Seit die EU im Flüchtlingskrisenmodus arbeitet, sind drei Hemden oder Blusen für die Staats- und Regierungschefs das Minimum im Reisegepäck. Ein für den Bestand der EU insgesamt sehr bedrohliches Thema wird aber nicht angemessen beachtet – obwohl es Potenzial hat, alle Europäer zum Kleiderwechsel zu zwingen, weil wir uns nämlich wärmer anziehen müssen, wenn am 23. Juni  die britische Bevölkerung für einen Austritt aus der EU stimmt. Es hat den Anschein, dass die Angst vor den Folgen eines Ausscheidens in Großbritannien immer mehr abnimmt, je länger wir über den Brexit reden. Doch warum lässt dieser Schicksalstag für Europa so viele Menschen, nur ein paar Wochen vor der Abstimmung, so kalt?

Seit der Geburt der europäischen Idee Anfang der 1950er Jahre war es leicht, sich als Pro-Europäer zu positionieren. Wenngleich auf die Brüsseler Zentralisten geschimpft wurde, so war klar, dass diese Union ein Garant für Frieden und Wohlstand ist. Von der Montanunion bis zu den Verträgen von Lissabon: Immer fand Europa auch in schwierigen Zeiten Antworten – auch, weil die meisten Entscheidungsträger leidenschaftliche Befürworter des europäischen Gedankens waren. Was hat sich also geändert, dass dieses Bekenntnis in die Minderheitenposition abdriftet?

Anzeige

An den harten Fakten kann es nicht liegen, denn Europa und seine Gemeinschaftswährung sind damals wie heute eine tragende Säule unserer finanziellen Stärke und des Friedens.

Wie das Referendum ausgehen wird, kann derzeit niemand abschätzen. Selbst unter den Befürwortern eines Austritts gibt es kein klares Ziel, sondern drei unterschiedliche Vorstellungen. Während eine Gruppe Großbritannien als eine Art „zweite Schweiz“ positionieren will, schlägt die zweite eine deutliche engere Anbindung an die USA vor. Nach dem Wunsch der dritten Gruppe sollte sich UK nach einem Austritt eher für einen globalen Freihandelsraum einsetzen.

Egal, welches Ziel die Unterstützer befürworten: tatsächlich würden bei einem Brexit alle verlieren, generationsübergreifend, auf viele Jahrzehnte, und vor allem: ohne Rückfahrkarte. Angesichts der aktuellen weltpolitischen Gemengelage muss es unser vitales Interesse sein, Europa als Einheit zu erhalten. Keine der aktuellen Krisen kann ein Land alleine lösen. Auch nicht Großbritannien. Und Europa ohne das Vereinte Königreich wäre nicht stärker, sondern schwächer – auch sein Einfluss auf die Spielregeln für Finanzmärkte und Banken würde zurückgehen.  

Europa hat uns mehr als 50 Jahre Stabilität und Frieden gegeben. Das gilt es zu bewahren. Wir sollten die Briten daher in Europa halten, weil wir letztlich nicht nur in der Außen- und Sicherheitspolitik, sondern auch in vielen anderen Politiken auf einander angewiesen sind. Leider wird es auch in den Eliten zunehmend schick, den Gedanken an eine weitere europäische Integration abzulehnen. Aber letztlich ist ein gemeinsames Europa der Kompromisse immer noch besser als vermeintlich starke Nationen, die die anstehenden Probleme nicht alleine lösen können.

Dr. Gunter Dunkel ist Präsident des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands, VÖB, Vorsitzender des Vorstandes der NORD/LB und seit 2010 Honorarkonsul des Vereinigten Königreiches Großbritanniens und Nordirland.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%