Geldautomat wird 50: Mit zehn Pfund „für ein wildes Wochenende“ fing es an

Geldautomat wird 50: Mit zehn Pfund „für ein wildes Wochenende“ fing es an

, aktualisiert 26. Juni 2017, 12:33 Uhr
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Der Vize-Chairman der Barclays Bank, Sir Thomas Bland, startet am 27. Juni 1967 ein neues Zeitalter für den Zahlungsverkehr: Die Kunden der Bank können den weltweit ersten Geldautomaten nutzen. Zur Identifikation war keine Magnetkarte notwendig, sondern ein Scheck, dessen Identifikationsnummer mit radioaktivem C 14 imprägniert war und der dann vom Automaten einbehalten wurde. Ausgezahlt wurden maximal zehn Pfund.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Vor 50 Jahren nahm Barclays den ersten Geldautomaten in Betrieb. Die Erfindung hat das Bankgeschäft radikal verändert. Täglich werden Milliarden abgehoben – und in Spanien sogar Fußballtickets am Automaten gezogen.

LondonEs war die Verzweiflung seines Sohnes, die ihn auf die Idee brachte. John Shepherd-Barron brauchte an einem Samstag Bargeld. „Das war wichtig, um mir mein Taschengeld auszuzahlen, das ich mir mit Rasenmähen verdient hatte“, wird sein Sohn Jahrzehnte später der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ erzählen. „Doch die Bank machte uns die Tür direkt vor der Nase zu.“ Shepherd-Barron und sein Sohn waren eine Minute zu spät dran. Die Idee, ein Gerät zu entwickeln, an dem man sich jederzeit Bargeld holen kann, war geboren.

Am 27. Juni 1967 war es soweit. Die britische Großbank Barclays nahm den ersten Geldautomaten in Betrieb, die so genannte Automated Teller Machine (ATM), in einer Filiale im Londoner Vorort Enfield. Eine Plakette erinnert bis heute an die Erfindung des inzwischen verstorbenen John Shepherd-Barron. Der Brite arbeitete eigentlich bei dem Traditionsunternehmen De La Rue, das Banknoten und Sicherheitsdokumente druckte.

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Der einstige Chef der US-Notenbank Fed, Paul Volcker, bezeichnete den Geldautomaten kurz nach Ausbruch der Finanzkrise 2009 als „die einzige nützliche Innovation, die die Finanzbranche über Jahrzehnte zustande gebracht hat“. Dass sie ausgerechnet von einem Briten stammt, macht einigen in der Branche heute Mut: Neue Produkte zu erfinden, werde London helfen, schädliche Folgen des britischen EU-Austritts zu kompensieren, ist Sushil Saluja, Finanzexperte bei der Beratungsgesellschaft Accenture, überzeugt.

Geldautomaten können inzwischen deutlich mehr, als die Bargeldversorgung außerhalb der Banköffnungszeiten sicherzustellen. „In Spanien kann man sich am ATM Tickets für Fußballspiele besorgen, in den USA Briefmarken“, sagt Salujas Kollege Jeremy Light. Obwohl die Geräte in Großbritannien, dem Heimatland ihres Erfinders, auf solche Services nicht eingestellt seien, hätten sie noch lange nicht ausgedient.

Sie würden zumindest einen Teil der Bankdienstleistungen in Regionen sicherstellen, in denen Filialen geschlossen worden seien, so Light von Accenture. Und obwohl bargeldloses Zahlen kontinuierlich zunimmt, Bargeld bleibt den Briten wichtig. So werden im Durchschnitt 192 Milliarden Pfund pro Jahr an Geldautomaten auf der Insel abgehoben – und diese Zahl hat sich seit etwa zehn Jahren nicht verändert. Das geht aus Statistiken von Payments UK hervor, einer britischen Branchenorganisation für den Zahlungsverkehr.

Zugenommen hat dagegen die durchschnittliche Summe, die Kunden an einem Geldautomaten abheben. Diese ist auf etwa 70 Pfund gestiegen. Als der allererste Kunden vor 50 Jahren die Maschine nutzte, konnte er gerade mal zehn Pfund ziehen. Barclays ließ damals den britischen Schauspieler Reg Varney den Automaten zum ersten Mal ausprobieren. Damals hätten die zehn Pfund durchaus „für ein wildes Wochenende“ gereicht, erklärte Erfinder Shepherd-Barron später in einem BBC-Interview.

In Deutschland war es die Kreissparkasse Tübingen, die am 27. Mai 1968 den bundesweit ersten Geldautomaten aufstellte. 1000 ausgewählte Kunden konnten ihn nutzen. Sie durften bis zu 400 D-Mark abheben, brauchten dafür aber ein ganzes Bündel an Ausrüstung: einen Spezialschlüssel für den Tresor, eine Identifikationskarte aus Plastik und Auszahlungsbelege in Form von Lochkarten.

EC-Karten mit Magnetstreifen gab es noch nicht. In Shepherd-Barrons Automaten mussten Kunden einen mit einer leicht radioaktiven Substanz imprägnierten Scheck schieben. War das nicht gefährlich? Nein, meinte der Erfinder: Er habe berechnet, dass man 136.000 dieser Schecks essen müsse, bevor deren Radioaktivität krank mache.

Eigentlich sollten die Schecks eine sechsstellige Geheimnummer (PIN) zur Identifizierung haben, erinnerte sich Shepherd-Barron: „Aber meine Frau sagte über den Küchentisch hinweg, sie könne sich nur vier Ziffern merken. Ihretwegen wurden also die vier Ziffern der Weltstandard.“ Und sind es bis heute.

Quelle:  Handelsblatt Online
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