Generation Gründer: Rettet den Freak!

Generation Gründer: Rettet den Freak!

, aktualisiert 16. November 2016, 14:58 Uhr
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In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

Um erfolgreicher Gründer zu sein, muss man eigentlich ein Freak sein – nicht nur Bart tragen und in Sneakern rumlaufen. Aber die Start-up-Szene wird genau das, was sie niemals werden wollte: immer angepasster.

BerlinWenn man die Gründer in Berlin-Mitte fragt, was sie gemacht haben, bevor sie Unternehmer wurden, und Bartträger, sagen die meisten: Beratung. Vor ein paar Jahren, als sich die Männer alle noch ordentlich rasierten und Turnschuhe eine Freizeitbekleidung waren, galt die Beratung als optimale erste Stufe der Karriereleiter. Wer seine Ziele immer übererfüllt, und kein Freak ist, kommt hier schnell nach oben und kriegt obendrein noch einen schönen Bonus.

Heute gehen immer mehr junge Leute von den Business-Schools direkt in die Start-up-Szene. Wenn man Glück hat, kommt der Erfolg hier noch schneller und ist der Bonus noch ein bisschen größer. Was die Bartträger heute machen, ist im Wesentlichen das Gleiche wie früher. Sie befüllen Excel-Tabellen und erfüllen Ziele. An sich ist daran ja nichts auszusetzen. Doch es gibt eine Gefahr: Der Freak geht verloren.

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Die Firma Big Rep aus Berlin zum Beispiel, Hersteller des größten und gleichzeitig günstigsten 3-D-Druckers der Welt, war ursprünglich die Gründung zweier Künstler. Sie wollten nicht reich werden, sie wollten bloß große Objekte drucken können. Und zwar zu einem anständigen Preis. Sie tüftelten so lange, bis sie eine Lösung hatten. Heute führt das Unternehmen ein anderer. Die Gründer machen wieder Kunst.

Offenbar passten sie nicht in eine Welt, in der Anpassung noch immer oder schon wieder ist, was zählt. Statt Krawatte trägt man jetzt eben Sneaker, statt Leistung sagt man Key Performance. Hauptsache, es ist das, was der Investor hören will.

„Insecure Overachiever“ nennen sie diesen Typus Mensch bei einer großen, internationalen Unternehmensberatung. Für sie ist das der optimale Arbeitnehmer: Hochgradig talentiert, und unsicher genug, um niemals nachzulassen, geschweige denn auszuflippen. Auch viele Investoren lieben solche Leute. Sie können binnen kürzester Zeit die dicksten Marktanalysen studieren, Schwachpunkte identifizieren, irgendeine Lösung bauen und gezielt bewerben. Innovation ist, wenn man etwas anders macht als vorher. Innovation ist aus der Reihe tanzen. Aus Liebe zum Produkt.

Matthias Kaldenhoff, Vice President bei SAP, erzählte neulich – zufälligerweise ebenfalls bei einer Unternehmensberatung – die Anekdote von der Affenhorde, der die Forscher die Banane madig gemacht hatten. Sobald eines der Tiere die Banane im Käfig berührte, wurde die gesamte Horde mit eiskaltem Wasser überschüttet. Bald ignorierten die Affen den Leckerbissen. Da begannen die Forscher, die Affen auszutauschen. Jedes Mal, wenn ein neues Tier in die Horde kam, und nach der Banane greifen wollte, verprügelten die anderen den ahnungslosen Artgenossen. Irgendwann war kein Affe mehr da, der je mit kaltem Wasser in Berührung gekommen war. Trotzdem griff niemand nach der Banane. Sie wussten nicht, warum. Sie hatten sich angepasst.

Wenn die Großkonzerne zu Veranstaltungen einladen, müssen heute immer auch Start-ups mit dabei sein. Man trinkt eisgekühltes Kokoswasser zu aromatisiertem Popcorn, lauscht Youtube-Stars und mindestens einer auf der Bühne trägt Bart. Bananen kriegt keiner.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

Quelle:  Handelsblatt Online
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