Generation Gründer: Painpoints überall

Generation Gründer: Painpoints überall

, aktualisiert 07. Dezember 2016, 17:20 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Ob Friseur, Taxi oder Schuhladen – in einer Kundenbeziehung ist es wie mit einer Ehe: Oft sind es die kleinen Dinge, die nerven. Wer nicht aufpasst, verliert seine Kunden an Start-ups – oder arbeitet mit ihnen zusammen.

BerlinEine der wichtigsten Beziehungen im Leben einer Frau ist die zu ihrem Frisör, beziehungsweise ihrer Frisörin. Ich weiß noch, wie betroffen ich war, als meine plötzlich verschwunden war. Gekündigt, mit einer Frist von vier Wochen. Stattdessen machte mir der Chef die Haare. Rot.

Rot passt nicht zu mir. Meine Frisörin weiß das. Sie würde mir nie zu Rot raten. Auch, weil sie weiß, dass ich ihre Ratschläge immer befolge. Ich vertraue ihr. Wir sind uns nahe genug, um ehrlich zu sein, aber zu weit entfernt, als dass es einem peinlich wäre. Ich war froh, als ich sie wiedergefunden hatte. Bei Facebook.

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Die Digitalisierung zerstört Beziehungen, sagen alle, die Angst haben, langjährige Kunden an Amazon, Facebook oder Google zu verlieren. Dabei kann das Internet die Beziehung auch retten. Es gibt jetzt viele Start-ups, die Frisöre und ihre Kunden noch enger zusammenbringen wollen. Shore zum Beispiel, eine Softwarefirma aus München, die Buchungssysteme und Datentools für kleine Betriebe baut.

Meine Frisörin hat jetzt einen eigenen Salon. Seitdem kann man bei ihr auch online Termine buchen. Ihre Software heißt nicht Shore, sondern Chilli, macht aber das Gleiche. Das ist praktisch, weil man ja immer dann an den Friseurbesuch denkt, wenn man morgens in den Spiegel schaut, oder drei Tage vor der Hochzeit, wenn der Salon gerade geschlossen ist. Es ist jetzt auch leiser bei ihr, weil das Telefon nicht mehr andauernd klingelt und sie rangehen muss, obwohl sie gerade schneidet und wir über unsere Lieblingsserie sprechen.

Das Online-Buchungstool ersetzt den Dialog, der auf ihrer Seite immer so klang: „Ach, hallo! Nee, Samstag ist voll, Dienstag geht. Mhhh, Donnerstag um zwölf? Nachmittags geht nicht. Nur Schneiden? Dann Freitag. Ja. Jaa, genau. Bis dann“. Dann wurde der Termin im Kalender eingetragen, mit Bleistift. Ganz zart, damit man es wegradieren konnte, wenn ein Kunde absagte. Und weil die meisten Kunden ihre Pläne schneller ändern als ihre Haarfarbe, waren manche Blätter ganz dünn vom vielen Radieren.

In der Gründerszene nennt man so etwas einen Painpoint. Wenn Start-ups eine Branche disrupten wollen, setzen sie immer da an, wo es weh tut. Die etablierten Unternehmen machen sich oft erst lustig, dann sind sie überrascht. Mit einer Kundenbeziehung ist es wie in einer Ehe: Meist sind es die kleinen Dinge, die am meisten nerven. Und wer nicht mehr auf den anderen achtet, wundert sich eines Tages, wenn der die Schnauze voll hat.

Mit dem Taxi durch die Stadt fahren, auf der Suche nach einem Geldautomaten, weil das Kartenlesegerät nicht funktioniert: Ein Painpoint. Über Taxi-Apps wie Mytaxi oder Uber kann man nicht nur online buchen, sondern auch bezahlen. Zu Hause feststellen, dass die Schuhe, die man im Laden gekauft hat, nicht zum Kleid passen: Ein Painpoint. Dann lieber bei Zalando ordern und zwei Wochen Zeit zur Rückgabe haben.

Den Fantasien der Start-ups sind dabei keine Grenzen gesetzt. In ihrer digitalen Kundendatei könnte meine Frisörin jetzt auch Muster nachvollziehen, vielleicht, dass ich an Regentagen zu blonden Strähnchen tendiere. Das Buchungstool würde sie rechtzeitig daran erinnern, dass sie Farbe nachbestellen muss. Wir können uns der Pflege meiner Haare und unserer Beziehung widmen.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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