Gebrauchtwarenportal Rebuy: Europa-Expansion ohne „Ebay-Touch“

Gebrauchtwarenportal Rebuy: Europa-Expansion ohne „Ebay-Touch“

, aktualisiert 19. Januar 2016, 17:28 Uhr
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„Wir sind bei gebrauchter Elektronik schon europäischer Marktführer“, sagt Rebuy.

von Christof KerkmannQuelle:Handelsblatt Online

Wohin mit meinem alten iPhone? Aus dieser Frage hat Rebuy ein Geschäft gemacht. Jetzt startet von Berlin aus die Europa-Expansion. Das Portal kauft alte Elektronik – und macht es dabei anders als Ebay.

DüsseldorfWährend viele Firmen geruhsam ins neue Jahr starten, herrscht bei Rebuy derzeit Hochbetrieb. Das Berliner Unternehmen kauft gebrauchte Technik und Bücher an, um sie gewinnbringend wieder loszuschlagen. Nach Weihnachten wollen viele Beschenkte ihre alten Sachen loswerden – im Logistiklager kommen gerade stapelweise Pakete an. Und so mancher setzt sein Weihnachtsgeld in ein Smartphone oder Tablet um.

Das Management um Lawrence Leuschner hat derzeit aber aus anderen Gründen viel zu tun: Das Unternehmen will expandieren. Seit dem Jahreswechsel bietet es seinen Dienst auch in Frankreich an, weitere Länder sollen folgen. „Wir sind bei gebrauchter Elektronik schon europäischer Marktführer, obwohl wir bisher nur in Deutschland aktiv sind“, sagt Leuschner in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. „Jetzt wollen wir uns in Europa positionieren.“

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In diesem Jahr peilt der Firmenchef an, erstmals Waren im Wert von mehr als 100 Millionen Euro zu handeln. Es ist eine Expansion, die nach Einschätzung von Experten allerdings kostspielig werden dürfte.

Mit dem Gebrauchthandel hat Leuschner schon früh angefangen. Der Vater betrieb ein Import-Export-Geschäft für lateinamerikanische Handwerkskunst. Als der junge Lawrence spitz bekam, dass die Retouren auf dem Müll landeten, schaffte er sie zu einem Flohmarkt im Taunus und verkaufte sie dort weiter. Aus dieser Leidenschaft hat er ein Geschäft gemacht: 2004 gründete er mit vier Freunden zunächst das Portal Trade-a-Game, um mit gebrauchten Computerspielen zu handeln. Weil das Angebot immer breiter wurde, benannten die Gründer es 2009 in Rebuy um. Seit 2011 betrachten sie gebrauchte Elektronik als Kerngeschäft.

Die Idee ist immer noch die gleiche wie früher, die Abwicklung hat allerdings nicht mehr viel Trödel zu tun. Das fängt damit an, die richtigen Preise zu finden: „Man muss ein datengetriebenes Wissen aufbauen“, sagt Leuschner. Bietet der Händler zu viel, leidet seine Marge. Bietet er zu wenig, geht der Verkäufer zur Konkurrenz. Die Firma bemüht sich daher, große Datenmengen über viele Produkte zu sammeln.

Auch die Aufarbeitung der Geräte geht über einen Wisch mit dem Reinigungstuch hinaus. Das Unternehmen löscht alle Daten, spielt die aktuelle Software neu auf und legt neue Ladekabel bei. Der Akku wird nicht ausgetauscht, muss aber bestimmte Mindestanforderungen erfüllen. „Die Geräte sollen keinen Ebay-Touch haben“, sagt Leuschner. Als Zwischenhändler übernehme Rebuy Verantwortung für die Qualität – samt einem Kundenservice.

„Wir wollen Leute dafür sensibilisieren, dass man nicht immer alles neu kaufen muss, und noch schlimmer: Nicht alles wegwerfen muss“, sagt Leuschner. Die Firma schreibt sich die Nachhaltigkeit auf die Fahnen. Dafür lässt sie sich jedoch gut bezahlen.


Was Rebuy für ein iPhone zahlt

Wer derzeit ein iPhone 5s mit 64 Gigabyte Speicher anbietet, bekommt dafür maximal 344 Euro, bei Gebrauchsspuren und Beschädigungen auch deutlich weniger. Rebuy selbst verkauft dasselbe Modell derzeit für gut 380 Euro.

Solche Abschläge sind auch bei anderen Portalen wie Momox, Wirkaufens oder Asgoodasnew üblich, wie etwa ein Vergleich von Teltarif.de zeigt. Wer bei einem der Portale ein überarbeitetes Gerät kauft, darf auf Abschläge zwischen 10 und 50 Prozent hoffen – je neuer das Produkt, desto kleiner die Einsparung.

Rebuy profitiert davon, dass die Produktzyklen immer kürzer werden und viele Kunden gerne aktuelle Hardware wollen, während andere mit älteren Modellen zufrieden sind. „Für bestimmte Gerätetypen und Marken gibt es viel Potenzial“, sagt der Handelsexperte Gerrit Heinemann. Die Größe des Marktes sei schwierig zu beziffern, gebrauchte Elektronik, verkauft von Verbraucher zu Verbraucher, sei aber beispielsweise bei Ebay eine große Kategorie, erklärt der Professor für Betriebswirtschaftslehre von der Hochschule Niederrhein. Ware aus zweiter Hand ist ein erstklassiges Geschäft.

Das will Rebuy in diesem Jahr doppelt ausbauen. Zum einen sollen neuen Produktkategorien hinzukommen, etwa im Bereich der Wearables. Zum anderen ist der Schritt ins Ausland geplant. Neben Frankreich sollen in diesem Jahr weitere Länder hinzukommen, möglichst mit großer Smartphone-Verbreitung. „Wir sehen eine Chance, eine europäische Marke aufzubauen“, sagt Leuschner. Die Betreuung der Länder soll von der Zentrale in Berlin aus laufen, von der Logistik bis zur Kundenbetreuung.

Rebuy sieht sich selbst als Marktführer, in Deutschland wächst das Geschäft um jährlich 25 Prozent. Der Wettbewerb ist indes groß, neben anderen Ankaufportalen buhlt beispielsweise auch Ebay um die Kundschaft. „Die generelle Herausforderung bei Markplatzmodellen besteht darin, gegen die großen Plattformen mit ihren bekannten Namen und ihrer hohen Besucherfrequenz anzukommen“, sagt Handelsexperte Heinemann. Das erfordere hohe Investitionen ins Marketing – und die seien teuer. Ein Problem sieht er auch im Preisverfall auf dem Smartphone-Markt: Chinesische Firmen wie Huawei bringen neu hochwertige Geräte zu Kampfpreisen auf den Markt.

Das ist dem Unternehmen klar. Trotz eines Umsatzwachstums bei der Elektronik von 35 Prozent im vergangenen Jahr ist das Kerngeschäft erst „nahe der Profitabilität“. Für 2016 plant Rebuy daher mit einem noch stärkeren Plus bei den Erlösen.

Zu der Wachstumsgeschichte gehören auch neue Investoren: Zu den aktuellen Anteilseignern zählen SAP-Mitgründer Hasso Plattner und die Firma Iris Capital. Die Mehrheit am Unternehmen haben die Gründer inzwischen abgegeben – das ist der Preis des Wachstums. Dafür ist im nächsten Weihnachtsgeschäft vermutlich noch mehr los im Logistikzentrum.

Quelle:  Handelsblatt Online
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