Generation Gründer: Geld, Liebe und Burn-Out

Generation Gründer: Geld, Liebe und Burn-Out

, aktualisiert 15. Dezember 2016, 18:58 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Gründer müssen enthusiastisch sein und für ihr Produkt brennen. Es gibt daher Dinge, über die man in der Gründerszene nicht so offen spricht. Jetzt hat der Soundcloud-Gründer Eric Wahlforss eine Ausnahme gemacht.

BerlinWenn man die Gründer in Berlin-Mitte fragt, wie es ihnen geht, sagen sie meistens: Super. Die Finanzierungsrunde steht kurz vorm Kippen und die Kinder hat man schon fünf Tage nicht gesehen, aber alles: super. Was sollen sie auch sonst sagen. In der Start-up-Szene muss man 24 Stunden am Tag enthusiastisch sein, sonst kann man es gleich bleiben lassen. Eins der Hauptkriterien für ein Investment ist die Frage, ob einer „dafür brennt.“

Er sei total ausgebrannt gewesen, erzählte Eric Wahlforss vergangene Woche an einem Abend in der Berliner Factory. Er ist der Gründer von Soundcloud, einem der coolsten Start-ups der Stadt. Eine Plattform für selbstgemachte Musik, ein soziales Netzwerk für DJs und die Elektromädchen von den H&M-Plakaten. Soundcloud hat 175 Millionen Nutzer im Monat und selbst im Silicon Valley einen Klang.

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Wahlforss und sein Partner Alex Ljung, beide aus Schweden, brannten für Musik – und für Technik. Als sie Soundcloud gründeten, luden sie ein paar Freunde ein, den Sommer mit ihnen in Berlin zu verbringen, der Hauptstadt der Elektroszene. Den Sommer über in einem Apartment abhängen und programmieren, war ihre Vorstellung von Leben. Und im Club sein, auflegen, zuhören, tanzen, das Gefühl aufsaugen, das die Nutzer von Soundcloud miteinander verbindet.

Aus Enthusiasmus heraus schufen sie ein Produkt, das Macher und Hörer gleichermaßen begeisterte. Die großen Plattenfirmen waren weniger begeistert. Sie suchten Tag und Nacht nach Geld. Manchmal habe er sich auf den Boden geworfen vor Verzweiflung, erzählt Wahlforss. Privat habe er gerade in einer komplizierten Beziehung gelebt. Er habe zum Psychologen gehen müssen.

„Literally“, sagt Wahlforss, zum Psychologen, wirklich jetzt. Das Publikum klatscht. Das hört man in der Start-up-Szene nicht so oft. „Burn-Out? Ist nichts für mich“, hat Oliver Samwer mal gesagt. Ein Gründer kriegt keine Zweifel, und schon gar keine Depression. Ein Gründer läuft einen Marathon, weil er beim Laufen so gut runterkommt und das Ergebnis kann man messen und bei Facebook veröffentlichen.

Dafür gibt es erstaunlich viele Start-ups in Berlin, die sich mit Depressionen beschäftigen, Moodpath zum Beispiel oder Selfapy, oder mit Meditation – wie 7mind.
Es gibt den sogenannten Founder-Burn-Out, bestätigt Sophie Chung. Sie ist Ärztin und Gründerin. Ihr Start-up Junomedical vermittelt ärztliche Behandlungen im Ausland. Sie arbeitet jede Nacht bis um drei, schließlich will sie auch mit den Kollegen in Australien kommunizieren. Zum Ausgleich trainiert sie einmal die Woche mit einem Schwimmlehrer.

Es geht ihr super. Sie würde nichts daran ändern wollen, sagt Chung. In der Gesundheitsbranche laufen Start-ups bei den Behörden und der Ärztelobby andauernd gegen Mauern. Sie kann sich keine Zweifel erlauben, wenn sie vorankommen will. Nicht vor ihrem Investor, der bei diesem Gespräch anwesend ist, nicht vor Journalisten. Schon gar nicht vor Mitarbeitern, die kaum etwas dafür bekommen, außer einer ganz großen Vision.

Eric Wahlforss erzählt noch, dass er viel Zeit im Valley verbringt, wo die Hauptinvestoren von Soundcloud sitzen, unter anderem Twitter und Kleiner Perkins. Dass sie gerade ein Bezahlmodell einführen und dass ihre Plattform mehr Zugriffe hat als Spotify. Und dann erzählt Wahlforss noch, dass er mal für zwei Wochen ohne Handy in Thailand war. Dass er vor sechs Wochen geheiratet hat und dass es wichtig ist, sich Zeit zu nehmen für das, was man liebt.

Und wenn man sein Start-up nicht liebt, kann man es gleich bleiben lassen.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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