Geldpolitik: In Kanada stehen die Zeichen auf Zinserhöhung

Geldpolitik: In Kanada stehen die Zeichen auf Zinserhöhung

, aktualisiert 12. Juli 2017, 01:48 Uhr
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Hebt die kanadische Notenbank den Leitzins? Ökonomen begutachten derzeit alle Anzeichen, die dafür oder dagegen sprechen.

von Gerd BrauneQuelle:Handelsblatt Online

Am heutigen Mittwoch gibt die Bank of Canada ihren geldpolitischen Kurs bekannt. Vor der Entscheidung ihres Zentralbankrats warten nicht nur die Kanadier auf Hinweise auf mögliche weitere Zinsanhebungen.

OttawaMit Spannung sehen Analysten, Wirtschaft und Verbraucher der Zinsentscheidung der kanadischen Notenbank am Mittwoch entgegen. Der Gouverneur der Bank of Canada, Stephen Poloz, hat deutliche Signale ausgesendet, dass eine Erhöhung des Leitzinses ansteht. Aus der Zinsentscheidung, ihrer Begründung und dem gleichzeitigen Bericht zur Geldpolitik erhoffen sich Marktbeobachter Aufschluss darüber, ob in diesem Jahr weitere Erhöhungen des Leitzinses anstehen.

Eine knappe Mehrzahl der Analysten, die die Agentur Bloomberg befragte, sehen nun eine gute Chance für eine Anhebung des Tagesgeldsatzes, der „overnight rate“, um 0,25 Prozentpunkte. Sie steht seit dem Sommer 2015 bei 0,5 Prozent.

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Es wäre die erste Zinserhöhung seit dem Sommer 2010, als Poloz' Vorgänger Mark Carney, der heutige Gouverneur der Bank of England, nach dem Ende der Finanzkrise die Zinsen von 0,5 auf 1 Prozent erhöhte. Der seit Sommer 2013 amtierende Poloz drehte dies im ersten Halbjahr 2015 wieder auf 0,5 Prozent zurück. Er reagierte damit auf den Ölpreisverfall, der Kanadas Wirtschaft und Wachstum belastete – und überraschte die Märkte mit diesem Schritt.

War noch in den ersten Monaten dieses Jahres hin und wieder über eine weitere Zinssenkung spekuliert worden, die der Wirtschaft angesichts der Unsicherheiten nach dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA zusätzlichen Schub geben könnte, so hat sich in den vergangenen Wochen die Lage verändert. Das erste Signal gab vor einem Monat die stellvertretende Gouverneurin Carolyn Wilkins, als sie in einer Rede ausführte, es gebe Hinweise auf breites Wachstum in der Volkswirtschaft und die Bank werde ausloten, ob sie die Zinsen auf seinem jetzigen niedrigen Stand belassen werde.

Dies war nach Einschätzung von Nathan Janzen, Ökonom bei RBC Economics, der erste Hinweis auf einen „scharfen Wandel im Ton“ der Entscheider bei der Bank of Canada. Danach gab Poloz selbst mindestens zweimal zu Protokoll, dass die Zinssenkungen von 2015 ihren Zweck erfüllt hätten.

Auch in einem Exklusivinterview mit dem Handelsblatt Anfang dieses Monats, das in Kanada auf sehr viel Resonanz stieß, hatte Poloz eine Zinserhöhung angedeutet. „Unser Vizegouverneur hat vor kurzem gesagt, wenn man auf ein rotes Bremslicht zufährt, sollte man rechtzeitig vom Gaspedal gehen und nicht bis zur letzten Sekunde warten. Das Gleiche gilt, glaube ich, für die Geldpolitik. Man muss antizipieren, wo die Wirtschaft in 18 bis 24 Monaten steht. Wenn wir nur auf die Inflation schauen und darauf reagieren, würden wir unser Inflationsziel nie erreichen und wären immer zwei Jahre zu spät. Deshalb müssen wir auf weitere Indikatoren achten, die die Inflation in unseren Modellen vorhersagen“, sagte Poloz dem Handelsblatt.


Arbeitsmarktdaten und Wachstum sprechen für Zinserhöhung

Die Finanzmärkte haben die Zinserhöhung offenbar bereits eingepreist, denn seit der Aussage von Wilkens stieg der Wert des kanadischen Dollar gegenüber dem US-Dollar um etwas mehr als 3 US-Cents auf jetzt 0,775 US-Dollar. Die Inflationsrate liegt weiter deutlich unter dem Zielsatz von zwei Prozent, was eigentlich gegen eine Zinserhöhung sprechen würde. Aber ein wichtiger Indikator, von dem Poloz spricht, ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Als Ende vergangener Woche das kanadische Statistikamt mitteilte, dass im Juni 45.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden – die Mehrzahl waren allerdings keine Vollzeit stellen – und die Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent fiel, wurde dies von manchen als endgültiges Signal zugunsten einer Zinserhöhung gesehen. Bislang habe er noch eine Zinserhöhung für Oktober erwartet, aber der aktuelle Arbeitsmarktbericht „zementiert die Gründe für die Zentralbanker, den Zinssatz anzuheben“, konzidierte der Chefökonom von CIBC World Markets, Avery Shenfeld.

Neben den Arbeitsmarktzahlen zeigt auch das Wachstum deutlich nach oben. Im ersten Quartal 2017 wuchs das Bruttoinlandsprodukt Kanadas um 0,9 Prozent, nach 0,7 Prozent im 4. Quartal 2016. Daraus ergibt sich nach den Berechnungen des Statistikamts für das erste Quartal eine auf das Jahr umgerechnete Wachstumsquote von 3,7 Prozent, was deutlich mehr wäre als das Wachstum in den USA.

Kanada habe in den vergangenen drei Quartalen das Wachstum in der G7 angeführt, sagte Janzen. Zuwächse beim Einkommen, bei Geschäftsinvestitionen und der Nachfrage der Verbraucher gleichen nach seiner Meinung die Unsicherheiten über die Politik Donald Trumps und die möglichen Auswirkungen auf den Handel mit den USA aus. Eine Zinsanhebung könnte zudem den Immobilienmarkt, der vor allem in Vancouver und Toronto ganz heiß ist, etwas abkühlen, andererseits aber auch Stimulanz aus der Wirtschaft nehmen.

Die Bank of Canada „hatte reichlich Gelegenheiten, die Märkte von der Erwartung, dass im Juli die Zinsen erhöht werden, wegzuführen. Stattdessen entschied sie, diese zu verstärken“, sagt Benjamin Reitzes von BMO (Bank of Montreal) Capital Markets. Nun werden die Märkte vor allem auf Hinweise achten, wann die nächsten Veränderungen kommen – im Oktober oder erst im Januar 2018 –, „und wie aggressiv die BoC“ durch diesen Zyklus gehen wird, sagt Reitzes mit Blick auf die Entscheidung am Mittwoch.

„Einige Beobachter“, so schreibt die Tageszeitung „Globe and Mail“, erwarteten nun bis Ende nächsten Jahres drei Zinserhöhungen. Die Bank jedenfalls, so wird in der Hauptstadt Ottawa und an der Bay Street, dem Bankenzentrum in Toronto, erwartet, muss die Gründe für die Zinsanhebung und ihren künftigen Kurs deutlich machen. „Weitere Überraschungen wären nicht willkommen, weder von den Märkten noch – und dies ist wichtiger – von Haushalten und Unternehmen“, sagte Derek Holt von der Bank of Nova Scotia.

Quelle:  Handelsblatt Online
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