Geldexperte im Interview: „So komplex wie zuletzt vor der großen Depression“

Geldexperte im Interview: „So komplex wie zuletzt vor der großen Depression“

, aktualisiert 01. Mai 2016, 19:57 Uhr
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Der Euro ist gegenüber dem Dollar gestiegen, seit die Europäische Zentralbank den Leitzins auf Null gesenkt hat.

von Anke RezmerQuelle:Handelsblatt Online

Die diffusen Ausschläge der Märkte verwirren viele Anleger. Der Chefstratege von Blackrock Deutschland erklärt, warum die gleiche Nachricht an einem Tag für Kursgewinne und am nächsten zu Verlusten führen kann.

FrankfurtWas an den Börsen geschieht, scheint für Anleger immer weniger nachvollziehbar. Zu viel prallt auf die Kapitalmärkte ein, mal reagieren die Kurse von Aktien auf bestimmte Nachrichten extrem, dann wieder gar nicht. Der Wust von Treibern des Marktes und Risiken aus Wirtschaft, Politik und Krisenherden braut sich zu einer Gemengelage zusammen, die viele Anleger den Kopf in den Sand stecken lässt. Dabei müssen sie dringend vernünftig ihr Geld anlegen, um auch im Alter finanziell über die Runden zu kommen. Im Interview erklärt Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, was Vermögende beachten sollten.

Herr Lück, spielen die Börsen verrückt?  Der Euro ist gegenüber dem Dollar gestiegen, seit die Europäische Zentralbank den Leitzins auf Null gesenkt hat. Der Ölpreis klettert seit dem gescheiterten Abkommen der Ölerzeugerländer zur Produktionsbegrenzung. Und die Aktienkurse pendeln dazu anscheinend wild hin und her.
Lück: Die Lage ist für Anleger extrem unübersichtlich. Das macht es ihnen schwer, einen geraden Pfad zu verfolgen.

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Welche Einflussfaktoren beschäftigen Sie aktuell?
Es ist eine komplex wirkende Kombination, die uns seit Anfang des Jahres in Aufregung hält: Es gibt klassische Konjunktursorgen mit Blick auf China, auch auf die USA. Dort fürchtet man ja, dass rezessive Tendenzen auch den Dienstleistungssektor belasten könnten. Dann diskutieren wir Kraft oder Kraftlosigkeit der Notenbanken und die Frage, was zurück zu einer Normalisierung von Geldpolitik führen kann. Für Spannung sorgt zudem der Einfluss des Ölpreises bis hin zu politischen Themen wie Brexit, der US-Präsidentschaftswahlkampf sowie die Destabilisierung im Nahen Osten und das Flüchtlingsthema.

Schon allein der niedrige Ölpreis verwirrt: Er beglückt die Verbraucher, aber verunsichert offenbar die Investoren.

Ja, zuletzt hat sich der Ölpreis um gut die Hälfte erholt, ohne dass sich an fundamentalen Daten etwas geändert hat. Die Schwäche kommt nicht von der Nachfrageseite, das zeigte dann ein noch größeres Problem der Konjunktur auf. Sie stammt von der Angebotsseite - das ist erst einmal gut für die Verbraucher, ein Konjunkturprogramm.

Und was stört die Anleger dann?
Investoren sehen vor allem die Probleme der Schwellenländer, die in den letzten zehn Jahren der Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft waren. Viele Emerging Markets exportieren Öl und leiden unter dem niedrigen Preis. Das führt auch dazu, dass die großen Staatsfonds wegen des niedrigen Ölpreises Aktien verkaufen: Saudi Arabien etwa hat Papiere für über 100 Milliarden Dollar verkauft, Norwegen mit seinem  größten Ölfonds der Welt  könnte auch dazu gezwungen sein. Anleger fürchten einen Kaskadeneffekt, der schlecht für  Aktien wäre. 


„Nachrichten werden an einem Tag positiv, am nächsten negativ ausgelegt“

Aber viele Anleger sind doch auch Verbraucher…
In der ersten Phase des Ölpreisverfalls von 115 auf 60 Dollar pro 159 Liter-Fass standen die konjunkturfördernden Aspekte im Vordergrund. Jetzt sind es eher die belastenden Punkte – seit Strategen die magischen 10 Dollar in den Raum geworfen haben, die bereits 1998 erreicht wurden. Das hat Erinnerungen an die Russlandkrise und die Pleite des Hedgefonds LTCM mit heftigen Verwerfungen an Schwellenländermärkten geweckt. 

Und wie geht es weiter an den Märkten?
Die in den vergangenen Wochen gesehene risikofreundlichere Stimmung an den Aktienmärkten steht meiner Ansicht nach auf tönernen Füßen. Viele Firmen überzeugen nicht mit ihren Zahlen. Wird der Wind wieder rauer, dürften auch die politischen Risiken stärker sichtbar werden: Im Juni entscheiden die Briten über ihren Verbleib in der EU, Ende Juni soll es das nächste Treffen der Ölförderländer geben.

Ist der Markt also derzeit mehr Psychologie als alles andere?
Man hat den Eindruck. Nachrichten werden an einem Tag positiv, am nächsten negativ ausgelegt. Das zeigt: Es fällt Investoren schwer, den Wust von Markttreibern und Risiken aus Wirtschaft oder auch (Geo-)Politik zu sortieren.

Ist das Ausmaß ein Novum?
Ja, in dieser Komplexität vielleicht. Ich glaube nicht, dass wir uns in einer typischen Erholungsphase befinden: Wir haben es mit den Nachwirkungen einer Finanzkrise zu tun, mit einem nach wie vor nicht komplett funktionierenden Finanzsektor – das ist schon wichtig genug, da der Sektor Bindeglied ist zwischen Sparern und Investitionen. Dann ist die Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone nicht gelöst, was sich an schwachem Wachstum und Beschäftigung in Südeuropa zeigt. Und die Krise im Nahen Osten samt Flüchtlingswelle und nicht  zuletzt dem Ölpreis belasten ebenfalls.    


„Krisen, die zu besonderen Verwerfungen führen, machen Anleger ratlos.“

Ist es schlimmer als nach der Jahrtausendwende?
Immer wenn es Krisen gibt, die zu besonderen Verwerfungen führen, wird es unübersichtlich: Nach dem Zusammenbruch der „New Economy“ und dem Terroranschlag im September 2001, dem Krieg in Afghanistan und dem Irak gab es schon auch Gefühle von Chaos und Ohnmacht. Aber damals gab es noch keine Staatsschuldenkrise und keine Krise der Politik in der Euro-Zone. Die Zentralbanken waren auch noch nicht am Limit. Die Zeiten heute scheinen so komplex wie vielleicht zuletzt vor der großen Depression Ende der zwanziger Jahre.

Und das macht Anleger ratlos…
Ja, im Vergleich zur Jahrtausendwende gibt es noch das Zusatzproblem, dass Anleger ihr Geld nicht einfach auf dem Konto parken und wenigstens ihr Kapital  erhalten können. Heute verlieren sie real Geld. Es gibt praktisch keine Fluchtmöglichkeiten – für Anleger ist es bedrohlich zu realisieren, dass der risikolose Zins negativ ist. Und was schwerer wiegt: Vor allem junge Leute sorgen sich um ihre Altersvorsorge. Das macht viele ratlos und dafür suchen sie als erstes die Europäische Zentralbank als Schuldigen – deshalb hört man jetzt ja auch diese massive Kritik aus der Politik. Auch, dass die Rentenreform von vor 15 Jahren gerade nur wieder zurück gedreht wird, schafft nicht gerade Vertrauen.

Da ist ja fast verständlich, dass die Menschen Vogel-Strauß spielen… 
Das bringt Anleger zu einem klassischen, nachvollziehbaren, aber falschen Reflex: Sie parken den Großteil ihres Vermögens auf Konten.

Welche Strategie wäre klüger?
Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Deutschen mehr Aktien halten müssen. Gerade wenn es um das Thema Altersvorsorge geht und Aktien sich besonders für die langfristige Anlage eignet, weil in der kürzeren Frist die Kurse schwanken. Über die lange Sicht bieten diese Unternehmensbeteiligungen der Erfahrung nach die besten Wertzuwächse plus stabile Erträge, die Dividenden. Und wer auf Anleihen setzen will, sollte mehr Risiko wagen: also keine quasi unverzinsten Bundesanleihen kaufen, sondern andere Qualitäts-Papiere ohne Spitzenbonität.

Was empfehlen Sie?
Seit kurzem raten wir auch zu einem kleinen Anteil klassischer Absicherung wie Gold.

Das bringt aber keinen Ertrag.
Das stimmt. Doch da es keine Zinsen gibt, entgeht dem Anleger mit Gold nichts. Und der Goldpreis liegt in der Nähe der Produktionskosten von 1100 bis 1200 Dollar für die Feinunze. Bei einem Preis von gut 1200 Dollar hat der Anleger kein wirkliches Verlustrisiko. Gold kommt von einem Höchststand von über 1800 Dollar und war schon fast auf 1000 Dollar gefallen.

Gegen was sichert man sich mit einer derart spekulativen Anlage ab?
Ein kleiner Anteil Gold von fünf Prozent nimmt Schwankungen aus dem Depot, es sichert ab.

Wie viele Aktien sollten die Deutschen denn halten, um ihr Vermögen in diesen undurchsichtigen Zeiten zu erhalten  und zu mehren?
Wer einen Anlagehorizont von mindestens fünf Jahre hat, braucht eine vernünftige Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen, Immobilien, Gold und Liquidität. 30 Prozent Aktien sollte jeder mindestens im Depot haben.

Herr Lück, vielen Dank für das Interview.  

Quelle:  Handelsblatt Online
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