Gebirge unter Wasser: Expedition zu den Unterwasser-Giganten

Gebirge unter Wasser: Expedition zu den Unterwasser-Giganten

, aktualisiert 22. April 2017, 10:48 Uhr
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Forscher an Bord der RRS James Cook während einer Seeberg-Expedition der IUCN, die im November 2011 in den südlichen Indischen Ozean führte. (Bild: Aurélie Spadone/IUCN/dpa)

Quelle:Handelsblatt Online

Gebirge mit Matterhorn-Dimensionen, aber hunderte Meter unter dem Meeresspiegel: Seeberge sind ein einzigartiger Lebensraum und noch fast völlig unerforscht. Jetzt bricht eine Expedition zu den Unterwasser-Giganten auf.

GlandEs ist ein komfortables Boot, die Gefilde sind tropisch, und ein französischer Küchenchef ist an Bord. Trotzdem sind keine Kapitänsdinner und Bälle in feinen Roben wie auf einem Kreuzfahrtschiff angesagt, wenn das französische Schiff „Marion Dufresne“ am 23. April von La Réunion im Indischen Ozean aus in See sticht. Das Forschungsschiff bringt mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler in eine unwirtliche Meeresregion, an einen 3000 Meter hohen unterseeischen Berg.

„Diese Seeberge sind ein bisschen wie Oasen“, sagt Aurelie Spadone, Meeresforscherin und Projektmanagerin der Weltnaturschutzunion (IUCN). „Das Meer ist zwar nicht wie eine Wüste, aber an diesen Bergen entwickeln sich ganz eigene, oft sehr artenreiche Ökosysteme.“ An Bord der „Marion Dufresne“ sind Wissenschaftler des französischen Museums für Naturgeschichte. Sie erforschen Wasserqualität und Salzgehalt, aber auch Lebewesen wie Fische oder Quallen.

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Unterseeische Gebirge sind gigantische zerklüftete Landschaften. „Da haben schon einige Matterhorn-Qualität“, sagt der Seeberg-Spezialist Bernd Christiansen von der Universität Hamburg. Manche Gipfel sind um die 5000 Meter hoch, es gibt riesige Plateaus, Tausende Meter abfallende Kliffs und steile Hänge. Mindestens 200.000 Berge über 1000 Meter hoch gibt es, schätzen Experten. Nur ein Bruchteil davon ist je untersucht worden – etwa drei Prozent, schätzt Spadone.

Manche liegen in so unwirtlichen Gegenden, dass Expeditionen kaum möglich sind. Eine solche Gegend ist etwa das Gebiet im Indischen Ozean, 2000 Kilometer südwestlich von Australien, in dem die 2014 mit 234 Menschen an Bord verschollene Malaysia-Airlines-Boeing MH370 vermutet wird. Trotz Spitzentechnologie und Unterwasservehikeln war die Suche nach dem Wrack vergeblich.

Diese Expedition der „Marion Dufresne“ geht an die Walters-Untiefen gut 800 Kilometer südlich von Madagaskar. Die Gipfel ragen dort bis zu 4750 Meter aus dem Meeresgrund. Zum Vergleich: Das Matterhorn ist 4478 Meter hoch. Das Besondere an diesem Unterwasser-Gebirge ist, dass manche Bergspitzen kaum 20 Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Das Wasser ist etwa 15 Grad warm. So können Wissenschaftler mit normaler Ausrüstung in den Ozean tauchen und die Hänge in Augenschein nehmen, auch wenn Hochseetauchen wegen der oft unberechenbaren Strömungen gefährlich sein kann.

„Seeberge sind besonders interessant, weil sie anders als der meist mit Schlick bedeckte Meeresboden Fels, Geröll, Algen und oft Seetang haben und dort ganz andere Lebensgemeinschaft leben“, sagt Christiansen. „An den Seebergen entstehen auch spezielle Strömungen sowie Auftrieb, mit völlig anderer Nahrungsversorgung der Lebewesen.“


Wilder Westen in internationalen Gewässern

Plankton, Algen, Nesseltiere wie Korallen – das alles lockt kleine Fische an, die wiederum große Fische anlocken. Das höchst artenreiche Korallendreieck zwischen Borneo, den Philippinen und Papua-Neuguinea in Südostasien gilt etwa als Kinderstube von Fischarten wie dem Thunfisch, die nur dort heranwachsen können – wenn Fischereiflotten dort nicht ihre riesigen Netze auswerfen.

„In solchen entlegenen Ökosystemen gibt es oft einen ganz eigenen Artenpool“, sagt Hauke Reuter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. „Der Austausch mit anderen Ökosystemen ist sehr begrenzt. Da kann man zu grundlegenden Erkenntnissen kommen, etwa wie spezifische Artengemeinschaften und Nahrungsnetze funktionieren. Wenn der Berg sehr isoliert ist, kann man womöglich einmalige evolutionäre Entwicklungen dokumentieren.“

Bei den Vereinten Nationen wird gerade über neue Regeln beraten, um das Seerechtsübereinkommen von 1994 zu stärken. Es bestimmt etwa, wie viele Kilometer Küstengewässer Länder als exklusive Wirtschaftszonen beanspruchen können.

„Aber in den internationalen Gewässern ist es ein bisschen wie im Wilden Westen“, sagt Spadone. Jeder mache, was er wolle. Im Sommer ist das nächste Expertentreffen in New York. Da will die IUCN mit den Expeditionsergebnissen belegen, wie einzigartig und deshalb schutzwürdig Seeberge sind.

„In diesen Ökosystemen gibt es Fische, die erst mit 30, 40 Jahren fortpflanzungsfähig sind“, sagt Spadone. „Und es gibt Korallenbäume, die in 1000 Jahren nur eineinhalb Meter groß geworden sind.“ Dieses Zeitlupentempo bedeute, dass eine Erholung praktisch unmöglich sei, wenn die Habitate einmal durch Schleppnetze zerstört oder die Lebewesen durch Überfischung dezimiert seien.

An den Walters-Untiefen ist das besonders brisant. Weil die Bergspitzen nur wenige Meter unter der Meeresoberfläche sind, tummeln sich dort Fische und sogar Seevögel. Kommerzielle Hochseeflotten haben schon mitbekommen, dass dort reiche Fischgründe sind.


Wertvolle Mineralien locken

Bei der Ausbeutung der Meere sind aber auch die Seeberge selbst im Visier, sagt Biologe Christiansen. Er hat im Atlantik und im Mittelmeer schon selbst Seeberge erforscht. Im Pazifik gebe es in etwa 1000 Meter Tiefe Berge mit Plateau, die einen Mineralienabbau möglich machten. Manche Berge hätten Ferromangankrusten, bei 20 Zentimeter Dicke werde der Abbau womöglich attraktiv.

„Aber wenn man diese Krusten abbaut, bleibt kein Auge trocken“, sagt er. Dann würden alle Organismen in Bodennähe zerstört. Deshalb sei der Schutz so wichtig. „Ich kann nur schützen, was ich verstehe und kenne“, sagt auch Reuter.

Mit der Crew dürften es rund 70 Menschen an Bord der „Marion Dufresne“ sein, sagt Spadone. Sie war bereits 2011 bei einer Expedition dabei, an Bord der „RRS James Cook“. Dieses Mal betreut sie die Expedition vom Sitz der IUCN in Gland bei Genf.

So viele Leute auf begrenztem Raum, das sei speziell. „Aber die „Marion Dufresne“ ist 120 Meter lang, da kann man sich leicht aus dem Weg gehen.“ Bis sich der Körper an das ständige Schwanken gewöhnt habe, hingen immer einige seekrank an der Reling. Ihr Tipp: „Immer etwas essen. Ohne etwas im Magen ist es noch schlimmer.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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