Gefälschte Rechnungen und Export-Einbruch: Wie schlimm steht es um China?

Gefälschte Rechnungen und Export-Einbruch: Wie schlimm steht es um China?

, aktualisiert 04. März 2016, 09:33 Uhr
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Der Außenhandel des Exportweltmeisters Chinas ist im Januar eingebrochen. Die Daten deuten auf eine weitere Abkühlung der Konjunktur in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hin.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Pekings Außenhandel bricht überraschend ein, gleichzeitig fließt immer mehr Kapital ab. Auch die deutschen Exporte sind erstmals rückläufig. Doch nicht alle Einfuhren nach China sind gesunken.

PekingDie Daten sind deutlich schlechter als befürchtet: Der Außenhandel des Exportweltmeisters Chinas ist im Januar eingebrochen. Die Daten deuten auf eine weitere Abkühlung der Konjunktur in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hin. Die Ausfuhren sanken im Vergleich zum Januar des Vorjahres um 6,6 Prozent, wie die Zollverwaltung Mitte Februar in Peking mitteilte.

Dabei hatten Analysten nur einen Rückgang um 3,6 Prozent erwartet. Bei den Importen fiel der Rückgang mit einem Minus von 14,4 Prozent noch deutlicher aus. Insgesamt ging der Außenhandel um 9,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Im Handel mit Berlin gingen Ein- und Ausfuhren sogar um 13 Prozent zurück. Eine besondere Brisanz liegt jedoch in einer anderen Zahl: Während Einfuhren aus fast allen Ländern der Welt zurückgingen, nahmen sie aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong um gewaltige 119,9 Prozent zu, das zeigen Daten der Zollverwaltung.

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Der gewaltige Anstieg ist auf „heißes Kapital“ zurückzuführen, sagt Shen Jianguang vom Hongkonger Vermögensverwalters Mizuho Securities. „Gefälschte Rechnungen verschleiern Kapitalabflüsse“, erläutert der Ökonom. Mit gefälschten Rechnungen könnten Unternehmen Kapital an den strengen Kontrollen vorbei außer Landes schaffen. Dazu stellten Dienstleister in Hongkong gefälschte Rechnung aus, die von Firmen auf dem chinesischen Festland bezahlt würden. So fließt Kapital aus Festlandchina nach Hongkong, von wo aus es mit weniger Einschränkungen international weiterverteilt werden kann.

Der Trick ist chinesischen Behörden seit Jahren bekannt. Immer wieder hatte die Zollverwaltung strengere Kontrollen angekündigt, um den illegalen Kapitalfluss einzudämmen. Die massiv gestiegenen Importzahlen aus Hongkong im Januar deuten jedoch darauf hin, dass das Geschäft mit den „heißem Kapital“ drastisch gestiegen ist. Denn die frisierten Rechnungen tauchen als Käufe von Produkten und Dienstleistungen in der Außenhandelsstatistik auf.


Der rasante Abfluss von Kapital

Seit Monaten versuchen chinesische Behörden den Abzug von Kapital einzudämmen. Alleine im Januar sind laut Berechnungen des Institute for International Finance 113 Milliarden Dollar aus China abgeflossen. Im vergangenen Jahr belief sich der Abfluss laut Hochrechnungen auf 676 Milliarden Dollar. Während China über lange Zeit deutliche Zuflüsse verzeichnen konnte, fällt die Kapitalbilanz seit 22 Monaten negativ aus.

Die Lage habe dramatische Ausmaße angenommen, davon ist Finanzwissenschaftler Michael Pettis von der Peking-Universität überzeugt. „Der Kapitalabfluss war massiv im vergangen Jahr“, sagt Pettis. Zwar sei dafür nicht nur Kapitalflucht verantwortlich. Einige Firmen reduzierten auch ihre in Fremdwährungen gemachten Schulden, da sie von einem fallenden Wechselkurs der chinesischen Währung ausgingen. „Was jedoch wirklich zählt ist, ob die Zentralbank in der Lage ist, mit der Situation umzugehen“, sagt Pettis.

Derzeit versuche die Zentralbank, den Wechselkurs zu stützen. Aber wenn der rasante Abfluss von Kapital anhalte, sei langfristig auch der gewaltige Schatz von mehr als 3,2 Billionen Dollar chinesischer Devisenreserven irgendwann erschöpft. „Die Zentralbank hat nicht viel Spielraum. Was bleibt, ist vor allem die Verschärfung von Kapitalverkehrskontrollen“, argumentiert Pettis. Doch das ist oft leichter gesagt als getan, sagt der Finanzwissenschaftler. Die Importzahlen aus Hongkong sind ein Hinweis darauf, dass etwa die Praxis mit gefälschten Rechnungen offenbar weiter viel genutzt wird.

Der Einbruch der Außenhandelszahlen könnte auch ein Hinweis auf Chinas Reformschritte sein, argumentiert hingegen Commerzbank-Analyst Hao Zhou. „Die schwachen Importzahlen stehen im Einklang mit der neuen politischen Initiative zur Beseitigung alter Überkapazitäten und deuten zudem darauf hin, dass die Investitionen im Inland niedrig bleiben dürften“, schreibt Zhou in einer Analyse. „Damit dürfte die chinesische Währung immer noch unter Abwertungsdruck stehen.“


Anti-Dumping-Zölle

Selbst Chinas Ministerpräsident Li Keqiang hat die Überproduktion in vielen Branchen, wie etwa im Stahlsektor oder der Zementindustrie, zum Problem erklärt. Unrentable Firmen dürften nicht länger mit günstigen Krediten von Staatsbanken oder Subventionen der Lokalregierungen gestützt werden, hatte Li kürzlich angekündigt.

Im vergangenen Jahr belief sich die Überproduktion im Stahlsektor auf 160 Millionen Tonnen, in der Zementindustrie auf 300 Millionen Tonnen, berichtete kürzlich das chinesische Finanzmagazin Caijin. Billige Stahlimporte aus China hatte in Europa bereits einen Preisverfall ausgelöst. Auf Druck von europäischen Wirtschaftsministern hatte die EU Anfang Februar ein Schutzprogramm aufgelegt. Auf bestimmte Einfuhren aus China sollen Anti-Dumping-Zölle erhoben werden, kündigte die Kommission an.

Die Staatsführung hat der Wirtschaft in dem bevölkerungsreichsten Land der Wirtschaft einen Umbau verordnet. Das Wachstum war im vergangenen Jahr mit 6,9 Prozent so langsam wie seit einem Vierteljahrhundert ausgefallen. Allerdings waren die Schulden von Behörden und Firmen in China mehr als doppelt so schnell gewachsen. Den gigantischen Schuldenberg sieht Finanzwissenschaftler Pettis als größtes Risiko für die zweitgrößte Volkswirtschaft. Kredite seien über Jahre in unrentable Branchen geflossen. „Wenn aber jetzt Fabriken geschlossen und Arbeiter entlassen werden, geht das Wachstum weiter zurück und der Konsum leidet“, sagt Pettis.

Mit der Lösung eines Problems würde die Regierung ein anderes verursachen. Die Privatisierung von Staatsunternehmen könne ein Weg sein, um das Problem zu lösen. „Aber mächtige Interessengruppen stellen sich dem entgegen“, sagt Pettis.

112 der größten Staatsfirmen werden von der mächtigen Behörde Sasac überwacht. „Privatisierungen sind ein heikles Thema“, räumt ein Beamter aus dem Umfeld von Sasac ein, der anonym bleiben will. Seit Jahren werde über den weiteren Weg der Staatsbetriebe gerungen. Aber mit Blick auf die internationale Expansion chinesischer Firmen sei es wahrscheinlicher, dass die Macht der Staatsbetriebe gestärkt werden und weniger, dass sie privatisiert würden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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