Generation Gründer: Das Ende der Geduld

Generation Gründer: Das Ende der Geduld

, aktualisiert 09. November 2016, 12:56 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Es gibt viele Start-ups, die lösen ein Problem, das kein Mensch hat. Es gibt aber immer wieder auch solche, die sich den ganz großen Fragen des Lebens widmen. Der Parkplatzsuche zum Beispiel.

Berlin560 Millionen Stunden im Jahr verbringen die Deutschen mit der Suche nach einem Parkplatz. Und es sind keine schönen Stunden. Nein, das können richtig schlimme Momente sein, wenn sich eine vermeintliche Lücke als Einfahrt entpuppt. Wenn der Vordermann plötzlich auch parken will. Wenn der Ladenparkplatz eine Schranke hat, obwohl es Nacht ist und sowieso alle im Internet kaufen.

Die Parkplatzsuche ist eine der letzten Proben der menschlichen Geduld. Von vielen hat uns das Internet ja schon befreit. Das Kleid von Zalando kommt innerhalb von einer Stunde, die Antwort auf den Liebessmiley braucht bei Whatsapp nur ein paar Sekunden. Also, theoretisch. Beim Partner fürs Leben wie ist es wie beim Parkplatz: Man weiß vorher überhaupt nicht, wann man ihn findet. Das macht die Warterei umso quälender.

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Glücklicherweise gibt es gleich eine Reihe von Start-ups, die sich um das Parkplatz-Problem kümmern. Cleverciti aus München zum Beispiel erkennt mit Hilfe von Sensoren an Hauswänden oder Straßenlaternen, wo eine freie Lücke ist und meldet sie an die Navis der Autofahrer weiter. Bei Ampido aus Köln zum Beispiel können Privatleute, Firmen und Kommunen ihre Parkplätze vermieten. Die Buchung funktioniert so ähnlich wie bei Airbnb.

Aber was machen all diese Start-ups, wenn es bald selbstfahrende Autos gibt? Die immer unterwegs sind und niemals parken müssen, weil sie ja ohnehin niemandem mehr gehören? Innovativ sein, ist das Eine, innovativ bleiben, ist die Kunst - das gilt für 190-jährige Familienunternehmen wie für Start-ups.

Es gibt ganz junge Unternehmen, die haben ihr Geschäftsmodell schon wieder auf den Kopf stellen müssen. Das Berliner Start-up Door2Door zum Beispiel ist als Routenplaner für den öffentlichen Nahverkehr gestartet. Auf dem Weg haben die Gründer gemerkt, dass eine volle, virenverseuchte S-Bahn auf Dauer keine Alternative zum selbstfahrenden Auto ist.

Jetzt betreiben sie einen Shuttle-Sharing-Service, der die Leute von zu Hause abholt, gesteuert von Algorithmen. Gerade läuft die Testphase. Ob das die Lösung sein wird, weiß man nicht. Vielleicht sind sie noch zu früh dran für die traditionell langsamen Verkehrsbetriebe, vielleicht zu klein, um mit einem der Autohersteller zu kooperieren.

Innovation ist immer auch eine Frage des Timings. Es geht darum die Geißeln der Menschheit, die sogenannten Megatrends, rechtzeitig zu erspüren – aber lange genug zu warten, bis genug Menschen bereit sind, für eine Lösung des Problems zu bezahlen. Dafür braucht man Geduld.

Geduld kann ja auch was Schönes sein. Was wäre ein Alltag, in dem jeder Termin stattfindet und zwar immer pünktlich? Wo man nicht mal einfach zehn Minuten aus dem Fenster gucken kann, weil man nicht weiß, wie lange man warten wird. Und es sich womöglich nicht lohnt, mit der nächsten Aufgabe anzufangen?

Serendipity, der glückliche Zufall, entsteht nur da, wo man nicht alles weiß. Die Start-ups wissen das natürlich längst. Meditations-Apps wie Seven Mind üben die Menschen in Geduld und Gleichmut. Weil ja auch kaum etwas im Leben glücklicher macht als dieser seltene Moment, wenn der Parkplatz direkt vor der Tür frei ist.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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