Generation Gründer: Keine Zeit verplempern

Generation Gründer: Keine Zeit verplempern

, aktualisiert 11. Januar 2017, 18:06 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Ein Erfolgsgeheimnis der Gründer in Berlin-Mitte ist simpel: Fokussieren. Denn wer sich fokussiert, vergeudet keine Zeit. Kein Wunder, dass jetzt alle fokussiert sein wollen. Man kann damit sogar Bullshit verkaufen.

BerlinWenn man die Gründer in Berlin-Mitte nach den drei wichtigsten Kriterien für Erfolg fragt, sagen die meisten: Fokus, Fokus, Fokus. Sich auf das Kernziel fokussieren, nicht ablenken lassen. Weder von nervigen Problemen, noch von genialen Ideen, auch nicht von Mutti, die anruft, um zu fragen, wieso man sich seit Monaten nicht meldet.

In der Gründerliteratur gibt es zahlreiche Ratgeber zum Thema Fokus. Denn Fokussieren ist eine der schwierigsten Übungen in einem Start-up, in dem naturgemäß noch nichts fertig ist, also alles wichtig ist und fast alles möglich. Bloß, alles gleichzeitig machen, klappt nie.

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Kein Wunder, dass jetzt alle fokussiert sein wollen. Wer sich fokussiert, der weiß, was er will, was wichtig ist und was nicht. Der verdaddelt keine Zeit mit grübeln oder chatten. Der beantwortet stets alle seine Mails, bringt zu Ende, was er sich vorgenommen hat. Manchmal auch nur, um festzustellen, dass sich ein Projekt nicht lohnt. Das kann er dann von der „Was-wäre-wenn“-Liste streichen, die den Nicht-Fokussierten den Blick nach vorn vernebelt.

Anyline zum Beispiel, ein Software-Start-up aus Wien, schreibt Algorithmen, die Buchstaben lesen können, und Zahlen. Angeblich machen sie das gut. Eon hat mit Hilfe von Anyline eine App entwickelt, mit der die Kunden ihren Stromzähler selbst ablesen können. Früher mussten sich die Leute von der Arbeit freinehmen, wenn der Stromableser kam, der den Konzern überdies viel Geld gekostet hat. Jetzt können sich alle besser auf ihr Kerngeschäft fokussieren.

Eines Tages, steht heute schon fest, wird der Stromkasten selbst mit Eon sprechen und die Anyline-App wieder überflüssig machen. Dann muss sich Gründer Lukas Kinigadner neue Anwendungsgebiete für seine Algorithmen suchen. Der Österreicher sieht‘s gelassen. Das hat ihm sein Investor geraten. Kinigadner soll sich mal schön darauf fokussieren, Weltmarktführer in mobiler Texterkennung zu werden. Alles weitere findet sich.

Das Schöne am Fokussieren ist, dass man damit auch schlechte Nachrichten gut begründen kann. Das Unternehmen schreibt hohe Verluste? Kein Problem. Wir fokussieren uns erst einmal auf den Umsatz, sagt man da. Das Geschäftsmodell funktioniert nicht? Fokussieren wir uns halt auf neue Kundengruppen. Die Expansion ins Ausland ist gefloppt? Wir fokussieren uns jetzt voll und ganz auf unsere Kernmärkte.
Muttis Geburtstag vergessen? Shit.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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