Gastbeitrag zu Frauen und Innovation: Quote fressen Fortschritt auf

Gastbeitrag zu Frauen und Innovation: Quote fressen Fortschritt auf

, aktualisiert 12. April 2017, 10:27 Uhr
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„Die Diskussion um die Frauenquote zeigt, wie verkrampft wir in vielen Führungsfragen immer noch denken“, findet der Autor und Führungsexperte Carsten K. Rath.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Frauenquote, findet unser Gastautor Carsten K. Kath, widerspricht dem Innovationsprinzip, weil sie nur neue Grenzen setzt, anstatt alte zu überwinden. Der Führungsexperte erklärt, warum sie nur den Zweiflern hilft.

DüsseldorfDer Entrepreneur Carsten K. Rath ist Keynote-Speaker und Autor zu den Themen Führung und Service. Rund um den Globus hat er Tausende Mitarbeiter geführt und gibt als viel gefragter Vortragsredner den unterschiedlichsten Unternehmen Impulse für Kundenbegeisterung. Als Managementberater ist er auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene international geschätzt und hat das Vertrauen erfolgreicher Unternehmer und Führungskräfte. Für unser Businessnetzwerk Leader.In hat der Gründer der LH&E Group diesen Gastbeitrag geschrieben.

Jede Innovation in der Führung muss gegen Billionen von Gegenstimmen verteidigt werden. Eine Kernkompetenz im Leadership ist deshalb die Fähigkeit, sich über Zweifel hinwegzusetzen. Die Frauenquote widerspricht dem Innovationsprinzip, denn sie setzt nur neue Grenzen, anstatt alte zu überwinden. Sie hilft nur den Zweiflern. Und wo die Einwände im Vordergrund stehen, rücken die Ergebnisse in den Hintergrund. Freiheit ist für mich der wichtigste Wert in der Führung. Nur wenn wir als Führungskräfte frei im Denken sind, können wir freie Menschen führen. Ich kämpfe für den Geist der Freiheit in den Führungsetagen, weil ich glaube, dass sie unser größtes Pfund auf dem Weg in die Märkte und die Arbeitswelt der Zukunft ist. Doch Freiheit herrscht nicht – noch nicht. Die Diskussion um die Frauenquote zeigt, wie verkrampft wir in vielen Führungsfragen immer noch denken. Wir umarmen die Holokratie, aber Frauen in der Führung sind noch immer ein Politikum. Nein, Freiheit herrscht nicht.

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Die Freiheit, die ich meine, ist vielgestaltig. Sie durchdringt jeden Aspekt der Führung, von der Entscheidungsfindung und Mitarbeiterführung über die Kommunikation und das Teambuilding bis hin zur Innovation. Mit Innovation meine ich dabei nicht etwa nur die Innovation auf der Produktebene, sondern auch die Innovation auf der Systemebene: Wie unsere Unternehmen aufgebaut sind, wie sie geführt werden und wie wir in Zukunft zusammenarbeiten werden.

Die Innovationskultur eines Unternehmens verlangt von Führungskräften ein hohes Maß an Unabhängigkeit im Denken, und darüber hinaus: ein hohes Maß an Durchsetzungsvermögen gegen all die Einwände der Verhinderer und der Excel-Taliban, denen wir als Führende bei jeder Veränderung ausgesetzt sind. Ich glaube: Sich über Zweifel hinwegsetzen zu können ist eine Kernkompetenz der Führung.


Eine unwürdige Debatte

Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass Überregulierung die Fußfessel des Fortschritts ist. Wir sollten nicht zu Veränderungen getragen werden müssen. Wir sollten sie selbstbestimmt und proaktiv anstreben, weil in der Bereitschaft zur Veränderung die Zukunftsfähigkeit unserer Unternehmen liegt. Wir sollten Innovation wollen, auch Innovation in der Führung unserer Unternehmen.

Deshalb finde ich es geradezu tragisch, wenn wir in einer so unstrittigen Frage wie der, ob unsere Führungsetagen mehr Frauen brauchen, auf Vehikel zurückgreifen anstatt selbstbestimmt die nötigen Maßnahmen anzuschieben. Eine Frauenquote ist nichts als eine weitere Benchmark, die den Kontrollfreaks unter den Managern hilft, die Vergleichbarkeit zu bewahren. Das Ergebnis: Ihre Unternehmen werden gleicher, anstatt sich mutig voneinander abzugrenzen – etwa auch in der Besetzung von Führungspositionen. Die Debatte um die Frauenquote ist eine tragische Debatte, die der Freiheit unseres Wirtschaftssystems nicht würdig ist.

Ich halte die Frauenquote für einen Irrweg. Zum einen weil ich glaube, dass sie nicht funktioniert. Sie wird nur dazu führen, dass krampfhaft eine Benchmark erfüllt wird, im Zweifel mehr schlecht als recht. Dem eigentlichen Ziel ist sie eher abträglich: Dass es egal ist, ob eine Führungskraft männlich oder weiblich ist. Und zum anderen halte ich die Quote für falsch, weil ich mich weigere zu akzeptieren, dass wir sie brauchen. Was wir brauchen, ist Freiheit im Denken. Wenn wir die haben, stellt sich nämlich gar nicht die Frage, ob das Geschlecht einer Führungskraft eine Rolle spielt. Dann fragen wir einzig und allein danach, wer die Ideen hat, die wir in unseren Unternehmen brauchen. Wo liegt das Potenzial für Innovation in der Führung? Wer sind die Pioniere, die uns voranbringen können?

Die großen Pioniere sind immer Freigeister gewesen. Wenn wir uns die großen Innovationen der Vergangenheit anschauen, stellen wir fest: Oft waren es Frauen, die entscheidende Veränderungen angestoßen haben. Nicht nur im politischen Sinne, nicht nur im Kampf um Gleichstellung, sondern eben auch und gerade auf der Ergebnisebene. Marie Curie ist bis heute die einzige Wissenschaftlerin, die zwei Nobelpreise in zwei unterschiedlichen Disziplinen errungen hat. Astrid Lindgren war so frei, den schwedischen Finanzminister zu entmachten – vielleicht nicht im Alleingang, wie es manchmal heißt, aber federführend – weil sie mit seiner ungerechten Politik nicht einverstanden war. Caroline Herschel, eine deutsche Astronomin, war die erste Wissenschaftlerin, die gegen alle Widerstände für ihre Arbeit als Forscherin bezahlt wurde. Lauter kreative Menschen, die sich durchgesetzt haben.

Was hatten diese Frauen gemeinsam? Den Mut, die Billionen Gegenstimmen auszublenden, die sagen: Es geht nicht. Das ist geistige Barrierefreiheit. Das ist die Eigenschaft, die wir in der Führung brauchen, um unsere Unternehmen in eine Zeit zu führen, in der alte Schubladen und künstliche Barrieren dem Erfolg im Weg stehen. Brauchen wir Frauen, andere Frauen, mehr Frauen in der Führung, um diesen Weg weiterzugehen? Nicht, weil sie Frauen sind. Doch viele Frauen kennen sich mit den Hürden auf dem Weg zu geistiger Barrierefreiheit zufällig ziemlich gut aus.


Die Relevanzfrage der Innovation

Woran bemisst sich denn, ob eine Veränderung in der Führung Sinn macht, oder jedwede Innovation? Am Ergebnis. Wenn ich selbst in meinen Unternehmen über Innovation nachdenke, lege ich dabei immer nur einen einzigen Maßstab an: den Kunden. Ob eine Veränderung in der Führung, in einem Produkt oder in der Struktur des Unternehmens Sinn macht, entscheidet sich anhand der Relevanz für den Kunden. Die einzige zielführende Frage, auch beim Thema Frauenquote, lautet: Was hat der Kunde davon?

Fragen nach der Machbarkeit sind keine Relevanzfragen, sondern operative Fragen. Die kommen später. Wenn wir sie in dem Moment, wo wir über eine Veränderung nachdenken, in den Vordergrund stellen, denken und handeln wir von vornherein umzingelt von Grenzen, Blockaden, Barrieren. Die Frauenquote ist genau so eine Barriere. Sie fragt nicht danach, was machbar ist, sondern schränkt unser Denken ein. Wenn wir uns an dieser Vorgabe entlangtasten, richten wir uns an einer Zahl aus. Einer Zahl, die keinerlei Bezug zur Relevanz dieser Maßnahme für den Kunden hat.

Deshalb möchte ich die Frage nach dem Wert von Frauen in der Führungsetage einmal anders stellen: Hat der Kunde – und damit die Unternehmen – etwas davon, wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gibt? Natürlich haben wir etwas davon, wenn Menschen mit Ideen in Führungspositionen sitzen. Das ist der Fokus. Eine Quote dagegen liefert den Männern in den Führungsetagen nur einen weiteren Paragrafen im Regelbuch der Political Correctness, mit dem sie sich schadlos halten können. Wo leben wir denn, dass eine Schwangerschaft strategischen Erwägungen dient, dienen darf?

Wenn wir Führungspositionen nach einer Quote besetzen, hilft uns das in der Sache nicht weiter. Den Frauen unter uns schon gar nicht. Für diejenigen, die in Führungspositionen aufsteigen, solange die Quote in Kraft ist, hat sie nur einen Effekt: Sie müssen mit dem Verdacht leben, dass sie aufgrund einer systemischen Vorgabe führen dürfen. Die Quote verhindert keine Diskriminierung – sie hilft ihr.

Wir brauchen keine Quote; wir brauchen den Mut zu führen. Den Mut voranzugehen. Denselben Mut, den Frauen in der Geschichte immer wieder hatten. Noch ein Jahrhundert nach Marie Curie fehlt uns der Mut, Führung anders zu denken. Nicht, weil wir nicht können oder nicht wollen – sondern weil wir an den Anfechtungen im System scheitern. Weil wir den Zweiflern nachgeben. Erst wenn wir keine Vorgaben brauchen, um Innovation in der Führung anzugehen, herrscht Freiheit.


Der Kunde braucht keine Quote

Ohne die Freiheit, sich von den Gegenstimmen unabhängig zu machen, bleibt echte Innovation ein frommer Wunsch. Dasselbe gilt für eine gleichberechtigte Führungskultur. Als Leader brauchen wir ein dickes Fell, wenn wir etwas verändern wollen – denn die Verhinderer werden nicht aufhören zu verhindern. Der Mathematiker und Autor Gunter Dueck hat das wunderbar beschrieben: Unternehmen haben genau wie unser Körper ein Immunsystem, das jede neue Idee erst einmal wie eine Störung behandelt. Die Kunst der Innovation, sagt er, besteht darin, neue Ideen unerschrocken, unerschütterlich und gegen alle Widerstände trotzdem durchzusetzen. „Trotzdem“ ist das Wort der Innovation.

Wenn Leadership Innovationen liefern soll, dann geht es nicht um die Eigenheiten des Systems. Dann geht es um das System an sich. Und wenn das System zur Disposition steht, dann stehen endlich auch die Barrieren infrage, die der Führung immer im Weg gestanden haben. Das ist die eigentliche Herausforderung an der Innovation als Führungsaufgabe: Dafür zu sorgen, dass neue Ideen auch tatsächlich umgesetzt werden, und nicht an Zweifeln scheitern.

Sehen wir es doch einmal so: Was denkt der Kunde wohl über die Diskussion um die Frauenquote in der Führung? Der Mensch, an dem wir als Leader unser Handeln ausrichten? Antwort: Gar nichts. Den Kunden interessieren die Schemata, auf denen wir Führung aufbauen, überhaupt nicht. Titel, Status, Hierarchie, Organigramm und Political Correctness sind für ihn belanglos. Den Kunden juckt es nicht, warum was wie entschieden wurde – oder von wem. Den digitalen Kunden gleich gar nicht. Das einzige, was ihn interessiert, ist das Ergebnis. Der Kunde braucht keine Quote. Warum sollten wir sie brauchen? Wir haben viel zu tun: Die Märkte, die Arbeitswelt, die Kundenbedürfnisse sind im Umbruch. Stattdessen arbeiten wir uns allen Ernstes noch immer an der Frage ab, ob wir mehr Frauen in der Führung brauchen. Eine Frage, die längst beantwortet ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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