Gefühlschaos nach Brexit-Votum: Die große Reue der Briten

Gefühlschaos nach Brexit-Votum: Die große Reue der Briten

, aktualisiert 28. Juni 2016, 13:10 Uhr
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Es gibt Petitionen an das Parlament, Großdemonstrationen in mehreren Städten und verzweifelte Rufe nach einer zweiten Chance – auch vier Tage nach der historischen Entscheidung ist die Katerstimmung in Teilen der Bevölkerung noch lange nicht verschwunden.

von Carsten Herz und Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Bedauern und Entsetzen, Wut und Angst – das EU-Referendum hat eine ganze Reihe von Briten in ein Gefühlschaos gestürzt. Der Jammer ist groß, einige hoffen auf eine zweite Abstimmung.

LondonIhre Gefühle sind ihr nicht so ganz geheuer: „Ich mach mir wirklich sorgen, ob der Brexit mich altenfeindlich gemacht hat“, gesteht eine junge Britin einer „Guardian“-Journalistin. „Ich hab dieses ältere Paar vorhin in der Straße gesehen und da kam eine Wutwelle in mir hoch.“ Wut auf das Paar und die gesamte Generation, die schon fast körperlich zu spüren gewesen sei, gesteht die Frau.

Die britische Seele ist in einem Gefühlschaos – am Tag fünf nach dem EU-Referendum, bei dem 52 Prozent der Briten sich für einen Abschied aus der Staatengemeinschaft ausgesprochen haben, hadern etliche mit dieser Entscheidung, vor allem die jüngere Generation, die sich mehrheitlich für den Status quo ausgesprochen. Doch auch einer ganzen Reihe von Briten, die eigentlich das andere Lager unterstützte, ist nicht nach Jubel zumute. Stattdessen macht sich teilweise Reue breit, weil einige offenbar für einen Brexit gestimmt zu haben, ohne damit gerechnet zu haben, dass es wirklich dazu kommt.

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„Meine Entscheidung basiert auf falschen Voraussetzungen“, bekannte beispielsweise eine 78-Jährige Briten im Gespräch mit der BBC. Sie wolle eigentlich den Austritt aus der EU nicht wirklich und sei jetzt geschockt über den Ausgang des Referendums. Sie hofft daher auf eine zweite Abstimmung. Ähnlich äußerten sich zahlreiche andere Briten über den Kurznachrichtendienst Twitter und in Leserbriefen an britische Zeitungen.

So schrieb Mike Whittle der „Times“. Er habe aus Solidarität mit den zahlreichen Menschen, die im industriellen Brachland lebten und von der Politik vergessen worden seien, für einen Brexit gestimmt. Aber das sei „ein großer Fehler” gewesen. „Wir müssen jetzt das Votum akzeptieren und das Beste aus dem machen, was jetzt als nächstes passiert.“ Aber auch Whittle hätte nichts dagegen, den schlechten Ausgang des Referendums zu ändern.

Der Jammer ist groß. Neue Worte, die das Umschreiben, machen jetzt die Runde: „Bregret“ ist das eine, damit distanzieren sich Briten von einem EU-Austritt. „Regrexit“ beschreibt das andere Phänomen, die schnell anschwellende Reue über das Austrittsvotum. Es gibt Petitionen an das Parlament, Großdemonstrationen in mehreren Städten und verzweifelte Rufe nach einer zweiten Chance – auch fast eine Woche nach der historischen Entscheidung ist die Katerstimmung in Teilen der Bevölkerung noch lange nicht verschwunden.


Doch die Reue kommt wohl zu spät

Als erster britischer Minister brachte Jeremy Hunt ein weiteres Referendum ins Spiel, um einen Exit vom Brexit durchzusetzen. Eine zweite Volksabstimmung könnte stattfinden, wenn Großbritannien eine Übereinkunft mit der EU über die Kontrolle der Zuwanderung schließe, sagte der Gesundheitsminister. In einem von der britischen Tageszeitung „Daily Telegraph“ veröffentlichten Brief schrieb Hunt, der neue Regierungschef solle die Chance erhalten, mit der EU zu verhandeln, bevor Großbritannien einen Antrag auf Austritt stelle. Bevor die Uhr zu ticken beginne, müsse ein Abkommen mit der EU erreicht und dann der britischen Bevölkerung vorgelegt werden, erklärte der Minister. Dies könne durch ein zweites Referendum oder im Wahlprogramm der Konservativen für eine neue Parlamentswahl geschehen.

Doch die Reue kommt wohl zu spät. Der scheidende Premierminister David Cameron erteilte in seiner Rede vor dem Parlament am Montagabend den Bestrebungen, einen Austritt aus der EU doch noch abzuwenden, eine klare Absage. „Die Entscheidung muss akzeptiert werden und der Prozess, die Entscheidung bestmöglich umzusetzen, muss jetzt beginnen“, betonte er vor den Abgeordneten. Er habe das Ergebnis nicht gewollt, es könne aber nicht angezweifelt werden.

Umso größer ist in Großbritannien bei vielen Briten nun die Trauer um den beschlossenen Ausstieg. Nach einer Umfrage für die Sonntagszeitung „Mail on Sunday“ bedauern sieben Prozent der Befragten, für „Leave“, also für den Austritt aus der EU, gestimmt zu haben. Das macht immerhin rund 1,13 Millionen Wähler aus. Es ist Missbehagen, das sich inzwischen in vielen Arten Bahn bricht – vor allem auch in den sozialen Medien und online.
Mehrere Millionen Briten fordern inzwischen in einer Online-Petition eine zweite Abstimmung.

Die Petition wirbt für ein zweites Referendum, mit dem die Brexit-Entscheidung der vergangenen Woche rückgängig gemacht werden könnte, und sorgte in den vergangenen Tagen für viele Schlagzeilen. Gestartet hatte die Petition ursprünglich ein Befürworte des Austritts aus der EU: Der Aktivist William Oliver Healey hatte sie im Mai ins Leben gerufen, als die Umfragen noch eine Mehrheit für ein Verbleiben in der EU voraussagten. Doch mindestens Zehntausende der abgegebenen Stimmen waren offenbar gefälscht.

Ganz real und genau überprüfbar werden wohl die Zahlen der Menschen sein, die am Dienstagabend in mehreren britischen Städten an Großdemonstrationen teilnehmen wollen. Unter dem Motto „Stand together“ (Steht zusammen) werden allein mehrere zehntausend Menschen am Trafalgar Square in der britischen Hauptstadt erwartet. Die Veranstaltung wurde zwar kurzfristig auf Facebook wieder abgesagt. Es dürfte viele Teilnehmer dennoch nicht davon abhalten, auf den zentralen Platz der britischen Metropole zu kommen. Viele möchten ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen.

„Ich würde zurück zum Wahllokal gehen und fürs Bleiben stimmen, einfach, weil jetzt die Realität deutlich wird“, sagte eine Studentin dem Fernsehsender ITV. Ein anderer Brexit-Wähler gestand: „Ich dachte nicht, dass meine Stimme allzu viel Gewicht haben würde, weil ich geglaubt, habe, wir würden sowieso drin bleiben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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