Gebührenärger bei Volksbanken: Jetzt kommen die Strafzinsen

Gebührenärger bei Volksbanken: Jetzt kommen die Strafzinsen

, aktualisiert 06. Juni 2017, 20:11 Uhr
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Immer mehr Genossenschaftsbanken führen Strafzinsen für Privatkunden ein.

von Felix HoltermannQuelle:Handelsblatt Online

Es ist ein Tabubruch: Immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken erheben Minuszinsen. Die gelten nicht mehr nur für Millionäre – Sparer zahlen teilweise schon ab dem ersten Euro drauf. Und das dürfte erst der Anfang sein.

DüsseldorfPlötzlich geht es ganz schnell: Vor einem Jahr hatte die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee erstmals Minuszinsen fürs Tagesgeld ab 100.000 Euro eingeführt. Betroffen waren knapp 140 Kunden und die deutschen Banken erklärten den Schritt rasch zur Ausnahme. Eine neue Erhebung zeigt jetzt aber: Strafzinsen auf Guthaben werden vom Tabubruch zur Regel. Und Vorreiter sind erneut die Genossenschaftsbanken.

Das Preisvergleichsportal Verivox hat eine erste Übersicht über Volks- und Raiffeisenbanken mit Minuszinsen erstellt. Sie liegt dem Handelsblatt vorab vor. Bei aktuell 972 deutschen Genossenschaftsbanken stellt sie nur einen Ausschnitt dar – zeigt aber, wohin die Reise geht. Kunden müssen damit rechnen, dass ihre Hausbank Sparen nicht mehr belohnt, sondern bestraft.

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Die Strafzinsen auf Einlagen, auch „Verwahrentgelte“ genannt, sind dabei nicht gering. Im Gegenteil: Sie bewegen sich in einer Höhe von minus 0,3 bis minus 0,5 Prozent. Je nach Bank fallen sie auf Girokonten an, aber auch auf beliebten Sparprodukte, etwa auf Tagesgeld- und Festgeldkonten.

Die Volksbank Reutlingen setzt auf den Rundumschlag. Hier greifen die neuen Strafzinsen von minus 0,5 Prozent laut Preisübersicht schon ab dem ersten Euro auf dem Girokonto und ab 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto („VR-FlexGeld“). Wer auf dem Festgeldkonto („VR-AnlageGeld“) 25.000 Euro für ein halbes Jahr parkt, zahlt minus 0,25 Prozent Zinsen, und selbst wer sein Geld für ganze zwei Jahre der Bank überlässt, zahlt immer noch drauf und muss ein Entgelt von minus 0,1 Prozent berappen.

Die Volksbank Reutlingen bewirbt ihre Sparprodukte denn auch gar nicht mehr mit der Verzinsung, sondern hebt ganz auf den Faktor Sicherheit ab: „Legen Sie Ihr Geld als Festgeld an. (...) Genau das Richtige, wenn Sie eine sichere Anlagevariante ohne Kursrisiko suchen“, heißt es auf der Homepage. Dass eine Anlageform mit negativer Verzinsung bei Inflationsraten zwischen 1,5 und 2,0 Prozent freilich alles andere als sicher ist, erwähnt die Bank nicht. Gegenüber dem Handelsblatt erklärt eine Sprecherin: „Angesichts des anhaltenden Niedrizingsniveaus mit all' seinen belastenden Auswirkungen für uns als regionale Bank haben wir in der Tat Negativzinsen eingeführt“. Genauer gesagt seien „die formalen, vertraglichen Voraussetzungen dafür“ geschaffen worden. Die Einführung von Negativzinsen beziehe sich aber nur auf Kontoneueröffnungen. Bisherige Privatkunden seien „in der großen Breite“ nicht betroffen.

Ob bei Neu- oder bei Bestandskunden: Andere Genossenschaftsbanken erheben erst ab einer Schwelle Verwahrentgelte: Bei ihnen greifen die Negativzinsen ab 100.000 Euro (so etwa bei der VR-Bank Mittelsachsen, der Volksbank Stendal und der Raiffeisenbank Gmund), ab 250.000 Euro (wie bei der Volksbank Norderstedt), oder sogar erst ab 500.000 Euro (VR-Bank Donau-Mindel, Volksbank Ermstal-Alb, Skatbank).

Kleinsparer sind dennoch betroffen: Viele Banken haben in den vergangenen Monaten kräftig an der Gebührenschraube gedreht – und früher üppige Zinsen auf einen Minimalwert, oft 0,0 Prozent, abgeschmolzen. Durch kreative Entgeltgestaltung zahlen viele Sparer de facto schon heute Negativzinsen, auch wenn sie die Bank nicht ausweist. Ein typisches Beispiel ist die Preisgestaltung der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien: Diese gewährt zwar immer noch homöopathische 0,01 Prozent Zinsen auf manche Einlagen, erhebt jedoch gleichzeitig laut Verivox Kontoführungsgebühren zwischen fünf und 50 Euro. So rutscht die Realverzinsung ins Negative.

Als weitere Einnahmequelle haben viele Volksbanken und Sparkassen neue, kreative Gebührenmodelle fürs Geldabheben entdeckt, wie bereits Ende März berichtet. Sind die Minuszinsen nun der nächste Schritt? „Hier kann man von einem Trend sprechen“, urteilt Thomas Beutler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Saarland. „Das Niedrigzinsniveau hält sich hartnäckig und die Banken leiden darunter.“ Eine Zeit lang könnten diese die Phase zwar kompensieren. Je mehr hochverzinste Altanlagen der Bank jedoch ausliefen, desto mehr spitze sich die Problematik zu, so Beutler.


Schuld ist die EZB, so die Banken

Die Einführung von Strafzinsen kommt für viele Privatkunden überraschend. Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken hatten lange Zeit versprochen, die deutschen Sparer vor den Folgen der Niedrigzinsen abzuschirmen. Damit ist jetzt Schluss. Zwar erheben fast alle Institute schon seit Jahren Verwahrentgelte für Groß- und Firmenkunden. Doch noch vor einem Jahr hatte der Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) erklärt, die Genossenschaftsbanken wollten ihre Privatkunden vor Strafzinsen bewahren.

„Ich glaube nicht, dass wir auf absehbare Zeit im deutschen Privatkundengeschäft in der Breite Negativzinsen sehen werden“, beteuerte BVR-Präsident Uwe Fröhlich im Juni 2016 gegenüber der Börsen-Zeitung. „Die Schwelle, ins Negative zu gehen gegenüber dem Privatkunden, ist sehr, sehr hoch.“ Es drohe auch die Abwanderung von Anlegern zur Konkurrenz im Ausland, so Fröhlich damals. „Die Kunden in Deutschland werden sich das in der Breite nicht gefallen lassen.“

Heute erklärt der BVR Auf Handelsblatt-Anfrage die Europäische Zentralbank (EZB) zum Hauptschuldigen: „Negativzinsen für Kunden sind die direkte Folge der seit Jahren betriebenen Geldpolitik der EZB, die Negativzinsen von Kreditinstituten verlangt. Einige Institute versuchen, die direkten Folgen in Form einer Mischkalkulation abzumildern. Je länger die verkehrte Geldpolitik der EZB anhält, desto schwieriger wird dies für die Banken.“ Dies gelte insbesondere für einlagenstarke Kreditinstitute.

Tatsächlich treffen die Niedrigzinsen besonders die Volksbanken hart. „Genossenschaftsbanken verfügen traditionell über hohe Kundeneinlagen. Bei fehlendem Kreditgeschäft schlägt der Negativzins dann für diese Banken besonders durch“, erklärt Finanzexperte Beutler. „Die höheren laufenden Geschäftskosten durch Filialen und Personal fallen immer mehr ins Gewicht.“

Gerade in Süd- und Südostdeutschland, wo viele Institute die Minuszinsen entdecken, sitzen die fleißigsten Sparer. Ausgerechnet sie müssen nun zahlen. Wobei: Kunden könnten ja auf andere Anlageformen ausweichen, sagt der BVR. Genossenschaftsbanken berieten ihre Kunden „aktiv, wie Negativzinsen durch alternative Anlageformen vermieden werden können.“

Die betroffenen Institute vor Ort wollen sich meist nicht über ihre Erfahrungen mit den Strafzinsen äußern. Auf die Frage nach den Reaktionen der Kunden verweist etwa der Vorstand der Volksbank Stendal, Ingo Freidel, auf den Bundesverband in Berlin – und erklärt: „Als einzelne regionale Kreditgenossenschaft wollen wir keine weiteren Stellungnahmen zu dem Thema abgeben.“ Andere Genossenschaftsbanken ließen die Anfrage bis zum Dienstagabend unbeantwortet.

Dafür reagiert die Politik auf den Trend. Gegenüber dem Handelsblatt erklärt die finanzpolitische Sprecherin der CDU/CSU im Bundestag, Antje Tillmann: „Es wird Zeit, dass die geldpolitische Wende eingeleitet wird und zumindest die Negativzinsen abgeschafft werden. Die Banken haben in den vergangenen Jahren anderweitiges Einsparpotenzial ausgeschöpft, um die immer belastendere Zinspolitik der EZB auszugleichen.“ Sie könne nachvollziehen, dass für Großanleger Negativzinsen anfielen, sagt Tillmann. „Ich appelliere aber auch weiterhin an die Banken, diese Belastung nicht an private Kleinsparer weiterzugeben.“


Dabei geht es besser – auch unter den Genossen

Klar ist: Sparer, die etwa eine Erbschaft gemacht haben und kurzfristig Geld bei der Bank parken müssen, sind die großen Verlierer der Minuszinsen. Verbraucherschützer kritisieren unter anderem die Art und Weise, wie die Entgelte eingeführt worden sind – oft heimlich, still und leise, ohne detaillierte Information der Kunden.

Tatsächlich finden sich die Zinsangaben oft nicht direkt sichtbar auf der Homepage, sondern kleingedruckt im Preisverzeichnis. Manche Volksbanken stellen noch nicht einmal diese Übersicht ins Internet, sondern verweisen auf den Aushang in der Filiale. Und auch dort, wo man das Preisverzeichnis im Netz findet, gleicht dieses oft eher einem Info-Dschungel, denn einer gut lesbaren Übersicht zu allen Produkten.

Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland kritisiert diese Praktiken: „Wenn ein Girokonto negativ verzinst ist, dann handelt es sich um einen wesentliche Leistung, die im Preisaushang veröffentlicht sein müsste.“ Da Konditionen von Spareinlagen aber nicht online publiziert werden müssten, werde der Kostenvergleich für Verbraucher ohnehin zum Problem.

Auch der Genossenschafts-Branchenverband BVR betont: „Alle Banken sind verpflichtet, ihre Zinsangaben im Preis- und Leistungsverzeichnis auszuweisen, so dass Kunden die Möglichkeit haben, sich über ihre jeweils aktuellen Konditionen zu informieren.“

Eine besser Information benötigt aber auch aktivere Kunden. Finanzexperte Beutler rät: „Als mündiger und aufgeklärter Verbraucher darf ich mich nicht alleine auf die Empfehlungen der Bank oder des Vermittlers verlassen.“ Stattdessen sei die Streuung des Vermögens gefragt. Statt das eigene Geld dauerhaft auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto zu parken, rät Beutler unter anderem zu einem Investment in transparente und kostengünstige Indexfonds.

Und was sollen Sparer tun, die Angst vor dem Aktienmarkt haben, von ihrer Bank aber über Gebühren oder Strafzinsen zur Kasse gebeten werden? Ihnen raten Verbraucherschützer zu einem klaren Schritt: zum Wechsel der Hausbank. Es gibt nämlich noch Institute mit attraktiven Angeboten für Privatkunden – auch unter den Genossenschaftsbanken, wie ein aktueller Zinsvergleich des Internetportals Verivox zeigt. So bietet etwa die PSD-Bank Niederbayern-Oberpfalz bei einer Anlage von bis zu 10.000 Euro einen Zinssatz von 0,6 Prozent – und damit fast einen Prozentpunkt mehr als die Volksbank Reutlingen. Strafzinsen: Fehlanzeige.

Aktiv werden, die Hausbank wechseln: Das ist im Zweifel der beste Weg, um möglichen Minuszinsen zu entkommen. Auf jeden Fall ist es besser, als auszuharren und auf eine sparerfreundliche Geldpolitik zu hoffen. Denn die dürfte noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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